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«Wenn der Meeresspiegel weiter steigt, versinkt Maur im Greifensee»

Der St.Moritzer Gemeindepräsident und Musiker Christian Jott Jenny gibt in Maur ein Konzert. Im Interview sagt er gut gelaunt, was den Maurmer gefährlich werden kann und welche Probleme die Gemeinde hat.

Christian Jott Jenny ist seit diesem Jahr Gemeindepräsident von St. Moritz., Er ist auch Tenor und Jazzmusiker., Laut Jenny gehört auch Hund Ricky zum Staatsorchester, das mit ihm musiziert., Bei seinem Auftritt in Maur will Jenny in Smoking und Frack singen.

PD

«Wenn der Meeresspiegel weiter steigt, versinkt Maur im Greifensee»

Die letzten Jahre hatte Maur nie blasse Gemeindepräsidenten. Sowohl Roland Humm (SVP) als auch sein Vorgänger Bruno Sauter (FDP) waren immer wieder – ob gewollt oder nicht – für Unterhaltung gut. Als Entertainer würden sie aber zweifellos vom St.Moritzer Amtskollegen Christian Jott Jenny in den Schatten gestellt.

«Weder in St. Moritz noch in Maur gibt es eine vernünftige Talabfahrt.»

Der Zürcher hat Anfang Jahr als Sprengkandidat den amtierenden Gemeindepräsidenten von St. Moritz aus dem Amt gedrängt. Der Tenor und Schauspieler Jenny will das kulturelle Leben im Luxus-Skiort ankurbeln und spielt der Gemeindeverwaltung auch mal ein Ständchen. Bei seinem Auftritt in Maur wird Jenny eine Mischung aus Komik und internationalem Liedgut präsentieren.

 

Christian Jott Jenny, St. Moritz ist «touristisch am Arsch», haben Sie mal gesagt. Geben Sie es zu, Sie wollen sich in Maur Anschauungsunterricht in Sachen Tourismus holen.
Christian Jott Jenny: Sie haben mich durchschaut. Ich habe mich mit dem Kurdirektor Maur und dem Tourismusverband Dübendorf-Maur-Egg ausgetauscht. Allerdings kämpfen wir mit ähnlichen Problemen: Weder in St. Moritz noch in Maur gibt es eine vernünftige Talabfahrt.

Waren Sie schon mal in Maur?
Ich bitte Sie. Als gebürtiger Witiker ist mir Maur fast näher als Albisrieden.

Was kommt Ihnen als Zürcher in den Sinn, wenn Sie an Maur denken?
Wie schnell man von Zürich an diesen schönen See gelangt. Und natürlich an die Powerplay Studios.

 

Zur Person

Christian Jott Jenny ist klassischer Tenor, Schauspieler, Entertainer und seit 2019 Gemeindepräsident von St. Moritz. Der 41-Jährige ist Vater von zwei Kindern und lebt nach eigenen Angaben «in Europa und in der Schweiz». Jenny und das sechsköpfige Zürcher Staatsorchester treten am Freitag, dem 1. November, im Studio Bost Productions in Maur auf. Das Konzert «Quand on n’a pas ce qu’on aime» beginnt um 20 Uhr. Weitere Informationen unter www.maur.ch .

 

Sie haben St. Moritz vor Ihrer Wahl als Krisengebiet bezeichnet. Würden Sie eine Kandidatur fürs Gemeindepräsidium in Maur auch mit einem solchen Slogan in Angriff nehmen?
Unbedingt. Wenn der Meeresspiegel weiter steigt, versinkt Maur im Greifensee. Very sad!

Von der Geburt bis zum Tode – irgendein Amt ist immer zuständig, heisst es in ihrem Musikprogramm. Welches ist ihr Lieblingsamt?
Mit den Ämtern ist es, wie mit den Kindern. Man mag sie alle gleich. Aber die einen kosten mehr als die  andern. Der Begriff «Lieblingsamt» kann ich schlecht auf das Bestattungsamt anwenden. Aber den Umgang mit Menschen in Trauer empfinde ich auf eine erfüllende Art als herausfordernd. Eigentlich ist es ja ein Stück weit grotesk, dass man sich in so einer persönlichen Sache mit der Gemeinde auseinandersetzen muss. Aber man kann als Behörde da auch einiges richtig machen und die Menschen begleiten und stützen.

In Maur ist Kultur dem Ressort Sicherheit unterstellt. Ist Kultur gefährlich? 
Ich weiss zum Glück unterdessen, wie innerkommunale Synergienutzungen zu solchen Ressortkombinationen führen können. Maur hat mein vollstes Verständnis. Kultur kann gefährlich sein. Aber nicht gefährlicher als Politik oder Investment-Banking.

Sie treten im Studio Bost in Maur auf, wo eine Märchenweltkulisse steht. Das passt?
Ich bin ganz hin und weg von diesem Raum, den ich nicht kannte, obwohl ich unweit davon meine Kindheit verbrachte. Ein echtes Bijou.

Vor ein paar Jahren sangen Sie eine Oper zusammen mit dem Stadtchor Dübendorf im Kapuzenpulli und mit einer Hand in der Tasche. Wie leger wird ihr Auftritt in Maur?
Nichts da. Diese jugendliche Lockerheit ist weg. Darum heisst das Programm «Traktanden nach Noten». Nun wird alles systematischer durchexerziert. Und das Ganze wohlgemerkt in Smoking und Frack. Auch die Unterhaltung muss optimiert werden. Wir wollen ja nicht, dass die Zuschauer auf einem Vergleichsportal eine bessere Show finden.

Was machen Sie fünf Minuten vor dem Auftritt in Maur?
Ich sitze im Auto zwischen Rapperswil und Hinwil und hoffe auf gute Verkehrsbedingungen.

Was finden Sie gut bei Ihrer Arbeit als Gemeindepräsident?
Ich erlebe die Verwaltung als etwas unglaublich Positives. Die Gemeinde oder auch der Staat sind nicht einfach die Steuereintreiber und Bussenschreiben. Sie können auch ein Instrument für Gutes sein. Diese Seite mag ich und nach dieser Sichtweise versuche ich zu arbeiten. Ich kann mir die Arbeit aber grundsätzlich nicht aussuchen: Rosinen picken geht nicht.

Und was nicht?
Zuweilen bereitet mir der 9-to-5-Betrieb etwas Mühe. Das hat aber nichts mit der Gemeinde zu tun. Ich bin einfach nicht 100 Prozent kompatibel mit schlichten Bürozeiten. Ich glaube die Menschen verwerfen beim Stichwort Politik und Verwaltung zu schnell die Hände und schalten auf Zynismus.  

Musik und Entertainment ist aber immer noch die Hauptsache in ihrem Leben?
Nein. Das Wohl von St. Moritz ist die Hauptsache in meinem Leben. Und das Wohl meiner Kinder. Musiker und Entertainer bleibe ich, ob nur im Kopf oder selten Mal noch auf einer Bühne. Das schwingt mit und tröpfchenweise findet es auch Platz in meiner Arbeit als Gemeindepräsident.

Sie sind Fan des Komikers Jón Gnarr, der vier Jahre lang Bürgermeister der isländischen Hauptstadt Reykjavík war. Was beeindruckt Sie an ihm?
Er ist ein hochintelligenter Mensch und Comedian. Und hat bewiesen, dass man auch mit anderen Denkmuster und Herangehensweisen Dinge – in seinem Fall den ganzen Staat Island  – bewegen kann. Und er ist dabei stets höflich geblieben. Obwohl er ein Punk ist.

Sie sagten einst, Ihre einzige Konstante sei die Veränderung. Demnach werden Sie wie Ihr Vorbild Jón Gnarr nur eine Amtsperiode als Gemeindepräsident walten, richtig?
Ich bin erst seit einem knappen Jahr im Amt. Nur schon meinen Kollegen in St. Moritz gegenüber würde ich mich hüten, diese Frage klar zu bejaen. Natürlich bin ich aber auch jemand, der ständig wieder Neues ausprobieren will. Ich sage jetzt mal ganz kryptisch «never say never». Und natürlich ist meine Zukunft stark davon abhängig, wie schmackhaft Sie mir diese Kandidatur in Maur noch machen.

Das Interview mit Christian Jott Jenny wurde schriftlich geführt.

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