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Kultur

Ein modernes Märchen

Anna Gitschthaler ist Opernsängerin und hat mit einer Kollegin ein eigenes Konzertprogramm konzipiert. Der Ort? Ungewöhnlich.

Doppelrolle: An der Oper im Trammuseum ist Anna Gitschthaler sowohl vor als auch hinter den Kulissen engagiert.

Foto: Karin Sigg

Ein modernes Märchen

Pfäffiker Sopranistin startet durch

Anna Gitschthaler hat geschafft, wovon viele träumen: Als Opernsängerin erobert sie die grossen Bühnen. Nebenbei verfolgt sie erfolgreich weitere Ziele.

Die glasklare Stimme der Sopranistin scheint mit den Melodien des Orchesters zu verschmelzen. Lässt den Zuhörer eintauchen in die Welt des klassischen Stücks. Die Sängerin lebt ihre Rolle und wird eins mit ihr.

«Genau dieser magische Moment ist es, der für mich die Faszination meines Berufs ausmacht», schwärmt Anna Gitschthaler. Wer die Opernsängerin schon einmal auf der Bühne erlebt hat, kann sich nur schwer vorstellen, dass sie den Zugang zur klassischen Musik eher zufällig gefunden hat.

Die gebürtige Österreicherin sang zwar schon als Kind gerne und oft. «Auf längeren Autofahrten war ich am einfachsten bei Laune zu halten, indem man mit mir sang», erinnert sie sich lächelnd. Sie wuchs in einer ländlichen Gegend auf, «in unserem Dorf gehörte Singen zum Alltag». So war es selbstverständlich, dass sie Teil des Chors war und eine Musikmittelschule besuchte.

Allerdings war die junge Frau zu diesem Zeitpunkt an allem anderem als an klassischer Musik interessiert. Sie jobbte in verschiedenen Branchen, begann in Graz ein Pädagogikstudium und wollte sogar mal Steuerberaterin werden. «Nach sieben Wochen im Büro wusste ich, dass dies nicht meine Welt ist», erzählt sie schmunzelnd.

Eine Anleitung, die ihr Leben veränderte

Ihre erste Gesangslehrerin in Österreich war es, welche die Weichen in eine vollkommen neue Richtung stellen sollte. «Sie leitete mich an, eine klassische Arie von Mozart zu singen, was mir anfangs überhaupt nicht passte», erzählt Gitschthaler, «bis ich merkte, wie unglaublich sich meine Stimme in dieser hohen Tonlage zu entfalten begann.» So entschied sich die damals 18-Jährige, ihren Fokus voll und ganz auf die Opernmusik zu legen.

Die Liebe bewog Anna Gitschthaler dazu, im Jahr 2014 mit Sack und Pack in die Schweiz umzusiedeln. Sie bestand die Aufnahmeprüfung an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Mit Nebenjobs, unter anderem als Babysitterin, im Service und im Kindergarten, sowie mit dem Erteilen von Gesangsunterricht finanzierte sie sich ihr Studium in Gesangspädagogik.

Zeit für Heimweh blieb ihr nicht: «Nach nur wenigen Wochen fühlte ich mich in Pfäffikon zu Hause.» Wenn sie den Kopf nach den drei bis sechs Stunden täglichen Übens frei bekommen möchte, spaziert sie auch heute am liebsten zum Pfäffiker Tobelweiher.

Die Freude an klassischer Musik weitergeben

Nach fünf Jahren schloss Gitschthaler 2019 ihr Masterstudium mit Auszeichnung ab und unterrichtet für die Musikschule Zürcher Oberland (MZOL) in Russikon und Wetzikon sowie an der Musikschule Konservatorium Zürich (MKZ).

«Mit Kindern in die Welt der Phantasie und Musik einzutauchen, liegt mir am Herzen.» Nach ihrem Studium hatte sie genaue Vorstellungen über das pädagogisch geschickte Arbeiten mit Schülern, musste ihr Konzept in der Praxis dann allerdings etwas anpassen.

«Meine Schüler haben mir anfangs schön ‹am Schädel gschissen›», erklärt sie in charmantem österreichischem Dialekt. Um kurz darauf in Züritüütsch zu übersetzen: «Si händ nur Seich gmacht.» Die schweizerdeutsche Mundart habe sie eine ihrer Schülerinnen gelehrt, «weil sie meine Sprache so seltsam fand», erzählt Gitschthaler lachend.

Man sieht eine Frau vor einem nostalgischen Tram.
«Wer sprechen kann, kann auch singen», ist Sopranistin Anna Gitschthaler überzeugt. Anderen Menschen den Zugang zu klassischer Musik zu vermitteln, ist ihr ein grosses Anliegen.

Nach den fünf Studienjahren in Zürich fühlte sich Anna Gitschthaler noch nicht bereit für die «Bretter, die die Welt bedeuten». In Sandra Trattnigg, einer international erfahrenen Opernsängerin und Dozentin an der ZHdK, hatte sie ihre nächste Lehrmeisterin und Mentorin gefunden.

Trattniggs Unternehmen «Die Masterclass Zürich» richtet den Fokus darauf, Studienabgänger professionell auf ihre Gesangskarriere vorzubereiten. In einer Art Bootcamp wird unter anderem Musikmanagement, Resilienztraining und die Organisation von Stipendien gelehrt.

Auf dem Weg zum internationalen Durchbruch

Mittels Stipendien vertieft Anna Gitschthaler ihre Ausbildung an der Masterclass. Eine Investition, die bereits Früchte trägt: Im Jahr 2022 debütierte die Sopranistin als Prinzessin Laya in der Operette «Die Blume von Hawaii» im Stadttheater Murau in Österreich.

Ebenfalls 2022 sang sie die Sopranpartie in Johannes Brahms’ Werk «Ein deutsches Requiem» in Hinwil. Jüngst war sie als Diana in der Operette «Orpheus in der Unterwelt» in Hombrechtikon zu hören, 2024 wird sie am Theater Arth die Gabriele in Jacques Offenbachs «Pariser Leben» verkörpern.

Man sieht Sänger und Schauspieler auf der Operettenbühne.
Anna Gitschthaler als rebellische Göttin Diana in «Orpheus in der Unterwelt» auf der Operettenbühne Hombrechtikon.

Gemäss Trattnigg seien die hiesigen Auftrittsmöglichkeiten für Nachwuchs-Opernsänger sehr begrenzt, «die wenigen grossen Bühnen in der Schweiz lassen vorwiegend etablierte Künstler auftreten, um die Zuschauerplätze zu füllen».

Anna Gitschthaler besitzt gemäss ihrer Ausbilderin das Talent und Rüstzeug, um die grossen Bühnen zu erobern. «Jetzt ist meine Zeit zum Singen.» Mit einem lachenden und einem weinenden Auge wird sie sich deshalb vorerst von ihren Schülern verabschieden, um sich ganz auf ihre eigene Karriere konzentrieren zu können.

Für Projekte des Opernhauses und der Tonhalle Zürich besucht Gitschthaler als «Musikvermittlerin» Schulen und organisiert öffentliche Workshops. «Ich kann nachvollziehen, wenn gerade junge Leute klassische Musik uncool finden», sie wisse jedoch aus eigener Erfahrung, dass es einen Weg dahin gebe. «Klassische Musik eröffnete mir neue Ansichten. Es ist ein Eintauchen in die verschiedensten Charaktere und eine Art Menschenbildung.»

Oper im Trammuseum Zürich

Anna Gitschthaler und Sandra Trattnigg haben während Corona das Aufnahmestudio be Production gegründet. Daraus entstand 2023 das Opernformat be Operaction, mit welchem die beiden Künstlerinnen eigene Konzertprogramme konzipieren. Premiere feiern Trattnigg und Gitschthaler vom 17. bis 19. November mit einer modernen Fassung von «Hänsel und Gretel». Die Oper wird im Trammuseum Zürich aufgeführt. Das gesellschaftskritische Stück ist auch für Kinder ab sechs Jahren geeignet.

Man sieht die beiden Darstellerinnen von Hänsel und Gretel.
Spielen die Hauptrollen in der Oper im Trammuseum: Anna Gitschthaler (rechts) als Gretel und Mirjam Fässler als Hänsel.

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