Sogar Baltimore will die Jazzschätze aus Uster
Internationaler Jazztag
Ein Welti-Furrer-Container – und schon ist die Ware in die USA verschifft. Die Schätze des Swiss Jazzorama in Uster bringen sogar Experten im Heimatland des Jazz zum Staunen.
Steigt man die Treppen zum grössten Jazzarchiv der Schweiz empor, liest man auf den Stufen, was die ikonische Ella Fitzgerald im Hintergrund singt: «Let’s build a stairway to the stars» (Lasst uns eine Treppe zu den Sternen bauen). Der Klang von Trompeten, ein leuchtender Schriftzug und eine rote Schallplatte heissen Besucher im Swiss Jazzorama in Uster willkommen.
Bis vor Kurzem war das Archiv noch in einem unscheinbaren Industriegebäude zu Hause. Nun ist es aber ins Zeughausareal umgezogen, wo es dauerhaft bleiben wird.
Der Umzug macht Sinn. Zum einen, weil die Miete in der städtischen Liegenschaft um einiges günstiger ist. Ein Archiv, das selbst kaum Einnahmen generiert und auf Schultern von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern getragen wird, ist auf erschwingliche Konditionen angewiesen, um weiter bestehen zu können. Zum anderen, weil das Zeughausareal künftig das Zentrum der Ustermer Kulturszene werden könnte. Und Kultur umgeben von Kultur macht Sinn.
Es ist erstaunlich, was die Sammlung im Archiv alles beinhaltet: Schallplatten, CDs, Dokumentarfilme, Konzertplakate, Magazine, Bücher, Notenblätter, Dokumente, Fotografien und noch vieles mehr. Volle Regale, Plattenspieler und eine Sofaecke laden zum Herumschmökern und Verweilen ein. Es ist wahrlich eine Quelle der Inspiration.
Jedoch ist der Raum im Zeughausareal kleiner als der ehemalige an der Ackerstrasse. Ein Teil der Sammlung konnte aus Platzmangel daher nicht mitgenommen werden, sondern wurde nach Luzern überführt. Die Rede ist von der Schweizer Sammlung – also alles rund um den helvetischen Jazz.
Fehlt der Auftrag vom Bund, müssen Kleininstitutionen anpacken
Die Hochschule Luzern (HSLU) ist als wichtige Akteurin in diese Entwicklung involviert. Sie hat mit dem Swiss Jazzorama einen Trägerverein gegründet, den Jazz Helvetica, der die Schweizer Sammlung nun besitzt und es sich zur Aufgabe gemacht hat, diese zu erhalten – also für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
In einem ersten Schritt ist die Sammlung, die ungefähr 40 Prozent des Besitzes des Swiss Jazzorama ausmacht, in die Kooperative Speicherbibliothek Schweiz in Büron LU gebracht worden. Ein besonders sicheres Archiv mit einem Bibliotheksbestand von fast drei Millionen Exemplaren aller Art.
Nun müssen aber Hunderte von Stunden investiert werden, um den helvetischen Jazzteil zu erschliessen, wie Valentin Gloor, Direktor des Musikdepartements der HSLU, einschätzt. Es wird dabei evaluiert, was digitalisiert werden soll und was nicht. Ausserdem muss beschlossen werden, wohin das Material danach gebracht wird. Für diesen Prozess braucht es eine Finanzierung.
Der Verein Jazz Helvetica wird dazu ein Konzept erstellen und alle möglichen Geldquellen anfragen, um das Projekt realisieren zu können. Da gehört die öffentliche Hand dazu, wie der Bund oder Gemeinden, sowie Kulturinstitutionen oder auch Gönnerinnen und Gönner, die ein Interesse daran haben, den Schweizer Jazz zu konservieren.
Aber wieso müssen freiwillige Helfende und eine Hochschule überhaupt ein solch aufwendiges Projekt angehen? Anders als in anderen Ländern kennt die Schweiz ausser der Schweizerischen Nationalphonothek für Tonträger keinen Bundesauftrag für das Archivieren von musikalischem Kulturgut wie beispielsweise Deutschland.
«Musikarchive werden von vielen kleinen und grossen, zumeist privaten Institutionen gemacht, aber auf nationaler Ebene fühlt sich niemand übergreifend zuständig dafür. Das ist ein grosses Defizit», erklärt Gloor. Und die Sammlung des Kompetenzzentrums Swiss Jazzorama sei von nationaler, wenn nicht sogar internationaler Bedeutung, sagt der Direktor weiter.
Die Wichtigkeit der Sammlung des Swiss Jazzorama hat neben der HSLU auch ein weiterer Akteur erkannt: das Répertoire international de la presse musicale (Internationales Verzeichnis der Musikpresse), kurz Ripm, aus den USA.
Schätze, die einen Staunen lassen
Das Ripm ist eines der wichtigsten Dokumentarprojekte im Bereich der Musikforschung und befindet sich in der Hafenstadt Baltimore. Seine Aufgabe ist es, Musikzeitschriften und Presseinhalte zu sammeln und zu digitalisieren. Mehr als eine Million Texte, von der Frühromantik bis in die Moderne, stehen digital zur Verfügung.
Man würde davon ausgehen, dass ein solch umfassendes bibliografisches Archiv schon alles gesehen hat. Doch mit dem Swiss Jazzorama hat es wohl nicht gerechnet. Das Jazzarchiv besitzt Magazine, die das Interesse des Ripm weckten. Davon waren viele Exemplare aus der Schweiz, doch auch europäische Magazine stachen ins Auge bei einem Besuch.
«Der Experte hat gestaunt und wollte die Magazine unbedingt mitnehmen, denn anscheinend haben sie selbst viele der Magazine nicht einmal gekannt», erzähl Hans Peter Künzle, Geschäftsleiter des Swiss Jazzorama. Beeindruckt von den Schätzen, die im Archiv vorgefunden wurden, verschiffte das Team aus Baltimore die Magazine in die USA. Ganze 90 prall gefüllte Zügelkisten wurden in einem Welti-Furrer-Container zum anderen Kontinent transportiert. Die Kosten übernahm das Ripm gleich selbst.
«Die Arbeit des Swiss Jazzorama ist sehr wichtig. Sie bewahren, dokumentieren und erneuern eine lange Geschichte des Jazz, und durch ihre Bemühungen bleibt der Jazz in der Schweiz lebendig», sagt Benjamin Knysak von Ripm. Man bedenke, dass viele Sammelstücke aus privaten Haushalten dem Swiss Jazzorama gespendet wurden. Einer der Gönner beispielsweise ist JazzautorJohnny Simmen, der seinen eigenen Raum hat, wo seine Sammelstücke ausgestellt sind. Vergleichbar wie etwa die bunte Sammlung Merzbacher im Kunsthaus.
Man könnte nun denken, dass dem Jazzorama ein wichtiger Teil verloren gegangen ist. Klar, ein Museum in der Grösse des Kunsthauses wäre sicherlich passender für ein so grosses und stets wachsendes Archiv. Man könnte einen Hörraum errichten, wo Schallplatten gespielt werden, einen Ausstellungsraum für die vielen Plakate, ein Kino und die helvetische Sammlung gleich im eigenen Haus behalten. Träume kennen nun mal keine Grenzen. Ein Budget eben schon.
Noch ist nicht alles gewonnen – oder verloren
Das Jazzarchiv steht noch vor finanziellen und strukturellen Herausforderungen. Ihm fehlt der Nachwuchs – wie vielen Kulturinstitutionen auch.
Die Mitarbeitenden sind hauptsächlich Pensionierte, die mit freiwilliger Arbeit das Archiv aufrechterhalten. Valentin Gloor, Direktor des HSLU-Musikdepartements, bewundert das Engagement, das hinter dem Swiss Jazzorama steckt: «Ohne diese unendlichen Stunden und das Herzblut, das die Mitarbeitenden investiert haben, wäre vieles aus der Schweizer Jazzgeschichte verloren gegangen.»
Doch früher oder später müssen Nachfolgerinnen und Nachfolger übernehmen. «Wenn wir sagen, wir brauchen Nachwuchs, dann heisst das nicht unbedingt junge Erwachsene, auch Frühpensionierte sind herzlich willkommen», sagt Geschäftsleiter Künzle.
Das Flair für Jazz soll gegeben sein. «Viele der Arbeiten erfordern eine Grundkenntnis, wie sie etwa Musizierende oder Expertinnen und Experten aufweisen», sagt der Geschäftsleiter weiter. Doch kaum jemand wird freiwillige Arbeit leisten können. Sicherlich aus Kostengründen, vielleicht aus Zeitgründen.
Trotzdem sehen die Mitarbeitenden des Swiss Jazzorama Potenzial in den Symbiosen mit der HSLU und dem Ripm. Ausserdem gibt im Untergeschoss des Gebäudes das H2U Open Air Uster den Ton an. Schon seit fast vier Jahren versucht man dort einen Veranstaltungsort zu kreieren. Dabei soll mit einer Bühne und einer Bar ein Abendprogramm entstehen. Aber baurechtliche Prozesse dauern eben.
Rolf Heckendorn, OK-Mitglied des Open Airs, erklärt, dass nun Massnahmen für den Lärmschutz geprüft werden. «Obwohl wir schon lange dran sind, bin ich zuversichtlich, dass wir etwas aufbauen können.» Davon könnte auch das Swiss Jazzorama profitieren, mit regelmässigen Jazzkonzerten beispielsweise. Ein Gespräch, das die beiden Mieterparteien schon geführt haben.
Internationaler Tag des Jazz am 30. April
Am 30. April ist Internationaler Tag des Jazz, und bloss darüber zu lesen, ist doch öde. Jazzliebhaberinnen und -liebhaber können den Tag mit Livemusik würdigen. Zusammen mit dem Swiss Jazzorama veranstaltet der Jazzclub Uster ein Konzert im Musikcontainer.
Das Bastien Rieser Quartett spielt feinsten Bebop und Hardbop aus dem Repertoire der grossen Meister des Jazz auf internationalem Niveau.
Bastien Rieser, Trompete, Flügelhorn
Claus Raible, Piano
Raphael Walser, Bass
Xaver Hellmeier, Schlagzeug
Apéro um 18.30 Uhr, Konzertbeginn um 20 Uhr, Eintritt 30 Franken.
Zeughausfest am 25. Mai
Am 25. Mai findet das Zeughausfest statt. Das Swiss Jazzorama wird einen kleinen Flohmarkt veranstalten. Im Untergeschoss wird das H2U Open Air die provisorische Bühne bespielen, inklusive Pop-up-Bar.