So ticken die Tösstaler Macherinnen des umstrittenen «Circuit Flow»
Stefanie und Maureen Kägi
Das abstrakte Kunstwerk «Circuit Flow» ging um die Welt – und erntete viel Kritik. Im Interview reden Stefanie und Maureen Kägi über ihr Werk, die künstlerische Handschrift und die Tösstaler Wurzeln.
Selten hat Kunst so viel Aufsehen erregt wie im Fall von «Circuit Flow» – einer sogenannten All-over-Malerei in einem neuen Garderobengebäude im Sportpark Deutweg in Winterthur. Urheberinnen des Werks sind die Zellerinnen Stefanie und Maureen Kägi. Das Kunstwerk machte über die Landesgrenzen hinaus Schlagzeilen, sogar die Zeitung «Bild» berichtete darüber. Eine Welle der Empörung brach über die Schwestern herein.
Nachdem das Stadtparlament darüber diskutiert hatte, einigten sich die Involvierten, darunter die Künstlerinnen, der Quartierverein und Vertreter des FC Tössfeld, Ende Januar, dass das Werk vorerst hängen bleibt. In einem Jahr soll die Diskussion noch einmal aufgenommen werden. Die Redaktion hat die beiden Kunstschaffenden im virtuellen Raum getroffen.
Stefanie und Maureen Kägi, wie sehr hat Sie die teils heftige Kritik an «Circuit Flow» getroffen?
Stefanie Kägi: Anfangs empfand ich vor allem die persönlichen Angriffe als sehr heftig. Es ist nicht oft der Fall, dass man als Künstlerin einen Shitstorm erlebt. Es war für uns beide das erste Mal. Das ist natürlich Wahnsinn, wenn einem jeden Tag aufs Neue ein Schwall hässiger und teils auch sexistischer Kommentare entgegenschwappt.
Maureen Kägi: Es gab aber nicht nur Kommentare unter den zahlreichen Online-Artikeln, bald wurde auch in internationalen Foren diskutiert, und wir erhielten unzählige persönliche Nachrichten. Abstrakte Kunst und die Reaktionen darauf verraten immer viel über den Betrachter.
Was war der ausschlaggebende Faktor, dass ausgerechnet dieses Werk so hohe Wellen geschlagen hat?
Maureen Kägi: Zu der Empörung beigetragen hat sicherlich die Tatsache, dass das Kunstwerk schon Monate vor der Fertigstellung durch die Medien ging. Dabei kann man aus künstlerischer Sicht eigentlich erst über ein Werk reden, wenn es fertig ist. Wir wollten bewusst einen Dialog öffnen, aber die Emotionen nahmen schnell überhand.
Stefanie Kägi: Die Kritik begann ja bereits mitten im Entstehungsprozess, was das Ganze nicht einfacher machte. Durch die Glasscheibe des Gebäudes konnten die trainierenden Spieler des FC Tössfeld den Prozess beobachten. Da viele von ihnen nicht darüber informiert waren, was kommt, war das Entsetzen über die blauen Linien gross – das hat sicher auch eine Rolle gespielt.
Maureen und Stefanie Kägi sind in Langenhard in der Gemeinde Zell aufgewachsen. Dort haben die Künstlerinnen noch heute ein Atelier.
Maureen Kägi (39) hat Malerei in Wien studiert und lebt aktuell in Niederösterreich. Kürzlich hat sie ein Staatsstipendium vom österreichischen Bundeskanzleramt erhalten.
Stefanie Kägi (37) hat ebenfalls Malerei studiert – in Berlin, wo sie heute noch lebt und arbeitet. 2023 hat sie den Kunstpreis des Galerievereins Winterthur erhalten.
</section
Hinzu kommt, dass das Werk in Winterthur als «Kunst am Bau» steuerfinanziert ist.
Stefanie Kägi: Weil das Werk in einem öffentlichen Gebäude und mit öffentlichen Geldern entstanden ist, kann natürlich jeder mitreden. Das ist gut und auch wichtig und gehört bei «Kunst am Bau» dazu. Aber es ist schade, dass immer gleich der Preis in den Fokus rückt – ja, das Werk kostete 28’000 Franken. Die Leute sehen aber nur diese Summe, ohne sie einordnen zu können. Auch die Tatsache, dass nicht alles in unsere Tasche fliesst, wird schnell ausser Acht gelassen.


Skizzenhafte Motive wie bei «Circuit Flow» findet man auch in anderen Werken von Ihnen. Was steckt hinter diesem Stil?
Stefanie Kägi: Bei meiner Arbeit geht es viel um Geste und Handschrift. Ich arbeite oft mit dem Computer und versuche jeweils, die «computerisierte» Handschrift mit meiner eigenen physischen Handschrift zu vermischen und diese Ebenen zu verbinden. Dabei spiele ich gerne mit Zufall und Kontrolle. Zur Malerei gehört aber unweigerlich auch die Auseinandersetzung mit der Geschichte dieses Mediums.
Maureen Kägi: Bei mir spielen die Kontraste – Kontrolle und Intuition etwa – ebenfalls eine grosse Rolle. Aber den Begriff Stil empfinde ich grundsätzlich als etwas schwierig und verbinde damit einen festgefahrenen Zustand.
Das Ganze wirkt ziemlich abstrakt. Woher rührt das?
Maureen Kägi: Bei «Circuit Flow» hätte ein naturalistisches Bild keinen Sinn gemacht – das hätte Stillstand vermittelt. Bei dieser Auftragsarbeit ging es aber darum, eine gewisse Dynamik abzubilden. Aber die Arbeitsweise unterscheidet sich je nach Projekt.
Stefanie Kägi: Es geht bei unseren Wandmalereien auch oft um die Körpererfahrung. Wenn ich vor einer Wand stehe und sie bemale, dann fliesst die Geste meines Körpers in das Werk mit hinein. Das verleiht dem Ganzen Energie und Dynamik.
Wie oft arbeiten Sie zusammen?
Stefanie Kägi: Im Fall von «Circuit Flow» wurden wir gemeinsam angefragt, nachdem wir 2018 an der Dezemberausstellung im Kunstmuseum Winterthur zusammen einen Raum bespielt hatten. Oft entstehen so aus gemeinsamen Arbeiten Folgeprojekte. Die räumliche Trennung macht es aber nicht einfacher, zusammenzuarbeiten.
Maureen Kägi: Wir haben natürlich beide auch in anderen Kollaborationen gearbeitet. Aber mit der Schwester zu arbeiten, ist natürlich immer spannend, weil man sich kennt und die nonverbale Kommunikation sehr gut funktioniert. Man muss nicht erst eine gemeinsame Sprache finden.

Und wie gehen Sie jeweils vor, wenn Sie zusammen Kunst machen?
Maureen Kägi: Es ist wie ein Ideen-Pingpong: Die eine hat eine Idee, die andere reagiert darauf. Manchmal braucht es aber auch Kompromisse. Wenn wir Wandmalereien erstellen, setzen wir diese meist in einen Dialog zu bestehenden Kunstwerken von uns. Bei «Circuit Flow» wiederum ist der Bezug der Fussball-Kontext und nicht vergangene Werke von uns.
Stefanie Kägi: Wir haben hier bewusst darauf geachtet, dass wir nicht getrennt voneinander an jeweils einer Wand malen, sondern die beiden Handschriften miteinander verschmelzen lassen. Die Art des Raums und die Architektur beeinflussen ausserdem jeweils recht stark, wie wir als Künstlerinnen reagieren.
Gemeinsamkeiten zwischen Ihren Stilen erkennt man. Worin aber unterscheiden sie sich?
Maureen Kägi: Ich habe Malerei studiert und daneben eine Tanzausbildung gemacht. Das hat schliesslich auch die malerische Arbeit beeinflusst: So habe ich viel mit Tänzerinnen in meinem Atelier improvisiert, jeweils in Reaktion auf meine Bilder. Ich versuche stets, Berührungspunkte zwischen der Malerei und anderen Kunstdisziplinen zu finden.
Stefanie Kägi: Das ist sicher ein grosser Unterschied. Ich arbeite nicht mit Tanz, unternehme dafür manchmal Ausflüge in die Arbeit mit Textilien. Ich arbeite aber meist allein in meinem Atelier und treffe alle Entscheidungen selbst.
.jpg?webp=1&w=1200)
Sie sind in der Aussenwacht Langenhard aufgewachsen, heute arbeiten Sie unter anderem in Wien und Berlin. War Ihnen klar, dass Sie früher oder später in die «weite Welt» hinausmüssen, um als Künstlerinnen Erfolg zu haben?
Maureen Kägi: Ich wollte immer Kunst studieren, wusste aber nicht so recht, was mich erwartet. Nach der Aufnahmeprüfung ging alles recht schnell. Meine Zeichnungslehrerin hatte mir aber schon früh nahegelegt, ein Studium in Wien in Betracht zu ziehen.
Stefanie Kägi: Vielleicht hat es auch eine Rolle gespielt, dass wir in Langenhard in eine Musiker-Schauspieler-Nachbarschaft eingebettet waren. Ich denke, das war recht befruchtend für unseren Ausbruch. Es war ja kein vorgespurter Weg, und doch hat er sich relativ früh abgezeichnet – trotz vielen Widerständen.
Welche denn?
Stefanie Kägi: Kunst zu machen, hat ja etwas Nebulöses, es herrscht immer noch ein Mythos um den Künstler, die Künstlerin. Es ist nie ganz klar, wie Künstlerinnen und Künstler arbeiten, wie sie ihr Geld verdienen. Und ja, die Kunst ist ein hartes Pflaster. Davor wurden wir natürlich ständig gewarnt.
Maureen Kägi: Manche Eltern fördern ja bei ihren Kindern das Zeichnen, aber mit zunehmendem Alter machen sie sich dann Sorgen, wenn das Kind nicht damit aufhört (lacht).
Stefanie Kägi: Picasso hat mal gesagt, es sei nicht schwer, ein Künstler zu werden, sondern, einer zu bleiben. Ich finde, das trifft es sehr gut.
Wie wichtig ist der Ort für Ihr künstlerisches Schaffen?
Maureen Kägi: Die Umgebung, in der ich gerade bin, ist sehr wichtig für meine Arbeit. Aktuell lebe ich relativ isoliert in den Voralpen in Niederösterreich. Und das beeinflusst den Arbeitsprozess sehr. Ich finde aber auch den Kontrast zwischen Stadt und Land notwendig.
Stefanie Kägi: Für mich ist der Ort ebenfalls sehr wichtig. Die Dynamik, die hier in Berlin-Kreuzberg herrscht, die vielen Eindrücke, das alles fliesst in die Arbeit ein. Auch wenn ich mich im Atelier eher zu isolieren versuche.
Sie kommen aber regelmässig zurück nach Langenhard. Was macht das mit Ihrer Kunst?
Maureen Kägi: Langenhard ist oft eine Zwischenstation, um Arbeiten fertigzustellen oder um uns für gemeinsame Projekte auszutauschen. Dort haben wir zudem ein Lager und ein Atelier, das wir reaktivieren können.
Stefanie Kägi: Genau, eine Art Mittelpunkt im Dreieck zwischen Wien, Berlin und der Schweiz. Oft nehmen wir dann auch unsere Familien mit.

Hat die Tösstaler Heimat Ihre künstlerische Persönlichkeit geprägt?
Maureen Kägi: Bestimmt. Die Erinnerung an das Aufwachsen neben dem Bauernhof unserer Grosseltern mit viel Land um uns herum, nah an der Natur, hat mich nicht zuletzt dazu bewogen, in Österreich wieder aufs Land zu ziehen. Und bereits unser Grossvater war ein «Bastler», er legte viel Erfindergeist an den Tag.
Stefanie Kägi: Obwohl er kein Künstler war, hatte er eine künstlerische Ader, die er im Kleinen gelebt hat: indem er etwa Holzscheite kunstvoll aufeinanderstapelte oder anlässlich der Mondlandung in einen Stein gemeisselt hat. Das hat uns sicher beeinflusst.
Zurück zum Werk «Circuit Flow»: Die Empörungswelle hat Ihrem Werk viel Aufmerksamkeit abseits der Kunstszene beschert. Hat der Shitstorm rückblickend auch etwas Positives?
Maureen Kägi: Man lernt natürlich viel in so einem Prozess. Die Reaktionen wollen wir jetzt für unsere Arbeit nutzen. Konkret arbeiten wir gerade an einer Art Stickermagazin, in dem wir die Reaktionen aufarbeiten und sie in eine neue Form bringen. Dazu kommen Texte von verschiedenen Autorinnen und Kunsthistorikern.
Stefanie Kägi: Genau. Wir wollen das, was im Netz herumschwirrte, wieder unter die Leute bringen, es in einen neuen, humoristischeren Kontext bringen. Und damit zeigen, dass es in der Debatte letzten Endes gar nicht mehr um uns und unser Kunstwerk ging, sondern nur noch darum, sich zu empören.