Düstere Erfindung: Die Eiserne Jungfrau auf der Kyburg
Folter im Mittelalter
Ob Mittelaltermarkt oder Streamingserie: Das Mittelalter fasziniert. Burgen spielen darin eine wichtige Rolle. Dies zeigt auch die aktuelle Ausstellung zur Eisernen Jungfrau auf der Kyburg.
Auf der Kyburg steht seit 150 Jahren die Eiserne Jungfrau und macht auch das ehemalige Grafen- und Landvogtschloss zu einem Ort der Mittelalterfaszination. Wie ging das vor sich?
Burgen verloren ihre Funktion als Herrschafts- und Verwaltungssitze nach dem Ende des Ancien Régime um 1800 und gerieten in Vergessenheit. Einige Jahrzehnte später erwachte das Interesse an ihnen wieder, und überall wurden alte Gemäuer saniert oder grosszügig rekonstruiert. Die Burgenromantik des späten 19. Jahrhunderts war geboren. Und dazu gehörte auch das Interesse an dunklen Aspekten des Mittelalters: Gefangenschaft und Folter, Grausamkeit, Kriege und Burgenbruch.
Auch Sammlungen und Ausstellungen von Foltergerätschaften entstanden im 19. Jahrhundert, und gezeigt wurden sie oft auf Burgen. Prominent war insbesondere die Folterausstellung im fünfeckigen Turm in Nürnberg. Sie zog ein grosses Publikum an und trug so zur Entstehung des Massentourismus bei. Für den Tourismus zu echten oder imaginierten Stätten früheren Grauens hat sich der Begriff «Dark Tourism» etabliert.

In Nürnberg gehörte zu den ausgestellten Folterinstrumenten auch eine Eiserne Jungfrau. Allerdings existierte ein solches Gerät vorher gar nicht, weder als Mord- noch als Folterinstrument.
Zwar zirkulierte ab dem 16. Jahrhundert die Legende von einer grausamen Maschine in Frauengestalt, die ersten Objekte entstanden aber erst um 1830. Das heisst, die Eiserne Jungfrau ist eine Kopfgeburt, die zum realen Objekt wurde.
Im Inneren der Maschine liegt ein mit langen Metalldornen oder Messerklingen gespickter Hohlraum – das Opfer sollte wohl beim Schliessen der Jungfrau von Klingen regelrecht zerlegt oder durchbohrt werden.

Wie lässt sich die Faszination des 19. Jahrhunderts an der Grausamkeit erklären? Im damaligen Gerichtsverfahren war die Folter europaweit abgeschafft worden. Daraufhin weckten Folterausstellungen das Interesse.
Aus sicherer Distanz konnte man nun auf die Brutalität früherer Zeiten blicken – auch wenn die gezeigten Foltergeräte oft gefälscht waren und gar nicht aus dem Mittelalter stammten. Auf Jahrmärkten boten Schaubuden diverse Folterspektakel, und an der Weltausstellung in Chicago 1893 machte die Eiserne Jungfrau aus Nürnberg Furore.
Ausstellung und Matinee zur Eisernen Jungfrau
Die Kyburg ist seit 1865 ein Museum. Die heutige Dauerausstellung stellt die Burg als solche und ihre Bewohnerinnen und Bewohner ins Zentrum. Aus Anlass des 150-Jahr-Jubiläums der Eisernen Jungfrau auf der Kyburg wird dieses Jahr die Ausstellung «Fantasiemaschine – die Eiserne Jungfrau» gezeigt. Öffnungszeiten: April bis Oktober, Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17.30 Uhr.
Matinee am 31. Mai
Woher kommt die Faszination fürs dunkle Mittelalter? Warum lässt die Eiserne Jungfrau noch heute die Besuchenden nicht kalt? Wie geht unsere Gesellschaft mit Geschichte um? An einer Matinee auf Schloss Kyburg wird der Museumsleiter Gästen aus der Wissenschaft zu diesen Fragen auf den Zahn fühlen. Dabei sind:
Valentin Groebner (Historiker, Uni Luzern)
Anna Höpflinger (Religionswissenschaftlerin, bald Uni Bern)
Bernhard Tschofen (Kulturwissenschaftler, Uni Zürich)
Die Matinee findet am Sonntag, 31. Mai, um 11 Uhr auf der Kyburg statt (im Museumseintritt inbegriffen). (bh)
Eiserne Jungfrau als gut inszenierter Mittelaltergrusel
Auch der private Kyburg-Besitzer Matthäus Pfau hat diese Karte gespielt, als er das Schloss zum Burgmuseum machte. Schon kurz nach der Eröffnung 1865 setzte er die Legende einer Eisernen Jungfrau in die Welt, die im Burghof gestanden und dort ihre Opfer gefordert habe. Er sammelte auch Folterwerkzeuge und kaufte 1876 als Höhepunkt die Eiserne Jungfrau aus «einem Schloss in Kärnten».
Pfau rechtfertigte diesen Teil seiner Ausstellung mit dem pädagogischen Wert solcher «Schaustellungen»: «Diese stummen Zeugen eines erbarmungslosen Strafverfahrens sprechen lauter und mächtiger für Humanität, als die beredtesten Worte es je zu thun vermöchten.» Mit dieser Argumentation band er zwar die Eiserne Jungfrau in die übrige Ausstellung auf der Kyburg ein. Und seine Kunstsammlung zeigte er mit der erklärten Absicht, den Zugang zur Kultur zu demokratisieren.
Aber «schwarzer Gang», schaurige Wachsfiguren und seine Sammlung von Folterwerkzeugen zeigen, dass auch Pfau die Faszination seiner Zeitgenossen für gut inszenierten Mittelaltergrusel zu nutzen wusste. Bis in die 1990er Jahre war die Eiserne Jungfrau auf der Kyburg in der Folterkammer aufgestellt, ohne Hinweis darauf, dass sie ein reines Phantasieprodukt ist. Heute ist das anders.
Ein Augenzwinkern zum 150. Geburtstag der Kyburger Touristenattraktion
Schon immer gehörten zum Tourismus Souvenirs. Die Nürnberger Eiserne Jungfrau wurde um 1900 mit (Klapp-)Postkarten und Modellen im Westentaschenformat ein Marketing-Hit – noch heute finden sich diese Objekte in rauen Mengen in Online-Auktionen.
Im Gegensatz dazu haben weder Pfau noch die nachfolgenden Museumsbetreiber die Kyburger Eiserne Jungfrau auf diese Weise vermarktet. Die älteste Postkarte stammt erst aus den späten 1980er Jahren. Für einmal gibt es in dieser Saison die Eiserne Jungfrau als Pappfigur für Selfies und als Seife im Museumsshop – mit einem Augenzwinkern anlässlich des 150. Geburtstags der Kyburger Touristenattraktion.

Autor Benjamin Hitz ist Leiter des Museums Schloss Kyburg.
