Kinderarbeit war auch im Oberland einst verbreitet
«Aus der Not geboren»
Eine Ausstellung im Landesmuseum befasst sich mit der Kinderarbeit in der Schweiz. Mit der Textilindustrie war das System der Ausbeutung zwangsläufig auch Teil des Oberlands.
Kinderarbeit assoziiert man oftmals mit Minenwerken, Kakaoplantagen oder Textilfabriken in der Dritten Welt. Dass es sich bei der Ausbeutung von Kindern um ein Problem von asiatischen oder lateinamerikanischen Ländern handelt, ist jedoch ein Trugschluss.
Die Schweiz hat eine Vergangenheit, die alles andere als kinderfreundlich gilt. Die Ausstellung «Aus der Not geboren. Arbeitende Kinder» im Landesmuseum in Zürich, die noch bis zum 20. April läuft, zeigt, wie sehr Fabriken in der Schweiz auf arbeitende Mädchen und Jungen setzten.
So lässt sich die Geschichte der Textilindustrie im Oberland nicht beschreiben, ohne dabei die Ausbeutung von Kindern zu beleuchten. Der «Anzeiger von Uster» war dabei nicht nur ein Zeitzeuge, sondern auch indirekt beteiligt.
Die Ausstellung
Für die Ausstellung im Landesmuseum ist zuerst einmal der Unterschied zwischen arbeitenden Kindern und Kinderarbeit zu verstehen. Arbeitende Kinder gehörten schon vor der industriellen Revolution zum Alltag der Schweiz. Um zu überleben, mussten Kinder zu Hause aushelfen. Beispielsweise in der Landwirtschaft.
«Es war nicht alles Ausbeutung», erklärt Rebecca Sanders. Sie ist Historikerin und Ausstellungskuratorin am Schweizerischen Nationalmuseum. Kinder konnten sich auch Fähigkeiten aneignen und an der Gesellschaft teilhaben.
Kinderarbeit hingegen ist die systematische Ausbeutung von Kindern. Mit Fabriken wurde dies in zunehmendem Ausmass praktiziert.
Die Zustände wurden jedoch nicht von einem Tag auf den anderen Realität. Der Prozess war schleichend, weswegen Sanders die Ausstellung «Aus der Not geboren. Arbeitende Kinder» chronologisch konzipiert hat. Sie beginnt mit der Vorindustrialisierung, als die Kinder noch in der Landwirtschaft aushelfen mussten, fährt mit der Tätigkeit bei der Heimarbeit fort und gelangt dann zu den Fabriken, wo veranschaulicht wird, was die Kinder für eine Rolle spielten: eine mit gefährlichen Arbeitsbedingungen und extrem langen Arbeitszeiten.
Dokumente, Einträge aus Geschäftsbüchern oder Inserate aus Zeitungen zeigen den Besucherinnen und Besuchern auf, wie gesellschaftlich akzeptiert Kinderarbeit war.
Kinderarbeit im Oberland
Teil der Ausstellung sind auch Inserate, die um 1870 im «Anzeiger von Uster» publiziert wurden. Dabei wurden Familien mit Kindern als Arbeitskräfte favorisiert – beliebt waren vor allem Mädchen. Die Obere Baumwollspinnerei in Dübendorf suchte nach einer Arbeiterfamilie mit Kindern, die Stickerei Pfister-Wirz in Uster nach konfirmierten Mädchen sowie Kindern zwischen 12 und 16 Jahren.



«Kinder sind flink und klein, erreichen Teile einer Maschine, was Erwachsene nicht können», erklärt Sanders. Das Oberland ist für seine Textilindustrie bekannt, somit wurde Kinderarbeit auch hier als normal angesehen, wie etwa in der Textilfabrik im Neuthal. «Im heutigen Museum kann man die laufenden Maschinen sehen und gut beobachten, wie gefährlich die Arbeiten gewesen sein mussten», sagt Sanders. Die Kinder krochen beispielsweise unter Maschinen und ölten diese, während sie auf dem Rücken lagen und ihnen Fett ins Gesicht tropfte.
In der Ausstellung wird deutlich, dass die Industrie im Oberland nicht ohne die Ausbeutung von Kindern funktionieren konnte. Diese waren nicht nur 16 oder 12 Jahre alt, sondern 10 Jahre oder noch jünger. Doch nicht alle Kinder waren betroffen. «Die Kinder aus reichen Familien lernten Klavier spielen, die der Armen standen 16 Stunden in der Fabrik.» Ob die Familien, die in der Oberländer Industrie arbeiteten, auch aus der Region stammten, ist nicht bekannt.
Massnahmen zur Eindämmung
Die Kinderarbeit in der Schweiz wurde zum sozialen Problem, sodass auch politisch gehandelt wurde. Aus dem «Historischen Lexikon der Schweiz» geht hervor, dass im Kanton Zürich erstmals 1815 die «Verordnung wegen der minderjährigen Jugend überhaupt und an den Spinnmaschinen besonders» erlassen wurde. Diese verbot die Nacht- und Fabrikarbeit bei unter Neunjährigen, zudem sollte die tägliche Arbeitszeit auf 12 bis 14 Stunden beschränkt werden. Diese Regelung wurde allerdings nicht durchgesetzt.
Schweizweite gesetzliche Massnahmen gab es dann 1874, als die Schulpflicht eingeführt wurde. 1877 folgte das Fabrikgesetz: Kinderarbeit unter 14 Jahren wurde verboten und die Arbeitszeit auf elf Stunden pro Tag beschränkt.
Damit hörte die Kinderarbeit jedoch nicht auf. Heimarbeit und Landwirtschaft blieben gesetzliche Grauzonen. Man setzte immer noch auf Kinder als Arbeitskräfte, auch auf fremdplatzierte, die ihren Familien weggenommen wurden. Verdingkinder wurden vor allem in der Landwirtschaft eingesetzt, was auch das Oberland betraf. Wie viele davon in der Region tätig waren, ist ungewiss. Die Praxis reichte noch bis in die 1980er Jahre, in der Ausstellung erzählen Betroffene von ihrer Jugend als arbeitende Verdingkinder.
Kinderarbeit war also noch bis in die jüngste Vergangenheit in der Schweiz präsent. Doch wie sieht die Situation heute aus? Wäre Kinderarbeit immer noch möglich? Rebecca Sanders zuckt mit den Schultern. «Das kann man nicht so abschliessend sagen. Auch wenn es in der Schweiz keine Kinderarbeit mehr gibt, gibt es immer noch arbeitende Kinder, die ihre Familien massiv unterstützen.» Die Schweiz hat zwar die UNO-Kinderrechtskonvention 1997 unterschrieben – im Gegensatz zu den USA, die dies bis heute nicht getan haben –, jedoch ist der Stellenwert des Kinds in der Gesellschaft damit nicht gesichert. Die Ausstellung «Aus der Not geboren. Arbeitende Kinder» kann man noch bis zum 20. April im Landesmuseum in Zürich besuchen.
«Kinderrechte in der Schweiz: Vom Kinderschutz zur Teilhabe»
Bei der Veranstaltung «Kinderrechte in der Schweiz: Vom Kinderschutz zur Teilhabe» am Montag, 13. April, diskutieren Kinder- und Jugendarzt Oskar Jenni, Kinderanwältin Annegret Lautenbach und Historikerin Sonja Matter darüber, wie die Rechte der Kinder heute politisch gestärkt werden können. Die Veranstaltung findet um 18.30 Uhr statt. Sie ist kostenlos, eine Reservation ist jedoch obligatorisch. Auf landesmuseum.ch/veranstaltung gibt es mehr Informationen dazu. (mgp)