Was es mit dem sagenumwobenen Mondmilchgubel auf sich hat
Mystische Höhle in Wald
In Wald gibt es eine Höhle zwischen mystischen Felsflächen, die von weissen Flecken bedeckt sind. Einst hiess es, die Felsen hätten des Nachts den Mond gemolken.
Vom Bahnhof Wald führt ein Wanderweg in Richtung Schnebelhorn zum grossen Parkplatz bei der Wolfsgrueb und von da aus wieder hinunter zu einer Brücke über die Vordertöss. Die Wanderung dauert rund anderthalb Stunden.
Nach weiteren 450 Metern flussabwärts weicht man über eine kleine Brücke von der Waldstrasse ab. Am linken Ufer geht es auf dem Pfad hangaufwärts bis zur ersten Abzweigung.
Der rechte Weg endet nach 85 Metern schliesslich beim Mondmilchgubel, einer Halbhöhle in der Mitte einer 30 Meter hohen Felswand. Diese Höhle ist sagenumwoben und fand erstmals in den «Zürcher Sagen» des Mundart- und Heimatdichters Meinrad Lienert (1865–1933) Erwähnung.
Mystik erfordert Nebelwetter
Heute sind der Mondmilchgubel und der direkt nebenan ins Tal tosende Wasserfall ein beliebtes Ausflugsziel inmitten der Natur. Bei der nahe gelegenen kleinen Brücke gibt es sogar Holz für die Feuerstelle in der oberen Höhle.
Mondmilch ist die Bezeichnung für eine spezielle Art von Kalzit-Ablagerung. Der Begriff beruht auf einer historischen Beschreibung der Mondmilchloch-Höhle am Pilatus aus dem Jahr 1555. Mondmilch ist meistens rein weiss bis milchig. Im Gegensatz zum harten Tropfstein ist sie weich und porös. In seltenen Fällen gibt es auch Mondmilch in flüssiger Form. Im Alpstein (Appenzell), insbesondere in den Höhlen des Kamors, wurde im 19. Jahrhundert Mondmilch gesammelt und als Heilmittel für Menschen und Vieh benutzt.
Wer in eine mystische Sagenwelt abtauchen möchte und sich vor schmalen Wegen und Abgründen nicht fürchtet, sollte den Ort allerdings eher bei nebligem und nassem Wetter aufsuchen.

Genauso empfehlenswert ist es, sich den rund 20-minütigen und kostenlosen Podcast zur Sage auf www.sagenjaeger.ch anzuhören. Auf der Website finden sich noch weitere Podcasts zu Sagen im Oberland und im Tösstal.
Den Reichtum vor Augen
Die Mondmilchgubel-Sage besagt, dass eines Abends ein Venedigermännlein zum Bauern Oberholzer von der «Sunnenwies» kam.
Es erzählte von einem Schatz hinter einer eisernen Tür in einer Höhle, von dem es in einem Zauberbuch gelesen hatte. Bauer Oberholzer kannte den besagten Felsen, wo die Höhle lag, und wies dem Venedigermännlein den Weg.
Venedigermännchen sind zwergenhafte Figuren aus Venedig, einer der reichsten Städte des Mittelalters. Sie suchen in den Bergen nach Gold und Silber und werden gerne mit dem Zwerg «Alberich» aus der Nibelungensage und Richard Wagners Oper «Rheingold» assoziiert. Die Männchen «korrespondieren» nur mit Mineralien, vornehmlich mit Gold und Silber. Sie kennen keine Gefühle gegenüber Lebewesen, sondern lieben nur ihre Schätze.
Zur Mitternachtsstunde standen die beiden vor der eisernen Tür. Das Männlein klopfte dreimal an die Tür, die sich kurz darauf mit leisem Knarren öffnete. Eine wunderschöne, in Weiss gekleidete Frau stand im Eingang. Völlig stumm gab sie ihnen ein Zeichen, ihr zu folgen.
Sie führte die beiden vor eine schwarze Eisentruhe mitten in der Höhle, auf der ein hässlicher, schwarzer Pudel sass. Die Frau verscheuchte den Hund, worauf die Truhe von selbst aufsprang. Sie war bis zum Rand mit Goldstücken gefüllt.

Rasch füllte das Venedigermännlein seine Säcke mit Gold. Bauer Oberholzer aber hatte seinen Blick noch immer auf die schöne Frau gerichtet, die etwas Gespenstiges und Elfenhaftes verströmte.
Als der Goldhascher seine Beute restlos an sich genommen hatte, schnappte der Deckel zu, und der Pudel setzte sich wieder auf die Truhe. Die Frau führte ihre Besucher wieder zur Tür. Und da standen sie nun: der eine steinreich, der andere so arm wie zuvor.
Eine mögliche Moral?
Wie könnte man diese Sage interpretieren? Vielleicht möchte die Geschichte darauf hinweisen, dass das fokussierte Venedigermännlein, das einzig den Schatz im Sinne hatte, sein Ziel ohne Rückschläge erreichte. Der Bauer Oberholzer allerdings, so könnte man vermuten, verliebte sich auf den ersten Blick in die schöne Frau in Weiss, die dem Bauern keine Chance gab oder sein Interesse an ihr überhaupt nicht bemerkte. Wer Gefühle zeigt und sich nach Liebe sehnt, zieht eher einmal den Kürzeren.
