Sie findet die spannenden Geschichten hinter den Häusern in Turbenthal
Häuserserie von Renate Gutknecht
Über beinahe 50 Turbenthaler Häuser hat Renate Gutknecht in den letzten Jahren geschrieben. Dass sie sich einst für Lokalgeschichte interessieren würde, hätte sie sich in jungen Jahren nicht vorstellen können.
«Manchmal ‹gumpt› mich ein Haus richtig an», sagt Renate Gutknecht. Für sie ist das meist der Anlass, mehr über dessen Geschichte zu erfahren. In den letzten vier Jahren hat sie in ihrer Häuserserie im «Tössthaler» über fast 50 Gebäude im Tösstal, die meisten davon in Turbenthal, geschrieben.
Den Anfang ihrer Serie machte im Sommer 2020 das Chäppeli, das früher als Arrestzelle genutzt wurde. «Es hat mich einfach neugierig gemacht, und ich wollte wissen, was hinter dem Haus steckt.» Diese Geschichten herauszufinden, ist die grosse Leidenschaft von Gutknecht.
Bei ihren Recherchen geht sie aber akribisch vor. Meistens beginnt sie mit einem Blick in die «Turbenthaler Chronik», die 1960 erschienen war. «Sie ist wohl das wichtigste Hilfsmittel», sagt sie.
Die Informationen aus der Chronik liefern ihr das Basiswissen. Im Anschluss macht sich Gutknecht auf die Suche nach weiteren Informationen. «Ich recherchiere einfach gerne», sagt die 69-jährige Seelmättlerin.
Oft wird sie im Zeitungsarchiv des «Tössthalers» bei der Gemeinde Turbenthal fündig. Auch Wolfgang Wahl, Historiker und Präsident der Ortsmuseumskommission von Wila, unterstützt sie regelmässig. Zudem spricht sie, wenn immer möglich, mit Zeitzeugen oder deren Nachkommen, die ihr etwas über die Häuser oder besondere Ereignisse erzählen können.
«Die Informationen, die ich zusammentrage, sind meist sehr eindrücklich», erzählt Gutknecht. Es sei eine Herausforderung, alle Informationen zu einem flüssigen und lesenswerten Text zusammenzusetzen. «Oft kann ich nur einen kleinen Teil erzählen», sagt sie. Sie wolle auch keine historischen Abhandlungen schreiben. «Meine Texte sollen vor allem unterhalten.»
Unterhaltung steht im Vordergrund
Und das scheint ihr zu gelingen. Die Häuserserie hat eine treue Fangemeinde, oft erhält Gutknecht Rückmeldungen aus dem Dorf. «Immer wieder habe ich in der Vergangenheit gehört, ich solle sie doch als Buch herausgeben.» Lange winkte sie ab. Bis ihr der Turbenthaler Grafiker Jonas Bosshart seine Unterstützung anbot.
Er übernahm freiwillig die Aufgabe, die ersten 15 Häusergeschichten zu layouten und für den Druck vorzubereiten. Im Gegensatz zu den Artikeln im «Tössthaler» bietet ein Buch mehr Platz für die Unterbringung der zahlreichen Fotos.

«Eigentlich wollte ich nur ein paar Stück bestellen», sagt Gutknecht. Auch dank finanzieller Unterstützung der Gemeinde wurden es dann aber 100 Exemplare, die sie für 20 Franken pro Stück verkauft. So lassen sich die Unkosten decken.
Die meisten Exemplare des ersten Bands, der letztes Jahr erschienen ist, sind bereits vergriffen. Ein zweiter Band mit weiteren 15 Häusergeschichten wird im September erscheinen. Zusätzliche sollen folgen.
Wie die Jungfrau zum Kind
Der Erfolg ihrer Häuserserie zeigt Gutknecht, dass das Interesse für Lokalgeschichte im Tösstal da ist. «Und nicht nur bei den Älteren», betont sie.
Für sie selber war das Thema jedoch lange nicht von Belang. «In meinen jungen Jahren hat mich das überhaupt nicht interessiert», gibt die Ur-Seelmättlerin zu.
Gutknecht wuchs im Turbenthaler Weiler Seelmatten auf, machte eine Lehre als Köchin und war danach Hausfrau und Mutter. 14 Jahre lebte sie in Effretikon, bevor sie mit ihrer Familie 1984 wieder nach Seelmatten zurückkehrte.

Ihr Interesse an der Turbenthaler Ortsgeschichte begann zu wachsen, als sie 1988 für ein Vorstandsamt im neu zu gründenden Museumsverein angefragt wurde. Als engagierte Bürgerin sagte sie zu.
«Ich bin zu dieser Aufgabe gekommen wie die Jungfrau zum Kind», sagt Gutknecht heute. «Im Vorstand gab es Leute, die haben gelebt für die Lokalgeschichte, bei mir kam das Interesse erst so langsam auf.»
Doch es ist geblieben. Noch immer engagiert sich Gutknecht im Museumsverein und ist für den Museumsbetrieb und die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.
Ein Gespräch im Zug
In der Gemeinde ist sie ausserdem bestens vernetzt und erhält so immer wieder neue Hinweise für spannende Häuser. Manchmal sind es aber auch Zufälle, die am Anfang einer Häusergeschichte stehen.
So sass sie in den 1980er Jahren im Zug von Turbenthal nach Winterthur und hörte, wie eine Frau ihrem Gegenüber von der falsch geplanten Kläranlage in Schmidrüti erzählte. Diese war zu nahe an ihr Haus gebaut worden – und musste schliesslich wegen Lärm- und Geruchsemissionen wieder abgebaut werden. «Diese Geschichte blieb mir im Gedächtnis haften.»
Gutknecht nahm sie im Rahmen der Häusergeschichten zum Anlass, mehr über das ehemalige Haus zu erfahren, das vor einigen Jahren einem Doppeleinfamilienhaus weichen musste.

Und der Zufall wollte es, dass es sich beim «Hüsli» um das ehemalige Wohnhaus von Johannes Rebsamen (1797–1888) handelte. Seine niedergeschriebenen Erinnerungen, die durch eine Transkription erhalten geblieben sind, geben einen Einblick in die Lebensumstände der Landbevölkerung im 19. Jahrhundert. «Johannes Rebsamen ist mir durch seine Schilderungen ans Herz gewachsen, das erklärt auch, weshalb das ‹Hüsli› auf dem zweiten Buchumschlag zu sehen ist.»
Das Beispiel ist typisch für ihren Arbeitsprozess. Gutknecht fasst es so zusammen: «Am Beginn einer Geschichte weiss ich nie, wie sie endet.»
Der zweite Band von «Turbenthaler Häuser erzählen Geschichten» erscheint voraussichtlich im September. Er kann dann wie der erste unter anderem in Heidis Geschenkboutique an der Tösstalstrasse 71 in Turbenthal bezogen werden.
