Theater in der Wetziker Schönau
Sie sind Figuren der Wetziker Geschichte: der Musikpädagoge Nägeli und der Industrielle Nagel. Ob sie sich je begegnet sind? Unklar. Für das Stück «Nägeli Nagel» spielt das aber nur eine Nebenrolle.
Ein elegant gekleideter Herr betritt den Raum und tritt auf ein Podium, auf dem ein Teppich ausgelegt ist. Hier, in der ehemaligen Spinnerei Schönau, hat er zu einem Fest geladen.
Er, das ist niemand Geringeres als der Industrielle Friedrich Nagel, der Erbauer der Schönau. Und das Geburtstagskind, das geehrt werden soll, das ist Hans Georg Nägeli, der Wetziker Musikpädagoge und Verleger.
So beginnt das Theaterstück «Nägeli Nagel», welches das Theaterkollektiv Reaktiv bald im Schönau-Areal in Wetzikon aufführt.
Eine Verbindung suchen
Aber wieso gerade diese beiden Herren? «Dieses Jahr werden sowohl der 250. Geburtstag des Wetziker Musikpädagogen Hans Georg Nägeli als auch der 200. Geburtstag der Spinnerei Schönau gefeiert», sagt Camilla Gomes dos Santos.
Die Schauspielerin und Co-Leiterin des Theaters Reaktiv hat das Stück zusammen mit Regisseur und Co-Leiter Matthias Werder entwickelt.
Eine erste Idee ist vor gut drei Jahren entstanden. «Der Kulturbeauftragte von Wetzikon hat diverse Personen zusammengetrommelt, um das Nägeli-Jubiläum zu planen», erinnert sie sich. «Und gleichzeitig stand auch das Schönau-Jubiläum im Raum.»
Die beiden Männer haben viele Parallelen.
Camilla Gomes dos Santos
Schauspielerin und Co-Leiterin Theater Reaktiv
Sie habe sich dann gedacht: «Ich fände es noch spannend, das zu verbinden.» Und hat sich in die Recherche gestürzt.
Viele Parallelen
Ob sich Nägeli und Nagel tatsächlich gekannt haben, kann man aus dem vorhandenen Quellenmaterial nicht bestätigen. «Wir behaupten es», sagt Gomes dos Santos. «Die beiden Männer haben viele Parallelen», sagt die Schauspielerin. Nicht nur, dass Nägeli seinen 50. Geburtstag im Erstellungsjahr der Schönau feierte.
Beide seien Visionäre gewesen, jeder auf seine Art. Ihr Handeln war nicht nur von Erfolg gekrönt: So sind beide Konkurs gegangen – Nagel mit seiner Spinnerei und Nägeli mit seinem Musikverlag. «Auch das Heimweh spielte bei beiden eine Rolle», erklärt sie.

Hans Georg Nägeli ist am 26. Mai 1773 als jüngster Sohn des Wetziker Dorfpfarrers Hans Jakob Nägeli geboren worden. Dieser war es, der seinen Sohn musikalisch früh förderte. Schon mit acht Jahren soll er schwierige Klaviersonaten gespielt und als Jugendlicher die Proben der Singgesellschaft Wetzikon geleitet haben.
Mit 17 Jahren baute er dann in Zürich ein Musikgeschäft auf, heute bekannt unter dem Namen Musik Hug. Nägeli etablierte sich bald als einer der wichtigsten Notenhändler und Verleger in Europa. Selbst mit Ludwig van Beethoven arbeitete er kurze Zeit zusammen. Er gründete ausserdem einen gemischten Chor, einen Kinderchor sowie 1810 den weltweit ersten Männergesangverein. Nägeli verstarb 26. Dezember 1836. (tvo/bes)
Nagel sei aus dem heutigen Frankreich nach Wetzikon gekommen und hier nie heimisch geworden. «Und auch Hans Georg Nägeli plagte das Heimweh, als er als 13-Jähriger nach Zürich geschickt worden war.»
Kein «lässer» Arbeitgeber
Unterstützt wurde das Theater-Team zusätzlich durch Historikerin Claudia Fischer-Karrer. Denn die Recherchen erwiesen sich als schwierig. Über Friedrich Nagel ist nur sehr wenig bekannt, nicht einmal ein Porträt lässt sich auftreiben. Ganz im Gegensatz zum Musikpädagogen Hans Georg Nägeli.
«Nagel war eine unglaublich interessante Figur», sagt Oliver Kühn, der im Stück den Industriellen spielt. «Über alle anderen Fabrikherren aus dem Oberland findet man so viele Informationen, aber über Nagel gibt es kaum etwas.»

Er sei kein einfacher Mensch gewesen, mutmasst Kühn. «Er ist so ein Arbeitgeber, den man nicht ‹läss› findet.» Nagel ecke an und sei gleichzeitig unbeholfen.
Eine solche Figur auf die Bühne zu bringen, das sei sehr spannend: «Das Schöne ist ja: Der Mensch verändert sich durch die Jahrhunderte nicht gross, nur die Kostüme und die Sprache sind etwas anders.»
Kühn hat sich auch gewundert, warum Nagel im Oberland so in Vergessenheit geraten ist. «Eine Vermutung ist, dass er aus der Fremde kam und dass die Wetziker mit seiner Art nicht ganz klargekommen sind.»
Deshalb hätten sie ihn kaum beachtet. «Obwohl er ihnen eine prominente Hütte hingestellt hat.» Die Schönau, für die er Steine aus dem Turm des Schlosses Wetzikon benutzte. Dieses gehörte dem gebürtigen Pariser ebenfalls.
Die Schönau als Bühne
Aus diesen verschiedenen Eindrücken ist nun ein Theaterstück entstanden. Doch das wird nicht etwa auf einer Bühne gezeigt. «Es war uns klar, dass wir das Stück nur in der Schönau aufführen können», sagt Gomes dos Santos.

Auf dem Areal fehlt aber ein grosser Raum, und so bietet sich ein sogenanntes Stationentheater an. Die Besucherinnen und Besucher werden an vier verschiedene Orte geführt, wo sie jeweils eine Szene sehen.
Damit alle Personen von Ort zu Ort kommen, sind vier Gruppenleiterinnen zuständig. «Sie sorgen aber auch dafür, dass die Personen unterhalten werden und erzählen Geschichten und Anekdoten.»
Eine Zeitreise
Bei «Nägeli Nagel» wartet ein vielseitiges Angebot auf die Besuchenden. «Es gibt Theater, es gibt Musik, es gibt Tanz und Kunst», sagt Gomes dos Santos.
Dabei wird der Fokus, trotz des Titels, nicht nur auf die beiden Männer gelegt. «Wir schlagen den Bogen auch zur Geschichte der Schönau im letzten Jahrhundert und schauen in die Zukunft», betont Gomes dos Santos.
Sie wird ebenfalls ihren Auftritt haben, und zwar im sogenannten Mädchenzimmer. «Dort sind wir in der Schönau der Fünfzigerjahre», erzählt sie, «als italienische Arbeiterinnen hier in Wetzikon wohnten.» Und viele von ihnen plagte Heimweh – so wie Nägeli und Nagel zuvor.
Diese Zeitreise, wie Gomes dos Santos es nennt, soll ein möglichst breites Publikum ansprechen. «Man muss nicht besonders geschichtsinteressiert sein.»
Vier Abende, vier Anfangszeiten
Das Theaterstück «Nägeli Nagel» findet an den Wochenenden vom 2./3 und 9./10. September statt. Die Vorstellung wird jeweils drei- oder viermal an einem Abend gespielt. Der Start ist jeweils um 18.00 Uhr, 18.30 Uhr, 19.00 Uhr und 19.30 Uhr. Das Stück dauert rund 100 Minuten.
Im Innenraum der Schönau gibt es keinen Lift. Um zu gewissen Stationen zu kommen, muss man Treppen laufen. Für die Stationen draussen ist empfohlen, wetterfeste Kleidung zu tragen, da die Aufführung bei jedem Wetter stattfindet.
Tickets gibt es unter hgn250.ch/ticketshop.
