Theatermacher bringt Licht ins Leben des Schriftstellers Jakob Senn
Fischenthaler Autor würde heuer 200-jährig
Vor 200 Jahren ist Jakob Senn in Fischenthal zur Welt gekommen. Er erfüllte sich den Traum vom Schriftsteller trotz allen Widrigkeiten. Ein Theaterstück und eine Ausstellung geben nun Einblick in Senns Leben voller Hürden.
Am 20. März 1824 kam Jakob Senn im Weiler Ennerlenzen in Fischenthal zur Welt, als Sohn eines Heimwebers. Dass 145 Jahre nach seinem Tod sein Roman «Hans Grünauer» in einer neuen Auflage erscheinen würde, war damals nicht vorauszusehen.
Zwar durfte Senn die Schule besuchen, die im Kanton Zürich 1832 obligatorisch wurde, aber nach fünf Jahren wurde er ausgeschult. Der Lehrer wusste nicht mehr, was er mit dem begabten Schüler anfangen soll. Ausserdem wurde er zu Hause am Webstuhl gebraucht.
«Doch Jakob Senn war unglaublich bildungshungrig, er wollte lesen und schreiben», sagt Matthias Peter. «Er hat sich deshalb autodidaktisch weitergebildet.»
Peter ist Theatermacher und Publizist und hatte bereits 2006 ein Buch über Jakob Senn und dessen Bruder Heinrich publiziert. Anlässlich des 200-Jahr-Jubiläums hat Peter eine Wanderausstellung zum Leben des Autors konzipiert und einen Theatermonolog mit dem Titel «Jakob Senn – Der ‹Grüne Heinrich› von Fischenthal» geschrieben.
Der Titel ist angelehnt an das Werk «Der grüne Heinrich», den autobiografischen Roman von Gottfried Keller. Die erste Aufführung in der Region findet am Sonntag in Senns Geburtsort statt.
Senn ist nicht der erste Fischenthaler, dem Peter ein Theaterstück widmet. Zum 150-Jahr-Jubiläum der ZKB hat er auch einen Monolog über den «Bankvater» Johann Jakob Keller geschrieben.
Die Suche nach Büchern
Der Theatermacher ist fasziniert vom Engagement und von der Leidenschaft von Jakob Senn. «Zu lesen gab es auf dem Land damals nur Andachtsbücher und allenfalls einen Wandkalender», sagt er. Senn machte sich deshalb in der Gemeinde auf die Suche nach weiterem Lesestoff.
> > Lesen Sie hier mehr über das Leben von Jakob Senn.
Im Elternhaus wurde sein Bestreben nicht unterstützt. «Zum Lesen kam er deshalb nur in der Nacht.» Und da es noch keine Kerzen gegeben habe, sondern nur Öllichter, habe sich Jakob Senn auch die Augen verdorben. «Er brauchte eine Brille, man hat sich in der Gemeinde darüber lustig gemacht», erzählt Peter.
Mit der Lektüre kam bei Senn auch die Leidenschaft fürs Schreiben. Und er fand Gleichgesinnte – auch auf dem Land.
Während dessen Zeit in Sternenberg nahm der Oberländer Volksdichter Jakob Stutz den Fischenthaler unter seine Fittiche und förderte den jungen Schriftsteller. «Doch der grosse Ruhm blieb ihm zeitlebens verwehrt», sagt der Theatermacher.
Literatur statt Volkskunde
So wurde Senns wichtigster Roman «Hans Grünauer» erst 1888, neun Jahre nach seinem Tod, veröffentlicht. «Und dies unter dem veränderten Titel ‹Ein Kind des Volkes – Schweizerisches Lebensbild›, der dem Wert des Werks nicht gerecht wird», findet Peter.
Geschrieben hatte Senn den Roman in den 1860er Jahren, als er sich nach sechs Jahren in Zürich selbständig machte. Einen Verlag fand er aber nicht, obwohl er sogar Gottfried Keller um Hilfe bat.
Für Matthias Peter ist «Hans Grünauer» ein zeitloser Entwicklungsroman, der das Heranwachsen eines jungen Bauernsohns zeigt. Grünauer muss schon früh fürs Auskommen der Familie in der Heimweberei arbeiten, doch er liest fürs Leben gern, verschlingt jedes Wort, das er finden kann. Am Schluss entscheidet sich der Bauernsohn für das Leben als freier Autor.
Das Leben von Grünauer hat offenkundig viele Parallelen mit dem Leben von Jakob Senn. «Es ist eine frühe Form der Autofiktion», meint Matthias Peter. Die Figur von Hans Grünauer lasse sich ganz klar Senn zuordnen. «Doch das Buch hat auch einen hohen literarischen Wert, es geht nicht nur um eine volkskundliche Abhandlung über das Leben im Zürcher Oberland.»
Kein Happy End
Trotzdem ist für Peter klar, dass sich viel aus dem Leben von Jakob Senn aus «Hans Grünauer» rekonstruieren lässt. Ein weiteres wichtiges Dokument sind die zehn Tagebücher seines Bruders Heinrich. «In diesen ist Jakob Senn fast eine Hauptfigur», sagt Peter. Heinrich Senn habe seinen Bruder bewundert und sei nicht weniger lese- und schreibbegeistert gewesen.
Heinrich Senn ist denn auch eine der drei Figuren, die im Theatermonolog über Jakob Senn auftreten. Matthias Peter schlüpft darin auch in die Rollen von Jakob Senn und Hans Grünauer – oder wie Peter sagt: «das literarische Alter Ego». Das Theaterstück solle die Figuren greifbar machen und Einblicke in das Leben des Fischenthaler Autors geben.
Ein glückliches Ende wird es aber auf der Bühne nicht geben. Dieses hatte auch Jakob Senns Leben nicht. Er wanderte nach Uruguay aus und kehrte nach zehn Jahren 1878 in die Schweiz zurück. Eigentlich, um ein Einwanderungsbüro zu eröffnen. Der Plan scheiterte. Im März 1879 wird sein Leichnam aus der Limmat geborgen, Senn hat sich das Leben genommen.
«In seinen Tagebüchern schreibt er über seine innere Zerrissenheit und die Niedergeschlagenheit», sagt Peter und fügt an: «Jakob Senn hat viel erreicht und ist letztlich trotzdem gescheitert.»
200 Jahre Jakob Senn: Die Veranstaltungen in der Region
Mehr Informationen zum Jubiläum und zu den geplanten Veranstaltungen findet man auf der Website jakob-senn-200.ch.
Am Sonntag, 24. März, spielt Matthias Peter den Theatermonolog «Jakob Senn – Der ‹Grüne Heinrich› von Fischenthal» um 17 Uhr im Saal des Gasthauses Blume in Fischenthal. Der Eintritt ist frei, es gibt eine Kollekte.
Die weiteren Aufführungen in der Region:
Sonntag, 14. April, in der Stadtbibliothek in Uster. Eintritt frei, Kollekte.
Sonntag, 5. Mai, im Kloster Fischingen. Eintritt: 30 Franken, für Studierende 15 Franken.
Sonntag, 26. Mai, im Museum Neuthal in Bäretswil. Regulärer Eintrittspreis. Es gibt eine Theaterkollekte.
Vom 12. Mai bis zum 27. Oktober gastiert die Ausstellung über das Leben von Jakob Senn im Museum Neuthal in Bäretswil.
Am 25. Mai und am 8. Juni finden jeweils um 14 Uhr literarische Spaziergänge mit Matthias Peter in Fischenthal statt. Er führt die Wandergruppe von der Bahnstation Steg zum nahe gelegenen Ortsteil Ennerlenzen, hinauf zum Einzelhof Leiacher am Weg zum Hörnli und zurück zur Bahnstation Steg. Eine Anmeldung ist bis eine Woche vor dem Termin möglich per E-Mail info@jakob-senn-200.ch.
Der Roman «Hans Grünauer» wurde zum Jubiläum neu aufgelegt. Er ist im Limmat Verlag erschienen (ISBN 978-3-03926-065-2) und im Buchhandel erhältlich.
