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Kultur

Marco Gottardi reisst Ustermer Kirchgänger von den Bänken

Ein Gottesdienst der anderen Art: Mit Countrysongs vom Ustermer Marco Gottardi wurde die reformierte Kirche Uster aufgelockert.

Geht voll und ganz in seiner Musik auf – Marco Gottardi während des Konzerts in der Kirche.

Foto: Moritz Hegglin

Marco Gottardi reisst Ustermer Kirchgänger von den Bänken

Country in der Kirche

Der Freitagsgottesdienst in der reformierten Kirche Uster wird zum vierten Mal durch den Ustermer Marco Gottardi musikalisch begleitet. Das Publikum ist begeistert.

Moritz Hegglin

Zugaben in der Kirche? Schliesst sich das nicht aus? Der Gottesdienst in der reformierten Kirche Uster am vergangenen Freitag ist nicht ein normaler Gottesdienst. Und er endet auch nicht wie gewohnt mit der Segnung durch die Pfarrerin und den Pfarrer.

Denn Marco Gottardi, der sonst mit seinen Chilbi-Bahnen durch die Region zieht, verleiht dem Gottesdienst in Uster eine andere Note – wortwörtlich. Was er in den nächsten zwei Stunden für die Besucherinnen und Besucher bereithält, formuliert er schon im ersten Song.

Lässig schlagen die Cowboystiefel des Oberländer Countrysängers auf dem Kirchenboden auf, dem Takt der Musik folgend. Den Cowboyhut tief ins Gesicht gezogen, singt Gottardi ins Mikrofon: «I Want To Give You Something Special.»

Sowohl in der Bibel als auch bei der Countrymusik geht es um Geschichten

Bereits um 18.30 Uhr ist die reformierte Kirche in Uster gut gefüllt. Noch dauert es eine halbe Stunde, bis der Gottesdienst beginnt. In der Mitte der plaudernden Menge steht Gottardi und spricht mit den Besuchenden.

Dass Gottardi nicht nur ein talentierter Sänger ist, sondern auch ein religiöser Mensch, spürt man schon bei der Begrüssung. Angesprochen auf «Herr Gottardi», antwortet er: «Ich bin Marco, der Herr ist im Himmel.»

Gleich darauf weist er auf die Gemeinsamkeit zwischen dem Christentum und der Countrymusik hin. «Es geht ums Geschichtenerzählen», erklärt der Ustermer, «sowohl in der Bibel als auch in der Countrymusik geht es darum – und im Country gibt es wunderbare Worship Songs.»

«Für Jazzmusik hätte ich den Gottesdienst nicht besucht»

In den Kirchenbänken warten die Besuchenden schon gespannt auf den Beginn des Gottesdiensts. Wenn sie nicht gerade über gemeinsame Bekannte oder die SBB-Preise reden, kennen sie nur ein Thema: Gottardi und seine Silver Dollar Band.

«Er ist ein sensationeller Musiker», sagt Vera Laager, «für Jazzmusik hätte ich diesen Gottesdienst nicht besucht.» Die Liebe zur Countrymusik hat die 72-Jährige schon in jungen Jahren entdeckt. «Ich hatte schon als Kind immer einen Cowboyhut auf und bin gerne geritten.»

Vera Laager gemeinsam mit Marco Gottardi und der Silver Dollar Band.
Zum Schluss liess sich Vera Laager gemeinsam mit Marco Gottardi und der Silver Dollar Band fotografieren.

Der Anlass in Uster ist schon der dritte Country-Gottesdienst, den die Effretikerin besucht. «Früher war ich noch oft beim Country Special auf dem Albisgüetli», erinnert sie sich.

Mittlerweile ist die Kirche gut gefüllt. Der Blick der Besuchenden fällt immer wieder aufs Smartphone. «In drei Minuten geht es los», flüstern sie sich zu. Und schliesslich ist es so weit: Die Scheinwerfer werden eingestellt und beleuchten die Band. Diese startet mit ihrem ersten Song: «Something Special».

Das Licht während des Januarlochs

Wer gedacht hat, heute einen normalen Gottesdienst zu erleben, unterbrochen von Country-Einlagen, wäre falsch gelegen. Denn auch die beiden Pfarrer weichen vom üblichen Gottesdienst ab.

«Wir machen den Gottesdienst mit ein wenig Cabaret», erklärt Pfarrerin Sabine Stückelberger im Voraus. So lockern die beiden Theologen den Gottesdienst immer wieder mit kurzen Schauspieleinlagen auf.

Sabine Stückelberger und Matthias Rüsch während des Gottesdiensts.
Pfarrerin Sabine Stückelberger und Pfarrer Matthias Rüsch gestalten den Gottesdienst einmal anders.

Zwischendurch wird das Licht in der Kirche ganz abgestellt. «Haben Sie Ihre Kirchensteuer nicht gezahlt?», fragt Stückelberger humorvoll, ehe sie eine Kerze hervorzieht und erklärt, dass es auch im dunklen Januarloch Licht gebe.

Nun singt auch das Publikum mit

Nach dieser schauspielerischen Einlage ist wieder Marco Gottardi dran. An seinem Mikrofon hängt ein schlichtes Kreuz. Die Augen des Sängers sind während des Singens geschlossen. Er geht voll und ganz in seiner Musik auf.

Die Zuhörerinnen und Zuhörer klatschen energisch zur Musik mit und wippen mit dem Kopf zum Takt des Lieds. Vorerst singt der Oberländer jedoch noch allein. Nach dem Song verteilen Pfarrerin und Pfarrer Gottes Segen. Ein klassischer Gottesdienst würde nach dem Segensspruch enden – dieser nicht.

Denn Gottardi greift erneut zum Mikrofon. «Take Me Home, Country Roads», schallt es durch den Raum. Fröhlich singen die Besuchenden zum Refrain mit. Doch zu Herzen nimmt sich den Song niemand – denn ans Nach-Hause-Gehen denkt noch keiner. Auch Gottardi nicht.

Gottardi setzt zur Zugabe an

Durch den langen Applaus des Publikums sieht sich der Oberländer Countrysänger motiviert, hier noch eine Extrarunde einzulegen. Song für Song performen der Sänger und seine Band und reissen damit das Publikum von den Kirchenbänken.

Befreit schwingen die Anwesenden ihre Hände über dem Kopf zur Musik und tanzen im Mittelgang der Kirche. Ruhe ist jetzt das falsche Wort, um die Stimmung in der Kirche zu beschreiben.

«Ist das nicht einfach der Hammer!», schreit eine Frau ihrer Kollegin zu. Und schreien muss sie, sonst wäre sie wegen der Musik und des Applauses nicht zu verstehen.

Nach dem Gottesdienst zeigt sich das Publikum begeistert

«Die Atmosphäre heute war der Wahnsinn», erklärt Christin Dennler, nachdem der letzte Song ausgeklungen ist. Normalerweise besucht die 68-Jährige Gottesdienste nicht regelmässig. «Heute war ich jedoch von der Predigt und den Liedern begeistert.»

Auch Erwin Sonderegger ist ein Fan der Countrymusik. Dies erkennt man schon an seinem Outfit. Wie Gottardi trägt Sonderegger Stiefel und einen Cowboyhut. «Ich bin immer da, wo Marco ist», sagt er. Und auch heute sei er wieder sehr begeistert gewesen.

Nach Gottardis letztem Song tauscht sich die versammelte Gemeinde noch über den heutigen Abend aus. «Den Song ‹Stand by Me› fand ich den Hammer», sagt ein Mann. Früher oder später heisst es jedoch für alle: «Take Me Home, Country Roads».

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