Tier des Jahres verträgt die Oberländer Landwirtschaft nicht
Es ist ein unscheinbares Lebewesen, das Pro Natura zum Tier des Jahres 2021 gekürt hat. Der Bachflohkrebs ist nur gerade ein bis zwei Zentimeter gross. Doch für die Umweltorganisation hat der kleine Krabbler den Titel verdient, weil er empfindlich auf Gewässerverschmutzungen reagiert.
Bestens Bescheid über den Bachflohkrebs weiss Florian Altermatt, Professor für Aquatische Ökologie an der Universität Zürich und Leiter einer Forschergruppe an der Dübendorfer Eawag, der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz. Er erforscht das Tier seit knapp zehn Jahren.
Seiner Meinung nach hat der Bachflohkrebs den Titel Tier des Jahres verdient, sagt Altermatt. «Er ist ein Zeiger-Organismus für sauberes Wasser.» In die gleiche Kategorie gehörten Steinfliegen, Eintagsfliegen oder Köcherfliegen, die ebenfalls als Indikatoren für sauberes Wasser für die Auszeichnung in Frage kämen.
«Im Grundwasserzufluss zur Töss haben wir eine weltweit noch unentdeckte Flohkrebsart gefunden.»
Florian Altermatt, Forscher Eawag Dübendorf
Der Bachflohkrebs finde insbesondere in Waldbächen ein optimales Zuhause, sagt Altermatt. «In den Wäldern des Zürcher Oberlandes beispielsweise findet er ideale Bedingungen.» Auch im Uferbereich des Greifensees und des Pfäffikersees fühle er sich wohl.
Landwirtschaft zerstört Lebensraum
Dagegen sei die Tierart aus Gegenden verschwunden, wo intensiv Ackerbau oder Obstanbau betrieben werde. «Auf die Verwendung von Pestiziden reagiert der Bachflohkrebs empfindlich», sagt der Forscher aus Pfäffikon. Die Landwirte wolle er aber nicht als Sündenböcke hinstellen, denn selbst vorschriftsgemässer Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Dünger könne das Vorkommen des Krebses beeinträchtigen. So sei es nicht erstaunlich, dass dieser etwa in der Mönchaltorfer Aa im Bereich der Äcker kaum mehr anzutreffen sei.
(Quelle: youtube/eawag)
Spaziergänger können sich selber ein Bild der Wasserqualität machen. «Wenn man einen Stein hebt, sollten darunter viele kleine Krebse oder andere Lebewesen davonkrabbeln. Ist das nicht der Fall, ist das ein starkes Zeichen, dass die Natur aus dem Gleichgewicht ist», sagt Altermatt. Nebst der Landwirtschaft sei auch die Versiegelung der Bachläufe oder Ufer mit Beton ein Grund, dass sich das Wasserlebewesen nicht ansiedeln könne.
Weltweit unentdeckte Arten
Altermatt hat in den letzten Jahren zudem viele Trinkwasserfassungen in der Schweiz untersucht und ist dabei immer wieder auf Flohkrebse gestossen. Dass es einen der kleinen Organismen plötzlich aus einem Wasserhahn spüle, sei aber unwahrscheinlich, da sie in einem Filter hängen blieben.
Das Forscherteam rund um Altermatt ist auch in Höhlen unterwegs und untersucht das Grundwasser unter Wiesen und Wäldern, wo es in der Region eine seltene Beobachtung machte. «Im Grundwasserzufluss zur Töss haben wir eine weltweit noch unentdeckte Flohkrebsart gefunden», sagt Altermatt. Insgesamt lebten in der Schweiz 40 Arten. Davon fünf, die sonst nirgends auf der Erde nachgewiesen worden seien.
«Persönlich wünsche ich mir auch, dass Wasser sauber und natürlich ist.»
Florian Altermatt, Forscher Eawag Dübendorf
Auch invasive Arten konnte Altermatt in der Region schon nachweisen. So habe er im Greifensee Krebse aus dem Schwarzen Meer beobachtet.
Die Bachflohkrebse ernähren sich von heruntergefallen Blättern. Und werden wiederum von Fischen oder Vögeln verspeist. «In der Nähe von Gewässern mit vielen Bachflohkrebsen hat es beispielsweise oft Wasseramseln», sagt Altermatt.
Fortpflanzung für Voyeure
Bachflohkrebse sind zweigeschlechtlich. Bei der Fortpflanzung umklammert das Männchen das Weibchen während Tagen, um im entscheidenden Moment – nach der Häutung des Weibchens – für die Paarung bereit zu sein. Stören lassen sie sich dabei kaum. «Selbst wenn man einen Stein anhebt, bleibt das Paar oft an Ort und Stelle eng umklammert», sagt Altermatt.
Für den Forscher ist klar, dass die Tierart in Siedlungsgebieten und Zonen mit intensiver Landwirtschaft einen schweren Stand hat. Renaturierungen kämen dem empfindlichen Lebewesen daher entgegen, sagt Altermatt.
Auf politischem Weg könnten die Trinkwasser- und die Pestizidverbotsinitiative die Verbreitung des Tieres unterstützen. Auch wenn sich Altermatt dazu nicht spezifisch äussert, ist für ihn klar, dass Handlungsbedarf besteht. Es brauche einen strukturellen Wandel zu einer Landwirtschaft, welche gesamthaft weniger Pflanzenschutzmittel verwendet und genügend grosse Abstände zu Gewässern einhält, sagt er. «Persönlich wünsche ich mir auch, dass Wasser sauber und natürlich ist.»
