Oberländer Musiker will Erich Kästner in Wetzikon aufleben lassen
Zwei Wochen Kästner
Thomas Mäusli hat zu Ehren des deutschen Schriftstellers Erich Kästner eine ganze Veranstaltungsreihe organisiert. Er ist überzeugt: Auch das Wetziker Publikum lässt sich für Kästners zeitlose Literatur begeistern.
So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
Den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet sind sie im Grund
noch immer die alten Affen.
So lautet die letzte Strophe von Erich Kästners Gedicht «Die Entwicklung der Menschheit». Der Hinwiler Thomas Mäusli hat zu diesen Zeilen eine besondere Beziehung. «Wir mussten das ganze Gedicht in der Sekundarschule auswendig lernen», erinnert er sich. «Alle anderen hat es ‹agschisse›, nur mich nicht.»
Und so hat für den Hinwiler Ende der Achtzigerjahre seine Faszination für einen deutschen Dichter und Autor begonnen – und sie lässt ihn bis heute nicht los. Seit Jahren vertont er mit seiner Band Panikhertz Gedichte von Kästner.

«Denn sie sind einfach verständlich und zeitlos», findet Mäusli. «Mit wenig Zeilen bringt Kästner es auf den Punkt.» Er ist sich sicher: «Wenn man den Leuten nicht sagen würde, dass ein Kästner-Gedicht hinter dem Lied steckt, würden sie es nicht merken.»

Erich Kästner kam am 23. Februar 1899 in Dresden zur Welt. Er dient im Ersten Weltkrieg und arbeitet im Anschluss als Lehrer und Journalist.
1929 veröffentlicht er mit «Emil und die Detektive» sein erstes Kinderbuch. Es gehört bis heute zu seinen erfolgreichsten Werken und wurde in 24 Sprachen übersetzt. Es folgten mit «Pünktchen und Anton» (1931) und «Das fliegende Klassenzimmer» (1933) zwei weitere erfolgreiche Kinderbücher.
1933 werden verschiedene Bücher und Publikationen von Kästner durch die Nationalsozialisten verboten und verbrannt. Kästner wird in den folgenden Jahren mehrmals von der Geheimen Staatspolizei verhaftet – kommt aber immer wieder frei. Er bleibt auch während des Zweiten Weltkriegs in Berlin – und schreibt weiter.
Nach dem Krieg zog Kästner nach München und nahm dort seine Arbeit als Journalist wieder auf. Zudem veröffentlichte er 1946 seinen ersten Gedichtband nach dem Krieg, 1949 seinen ersten Roman «Die Konferenz der Tiere». Darin rufen Vertreter aller Tierarten eine Konferenz ein, um den Weltfrieden zu erreichen – da die Menschen damit gescheitert waren.
Kästner war überzeugter Pazifist und setzte sich in den 1950er-Jahren unter anderem gegen die Wiederbewaffnung von Deutschland ein. Den Anschluss an die Nachkriegsliteratur schaffte Kästner aber nicht, er wird ab 1945 vor allem als Kinderbuchautor wahrgenommen.
1961 erkrankte Kästner schwer. 1974 erlag er seinem Krebsleiden.
Dieses Jahr würde Erich Kästner seinen 125. Geburtstag feiern. Zudem jährt sich sein Tod zum 50. Mal. In Deutschland, unter anderem in Kästners Geburtsstadt Dresden, finden in diesem Jahr deshalb zahlreiche Veranstaltungen zu Ehren des Autors von Weltgeltung statt. Zudem ist ihm sogar eine 20-Euro-Jubiläumsmünze gewidmet.
Doch Kästner-Fans aus der Region müssen nicht ins Ausland reisen. Denn Mäusli hat zusammen mit einigen Mitstreitern ein eigenes Kästner-Festival in Wetzikon auf die Beine gestellt. «Die Planung hat eigentlich schon vor fünf Jahren angefangen», sagt Mäusli. Er wollte schon zum 120. Geburtstag Kästners eine Veranstaltungsreihe organisieren. «Ich habe dann aber gemerkt, dass 125 die magische Zahlt ist.»
Und so findet «Gestatten, Kästner!» vom 12. bis 29. September in Wetzikon statt. Wieso im Oberland? Einen Bezug hatte Kästner nicht zur Region. Doch Mäusli hat mit der Garage, wie er sagt, einen idealen Ort für die Durchführung gefunden.
Es gibt unter anderem Lesungen, Theatervorstellungen, Filmvorführungen – und natürlich zwei Konzerte von Mäuslis Band Panikhertz. Für das Festival hat die Band sogar ein weiteres Gedicht von Kästner vertont: «Keiner blickt dir hinter das Gesicht».
Hören Sie hier den Festival-Song «Keiner blickt dir hinter das Gesicht» von Panikhertz.
«Wir wollten ein Programm auf die Beine stellen, das verschiedene Zielgruppen von Jung bis Alt anspricht», sagt Sinikka Jenni. Die Kulturmanagerin ist ebenfalls Teil des Organisationskomitees.
Fast wie in Dresden
Das Festival soll das facettenreiche Schaffen von Kästner präsentieren. «Er war mehr als nur ein Kinderbuchautor», betont Mäusli. Und nicht ohne Stolz sagt er: «Ein so umfangreiches Programm wie hier in Wetzikon gibt es in Deutschland nur in Dresden.»
Und das Festival hat sogar etwas zu bieten, was es dieses Jahr nur in Kästners Geburtsstadt gab. Eine Aufführung von «Leben in dieser Zeit», einem vertonten Hörspiel des Autors aus dem Jahr 1929, welches vom Komponisten Edmund Nick vertont wurde.
Die Lieder werden heute nur noch sehr selten aufgeführt. «Man kann auch nicht einfach so die Noten herunterladen», erklärt Mäusli. Er ist sehr stolz, dass Sopranistin Anna Gitschthaler und Pianist Dominic Domide das fast vergessene Werk ins Oberland bringen.
«Verdient, aktuell zu sein»
Doch das ist für Mäusli und Jenni nur ein Highlight von vielen. Besonders freuen sich die beiden auf die theatralische Lesung «Eine tierische Konferenz im Café Kästner», die von Erich Kästners Kinderbuch «Die Konferenz der Tiere» aus dem Jahr 1949 inspiriert ist.
Gespielt wird es vom Wetziker Theaterensemble Theater Reaktiv unter der Co-Leitung von Camilla Gomes dos Santos und Matthias Werder.
Die Lesung wird für Erwachsene angepriesen. Von einem Kinderbuch? Für die Organisatoren ist das kein Widerspruch. «Das Stück wurde umgeschrieben, damit es für ein erwachsenes Publikum passt», erklärt Jenni. Der Inhalt des Buchs sei ohnehin zeitlos. Die Tiere versuchen, den Weltfrieden herzustellen. Ein Thema, das auch in der heutigen Zeit aktuell sei.
Mäusli ist überzeugt, dass sich das Wetziker Publikum ebenfalls für den deutschen Lyriker und Autor begeistern wird. Ziel des Festivals mit seinen 13 Veranstaltungen sei, Kästner wieder aufleben zu lassen. Für Kästner-Fan Mäusli ist klar: «Er hat es verdient, immer noch aktuell zu sein.»
«Gestatten, Kästner!»
Das Festival «Gestatten, Kästner!» findet vom 12. bis 29. September in der Garage in Wetzikon statt. Mehr Informationen und Tickets findet man auf der Website kaestner-festival.ch.
Es gibt insgesamt 13 Veranstaltungen.
Donnerstag, 12. September: Festivaleröffnung (Eintritt frei, Kollekte)
Freitag, 13. September: Lyrische Hausapotheke – Lesung mit dem Schauspieler Christian Dieterle
Samstag, 14. September/Samstag 28. September: Konzert Kästner & Panikhertz
Sonntag, 15. September: Filmabend «Kästner und der kleine Dienstag» (Eintritt frei, Kollekte)
Mittwoch, 18. September: Kabarett Songs (1929) – Leben in dieser Zeit
Donnerstag 19. September: Slam Poetry Abend
Freitag, 20. September/Sonntag, 22. September/ Freitag, 27. September/Sonntag 29. September: Eine tierische Konferenz im Café Kästner, theatralische Lesung für Erwachsene
Samstag, 21. September: «Keiner blickt dir hinter das Gesicht», Vorstellung der Kästner-Biographie von Sven Hanuschek
Mittwoch, 25. September: «Emil und die Detektive» – Kinderfilm 1931 (Eintritt frei, Kollekte)
