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Von Kräuterfeen und männlichem Desinteresse

Die Kräuterwanderung in einem Ustermer Wald ist Frauensache. Die Abwesenheit der männlichen Artgenossen ist für das starke Geschlecht kein Problem, wird aber dennoch immer wieder zum Thema.

Kräuterpädagogin Ulrike Amann zeigt eine Brennnessel, die gut für die Prostata sein soll., Die Kräuterwanderung beginnt im Gebiet Chammerholz in Wermatswil. Dabei sollen Kräuter entdeckt und gesammelt werden., Reine Frauensache: An der Exkursion sind neun Teilnehmerinnen dabei., Beinahe 29 Pflanzen sind auf der Liste der Teilnehmerinnen. Diese sind alle am Wegrand zu finden., Immer wieder stoppt die Gruppe und erfährt von Amann Wissenswertes über die Heilkraft oder Schmackhaftigkeit der Kräuter., Die Frauen schreiben eifrig mit und haken ihre Kräuter auf der Liste ab., Klee wird gleich vor Ort verspeist., Der Zwerg-Holunder bildet schwarze Beeren aus und wird einen bis zwei Meter hoch., Der gefleckte Schierling ist giftig. Mit dieser Pflanze soll schon der griechische Philosoph Sokrates umgebracht worden sein. , Die Wanderung neigt sich dem Ende zu..., ...mit der Verköstigung der Kräuter.

Fotos: David Marti

Von Kräuterfeen und männlichem Desinteresse

Kräuterpädagogin Ulrike Amann hat ein Problem mit Männern. Also nicht wirklich, aber zumindest hätte die Ustermerin gerne mehr männliche Teilnehmer an ihrer Kräuterwanderung. Dies verrät sie am Dienstagabend gut gelaunt am Waldrand beim Chammerholz in Wermatswil. «Es ist traurig, dass jeweils nur so wenige Männer bei den Führungen dabei sind», sagt Amann. Auch zur heutigen Exkursion haben sich nur Frauen angemeldet, neun an der Zahl. Das Thema Männer sollte während der zweistündigen Wanderung wie eine Klette an der Schar Frauen kleben.

Amann legt Wert auf eine familiäre Atmosphäre und deswegen dürfen sich auch alle kurz in der Runde vorstellen und ihre Beweggründe für die Teilnahme erklären. So will eine Frau ihre Kräuterkenntnisse für die Küche aufbessern, eine andere möchte ihr Wissen für ihre Nebentätigkeit als Gesundheitsberaterin erweitern und eine weitere hat seit Corona ihre Leidenschaft für Kräuter entdeckt.

Ulrike Amann drückt jeder Teilnehmerin eine Liste mit 29 Pflanzen in die Hand, die es auf der Wanderung zu entdecken gilt. Danach führt die gebürtige Vorarlbergerin, bekleidetet mit grüner Schürze und Hut, die neun Teilnehmerinnen in den Wald. Amann ist begeistert von dem Gebiet. «So viele Kräuter wie hier findest du in keinem anderen Wald.»

Das Prostata-Kraut

Weit kommt die Gruppe nicht, schon nach wenigen Metern entdeckt Amann die Taubnessel. «Ah, die Brennnessel, die nicht brennt», weiss eine Teilnehmerin. Die anderen versammeln sich und beugen sich über das Kraut.

Von den Brennnesseln gibt es derweil genug im Wald. Amann pflückt eine so selbstverständlich wie ein Gänseblümchen. «Brennnessel ist ein typisches Männerkraut, weil es gut für die Prostata ist», sagt sie. Was in der Runde die Frage aufwirft, ob sich ein Mann in einer Frauenrunde überhaupt getrauen würde, eine Brennnessel zu pflücken. «Der wäre sofort gebrandmarkt als Mann mit lädierter Prostata», sagt eine Teilnehmerin.

«Diejenigen Männer, die ich kenne, interessieren sich nicht für Kräuter.»

Teilnehmerin

Amann erklärt darauf, wofür die Pflanze auch noch taugt. Sie sei beispielsweise ein hervorragender Dünger und schmecke als Zutat im Tee oder Salat. Als die Gruppe sich wieder in Bewegung setzt, unterhalten sich zwei Frauen erneut über das feige Fernbleiben der männlichen Artgenossen. «Die wollen doch alle EM schauen. Ich weiss aber gar nicht, wer heute spielt», sagt die eine. «Zwei Mannschaften», weiss die andere.

Der Östrogenlieferant

Eine der Teilnehmerinnen hat vier weitere Frauen zum heutigen Kurs angemeldet. Sie fühlt sich jedoch nicht imstande, eine ebenso grosse Gruppe Männer aufzubieten. «Diejenigen Männer, die ich kenne, interessieren sich nicht für Kräuter», sagt sie.

«Die Pflanze enthält sehr viel Östrogen, ist also ideal für die Wechseljahre.»

Ulrike Amann, Kräuterpädagogin aus Wermatswil

Aber auch für die Frauen gibt es ideale Pflanzen, wie den Rotklee. «Die Pflanze enthält sehr viel Östrogen, ist also ideal für die Wechseljahre», sagt Amann. Die Teilnehmerinnen erfahren auch, dass sich die Weisse Taubnessel als Badezusatz eignet, wenn man «untenrum ein Problem hat», wie die Kräuterfachfrau sagt.

Eine Teilnehmerin sorgt sich während dem Kräutersammeln vor dem Fuchsbandwurm. Amann rät das Kraut im Zweifelsfall zu kochen oder in eine Salzlösung einzulegen, um den Parasiten abzutöten.

Prostata-Gewächs zum Zweiten

Die Stimmung in der Gruppe ist ausgelassen. «Wie auf einem Schulreisli», sagt eine Teilnehmerin. Eine andere pflichtet ihr bei und isst dabei ein Kleeblatt. Die heiteren Frauen haben sich gegen Ende bestens ohne das Thema Männer arrangiert. Indiz dafür: Als Ulrike Amann stolz den «kriechenden Günsel» – in gewissen Landesteilen mundartlich als Wort für Penis bekannt – vom Waldrand pflückt, kichert keine.

Der Kräutersack, den einige mit sich tragen, ist mittlerweile gut gefüllt, alle Kräuter auf der Liste sind abgehakt, die Fotos geschossen. Nun lädt Amann zur Verköstigung im Wald ein und stellt auf dem Kiesweg Tisch und Bänke auf. Nach kurzer Zeit steht eine Platte Kräuterbrötli bereit, die bald verspeist sind.

Ulrike Amann will ihr Männerproblem bald gelöst haben. Deswegen hat sie ein Konzept aufgegleist und will bald einen Waldspaziergang «Männerkräuter & Männergesundheit: for Men only!» anbieten. Dabei sollen Teilnehmer unter anderem erfahren, wie sie mit Kräutern ihre Testosteron-Produktion verbessern können.

Schon heute hat Amann einen weiteren Tipp, den die anwesenden Frauen ihren männlichen Artgenossen weitergeben können: «Jeder Mann sollte einmal in der Woche Tomaten essen. Das hilft zur Vorbeugung gegen Prostatakrebs.»

 

Von Wanderungen bis Kochkurse

Die diplomierte Kräuterpädagogin und Marketingleiterin Ulrike Amann führt seit sechs Jahren die Firma «Grüner Hut» in Wermatswil. Über diese bietet sie Workshops, Vorträge, Kochkurse, Kräuterwanderungen und Beratungen an. Weitere Informationen unter www.gruenerhut.ch.

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