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Im Chor ist der Russiker Gemeindepräsident «ein lieber Diktator»

Philip Hirsiger ist Musiker, Unternehmer und Politiker – mit hohen Anforderungen. Auch an einen Tösstaler Männerchor.

Im Chor gibt Philip Hirsiger den Ton an, in der Politik ist der Russiker Gemeindepräsident ein Teamplayer.

Foto: Simon Grässle

Im Chor ist der Russiker Gemeindepräsident «ein lieber Diktator»

Er gibt den Takt vor

Philip Hirsiger dirigiert seit über zehn Jahren die Chorgemeinschaft Landenberg. Fast ebenso lange ist er im Gemeinderat von Russikon. Diese beiden Aufgaben haben für ihn einige Gemeinsamkeiten.

«Eigentlich wollte ich ja gar nicht», sagt Philip Hirsiger. Einen Männerchor zu dirigieren, das war nie der Plan für den 46-jährigen Musiker. Mehrmals hat er das Angebot von der Chorgemeinschaft Landenberg aus dem Tösstal deshalb abgelehnt. «Ich konnte mir die Gepflogenheiten und Regeln in so einem Chor gar nicht vorstellen», gibt er zu.

Bis 2013. Bei einem Treffen in der Russiker «Krone» überzeugte ihn der damalige Vizedirigent, doch einmal bei einer Probe vorbeizuschauen.

«Es war überhaupt nicht gut», sagt Hirsiger über die gesanglichen Qualitäten des damals kleinen Männerchors. Als er die Sänger darauf ansprach, erhielt er die Antwort: «Bis jetzt hat das auch niemanden interessiert.»

Der Russiker Gemeindepräsident Philip Hirsiger probt mit seinem Chor in Wila als Dirigent.
Seit über zehn Jahren dirigiert Philip Hirsiger die Chorgemeinschaft. Ein so langes Engagement hat er sich am Anfang nicht vorstellen können.

Hirsiger liess sich auf das Abenteuer ein und übernahm die Leitung des Chors. Bleiben wollte er eigentlich höchstens vier Jahre. Und nun finden mit den kommenden Frühlingskonzerten der Chorgemeinschaft die Feierlichkeiten zu seinem 10-Jahr-Jubiläum statt – obwohl er dieses Jahr elf Jahre dabei ist.

Sein anfängliches Unbehagen gegenüber einem Männerchor hat sich als unbegründet herausgestellt. «Das sind alles ‹feini Manne›», sagt er. Man gebe sich die Hand, und nach der Probe gehöre es sich, noch etwas zusammen zu trinken.

Keine Demokratie

Als Hirsiger die Aufgabe als Dirigent der Chorgemeinschaft übernahm – sie war 2003 aus dem Zusammenschluss der Männerchöre von Wila, Wildberg-Ehrikon und Turbenthal entstanden –, zählte der Chor 19 Mitglieder. Heute sind 35 Sänger dabei. «Wir haben einen guten Drive», findet er.

Auch musikalisch ging es aufwärts. Nur mit «klassischen» Männerchorliedern gibt sich Hirsiger nämlich nicht zufrieden. 2017 hat die Chorgemeinschaft beispielsweise die «Deutsche Messe» von Franz Schubert aufgeführt. Der Dirigent hat sie eigens für den Chor arrangiert.

«Die Arrangements und die Liederauswahl müssen passen», meint er. Nur so könne in einem Chor, in dem nicht jeder ein begnadeter Sänger sei, ein schöner Klang entstehen. Hirsiger hat hohe Ansprüche, auch an einen Laienchor. «Ich bin unheimlich pingelig und manchmal auch etwas mühsam», sagt er über sich selbst.

Kontraproduktiv ist das nicht. Hirsiger gelingt es, seine Sänger trotzdem zu motivieren. Und das, obwohl er über sich als Dirigent sagt: «Ich bin ein Diktator, aber ein lieber.» Im Chor gebe es keine Demokratie. Er sage, wo es musikalisch langgehe. «Sie machen, was ich sage, zumindest meistens.»

«Diktator» ist Hirsiger nicht nur bei der Chorgemeinschaft Landenberg. Er leitet beispielsweise auch den Gospelchor Gospel and more in Volketswil oder spielt Violine im Trio Phil. «Ich habe eine unheimliche Leidenschaft für die Musik», sagt er.

Trotzdem hatte er zunächst eine KV-Lehre absolviert, und erst später studierte er Violine. Er war anschliessend Konzertmeister, also erster Geiger, in mehreren Orchestern.

Nie an einer Gemeindeversammlung

Heute hat Hirsiger mehrere Standbeine, nicht nur in der Musik. Er ist Inhaber einer GmbH, die beispielsweise auch Rundum-Dienstleistungen für Oldtimer-Reparaturen anbietet. Manchmal legt Hirsiger selber Hand an, für spezielle Wünsche sucht er den richtigen Mechaniker.

Damit aber nicht genug. Ebenso ist er seit zehn Jahren Mitglied im Gemeinderat (parteilos), seit zwei Jahren sogar Gemeindepräsident von Russikon.

Viele Musiker und Musikerinnen gibt es nicht in der Politik. Die bekannteste ist wohl die ehemalige SP-Bundesrätin Simonetta Sommaruga, die studierte Pianistin ist. «Oder in St. Moritz Opernsänger Christian Jott Jenny», fügt Hirsiger sofort an.

Er sei also nicht der einzige Profimusiker in einem Gemeindepräsidium. Für Hirsiger gibt es sogar eine Parallele zwischen der Politik und dem Männerchor. Beide Aufgaben wollte er ursprünglich gar nicht übernehmen. «Ich war zuvor nie an einer Gemeindeversammlung», räumt er ein.

Wie im Orchester

Als dann 2014 ein Sitz im Gemeinderat frei wurde, ermunterten ihn verschiedene Leute zu einer Kandidatur. Und wie bei der Chorgemeinschaft Landenberg liess sich Hirsiger darauf ein – und schaffte die Wahl.

Ein «Diktator» wie im Männerchor sei er in der Politik aber nicht. «Das ginge auch gar nicht, wir brauchen Teamplayer», betont Hirsiger.

«Es ist wie in einem Orchester», sagt er. Man müsse die richtigen Leute an den richtigen Positionen einsetzen. Und als Gemeindepräsident sei er durchaus manchmal der Dirigent, der das gute Zusammenspiel ermögliche.

Ehrliche Emotionen

Mit seinem Engagement in den Chören, der Politik und seiner Firma bleibt für Hirsigers grosse Leidenschaft, die Violine, oft nicht mehr viel Zeit. «Ich spiele sicherlich nicht mehr jeden Tag», sagt er. Doch das sei auch nicht nötig.

Er habe in der Zwischenzeit gelernt, wie er es schaffe, in kurzer Zeit fit zu werden und etwas Neues zu lernen. «Wenn ich etwas Neues übe, dann beginne ich immer zuerst mit den Tonleitern», sagt er. Unter vier Stunden dauere eine Probeeinheit nicht.

So lange am Stück müssen die Männer der Chorgemeinschaft Landenberg jeweils nicht üben. Ihre Probe am Donnerstagabend dauert jeweils 90 Minuten – eine intensive Zeit für den Dirigenten. «Ich bin immer völlig ausgelaugt», sagt er. «Und die Männer haben teils noch mehr Energie als zu Beginn der Probe.»

Trotz aller Perfektion und seinen hohen Ansprüchen schätzt Hirsiger die Arbeit mit den Laiensängern sehr, nicht nur bei der Chorgemeinschaft. «Musik ist für mich sehr emotional, und die Emotionen bei Laien sind ehrlich.»

Die Frühlingskonzerte zum Jubiläum von Philip Hirsiger finden an folgenden Daten statt:

Samstag, 13. April, 20 Uhr in der reformierten Kirche Russikon mit anschliessendem Apéro

Sonntag, 14. April, 17 Uhr in der reformierten Kirche Bäretswil

Samstag, 20. April, 20 Uhr in der reformierten Kirche Turbenthal mit anschliessendem Apéro

Sonntag, 21. April, 17 Uhr in der reformierten Kirche Wald

Der Eintritt ist frei, es gibt eine Kollekte.

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