Orchestrale Klänge zu elektronischen Beats aus Dübendorf
Neuartiges Musikprojekt «Dancephony»
Ein Orchester macht mit einem DJ gemeinsame Sache – das ist die Vision hinter «Dancephony». Das Ensemble feiert am 28. März im Stadthofsaal Uster seine Premiere.
Es ist ein Montagabend in der Oberen Mühle in Dübendorf. Im zweiten Stock stehen über 40 schwarze Stühle in einem Halbkreis bereit. Am Boden verlaufen Dutzende Kabel quer durch den Raum. Noch herrscht geheimnisvolle Stille. Doch in nur wenigen Minuten wird er in Musik versinken. Posaunen, Hörner, Violinen, Cellos, Schlagzeug, Keyboard. Hohe Töne, dumpfe Klänge, satte Rhythmen.
Auf dem Programm des Orchesters steht aber alles andere als Mozart und Beethoven. Aus den Notenblättern stechen bekannte Grössen der elektronischen Musikszene hervor: Faithless, Avicii, David Guetta.
Sinfonieorchester trifft auf Partymusik
«Dancephony» nennt sich das Projekt, das am 28. März im Stadthofsaal Uster seine Premiere feiert. Pascal Tsering und Reto Christen sind die Köpfe hinter dem Vorhaben, bei dem ein DJ gemeinsam mit einem Sinfonieorchester spielt. Ein Orchester und Techno – was wie Gegensätze klingt, ist für Tsering und Christen eine Harmonie.
Bei der Musikauswahl setzen die beiden deshalb bewusst auf bekannte Stücke. Diese sollen das Publikum dazu verleiten, in Erinnerungen zu schwelgen. Nostalgie ist dabei die Emotion, 1990er-Jahre-Disco und 2010er-Jahre-Eurodance markieren den Sound.
Man muss elektronische Musik ganz anders spielen als Klassik. Es ist viel rhythmischer.
Pascal Tsering
Mitgründer «Dancephony»
Tsering fasziniert die Unterschiedlichkeit der beiden Musikstile: «Man muss elektronische Musik ganz anders spielen als Klassik. Es ist viel rhythmischer.» Deshalb wollte er schon immer so ein Projekt wie «Dancephony» umsetzen.
Von der Filmmusik zum Techno
Der Raum mit den schwarzen Stühlen beginnt sich allmählich zu füllen. Die Instrumente werden gestimmt, der Raum wird mit Geräuschen aller Art geflutet. Eine zirpende Violine hier, eine dröhnende Posaune da. Kabel werden eingesteckt, an der hinteren Wand trommelt der Schlagzeuger vor sich hin. Neben Musiknoten werden auch angeregte Gespräche ausgetauscht. E-Moll, Englisch, Dreivierteltakt, Deutsch. Frauen und Männer jeden Alters kommen zusammen, setzen sich hin, stehen wieder auf. Die Obere Mühle in Dübendorf wird zu einem auditiven Wimmelbild der Geräusche.

Die Mitglieder des Sinfonieorchesters treffen sich bereits zum dritten Mal zur gemeinsamen Probe. Sie kennen sich vom Zürcher Filmorchester, bei welchem Tsering und Christen ebenfalls auftreten. Dass das Orchester schon recht eingespielt funktioniert, ist für «Dancephony» ein ungemeiner Vorteil.
Die Veranstalter von «Dancephony» haben sich für die Premiere den Stadthofsaal in Uster ausgesucht. Pascal Tsering erläutert den Entscheid: «Uster ist sehr ‹gäbig›, weil es eine gute Startbasis ist. Der Saal ist genug gross, unkompliziert in der Beschallung und nahe an Zürich.» Ausserdem habe man noch nicht gewusst, welche Partner das Projekt unterstützen würden und wie hoch das finanzielle Risiko sei. Mit der Bank BSU hat «Dancephony» nun einen lokalen Sponsor an seiner Seite.
Bei der Premiere in Uster verleiht ein Licht- und Soundkonzept dem Stadthofsaal mitsamt Foyer die zum Anlass passende Stimmung. Dafür habe man den Technikern bereits im Voraus eigens produzierte Demos zugeschickt. «Es ist alles abgestimmt, sonst hätten wir keine Chance, dass alles klappt.»
«Es gibt keinen Raum für Fehler»
Dass das Sinfonieorchester auf den Track eines DJs spielt, hat seine Tücken, die sich eindeutig von denen der Filmmusik unterscheiden. «Wenn man Filmmusik spielt, kann man auf der Bühne auch mal etwas langsamer oder schneller spielen, das Stück etwas formen, wie wir gerade wollen», erklärt Tsering. Doch bei «Dancephony» sind die Musiker nur über ein Metronom im Ohr mit dem DJ verbunden. Wenn da jemand vom Takt abkomme, merke man das sofort. «Es gibt keinen Raum für Fehler.»
Weil bei «Dancephony» richtige Klublaune auf der Tanzfläche aufkommen soll, werden vom DJ alle Stücke ohne Pause abgespielt. Damit der Mix aus orchestralen Klängen und treibenden Klubbeats funktioniert, haben Tsering und Christen eigenhändig alle Stücke umgeschrieben.
Der DJ gehöre zum Orchester wie eine Violinistin oder ein Posaunist. Er ist sowohl visuell als auch musikalisch mitten im Orchester eingebettet. Und: Mit dem gebürtigen Seuzacher Mr. Da-Nos konnte das Duo einen bekannten DJ zu sich ins Boot holen.
Eine Fülle an musikalischen Emotionen
Für die heutige Probe ist jedoch Tsering am Mischpult und spielt die Songs über Boxen ein. «Haben alle vorhin einen Klick im Ohr gehört?», fragt er in die inzwischen komplette Runde. Leises Gemurmel erhebt sich, doch eine klare Antwort kommt aus dem Wirrwarr aus Stimmen und quietschenden Stühlen nicht hervor. Alle sind hoch konzentriert.
Die Probe beginnt, und das Sinfonieorchester steigt mit «Levels» des 2018 verstorbenen Star-DJs Avicii ein. Schon schallt der Audiotrack von den Boxen, und das weisse Kunststoffröhrenlicht von der Decke scheint sich in farbige Spektren aufzuteilen.
Die Streicher steigen ein. Sie wirken, als würden sie für einen kurzen Moment kollektiv schweben. Alsbald kommen die Bläser hinzu. Der Eurodance-Track gerät sogar in den Hintergrund, er ist kaum mehr zu hören. Das Orchester trägt nun die Musik allein. Ein letztes Crescendo, und schon ist das Stück zu Ende. Noten umblättern, kurz verschnaufen.
«Let’s try one more time!»
Doch nicht nur mit dem DJ, sondern auch gesanglich hat «Dancephony» etwas zu bieten: Für ein weiteres Stück kommt eine Sängerin hinzu, die das Orchester begleitet. Langsam wagt sich das musikalische Ensemble zu den noch nicht so oft geübten Stücken vor. Ein Rapper kommt nach vorne, der einige «Bars» beiträgt. Noch gelingt das nicht beim ersten Durchgang – neuer Unterbruch, erneute Diskussionen, ein umfallender Notenständer in der zweiten Reihe.
«An dieser Stelle warst du etwas zu spät», meint Tsering und setzt mit dem Dirigentenstock in der Hand zum nächsten Durchgang an: «Let’s try one more time!»



Ein verfrühter Einstieg aus der Bläsergruppe lässt den Dirigenten leicht den Kopf schütteln. Der Backtrack läuft unerbittlich weiter. Dann ein Wortwechsel mit dem Schlagzeuger: «Bei F spielen wir Viertel – bam, bam, bam, bam»; der Dirigent schlägt den Takt mit der rechten Hand in die linke Handinnenfläche vor. Alle schauen ihn gespannt an.
Ein erneuter Durchgang, dieses Mal ohne Unterbruch und ohne Fehler. Am Ende: Erleichterung bei allen, Applaus, als wäre das Orchester sein eigenes Publikum.
Von Uster ins Zürcher Volkshaus – das sind die Zukunftspläne von «Dancephony»
Am Samstag, 28. März, wird «Dancephony» im Stadthofsaal in Uster zum ersten Mal für Gänsehaut sorgen. Tickets gibt es unter dancephony.ch.
Im Herbst wollen Pascal Tsering und Reto Christen den Event auf die Bühne des Volkshauses in Zürich bringen. «Wir wollen zuerst mal sehen, was funktioniert. Wichtig ist, dass es uns Spass macht», sagt Dirigent Tsering voller Enthusiasmus. Sollte das Projekt von Erfolg gekrönt sein, wird das Orchester auch zukünftig einmal im Jahr in Uster auftreten. Das hänge jedoch nicht zuletzt von den Sponsoren ab. (rem)