Justiz

True Crime aus Pfäffikon

«Meine Selbsttherapie war eine Gratwanderung zwischen Panik und Paranoia»

Der Pfäffiker Alt-Regierungsrat Christian Huber war mittendrin, als der Arsen-Mord von Winterthur verhandelt wurde. 27 Jahre später legt er eine True-Crime-Story dazu vor.

Alt-Regierungsrat Christian Huber im Winterthurer Neuwiesen-Quartier, wo 1993 der Arsen-Mord geschah.

Foto: Madeleine Schoder

«Meine Selbsttherapie war eine Gratwanderung zwischen Panik und Paranoia»

Der Pfäffiker Alt-Regierungsrat Christian Huber war mittendrin, als der Arsen-Mord von Winterthur verhandelt wurde. 27 Jahre später legt er eine True-Crime-Story dazu vor.

Der Arsen-Mord von Winterthur gilt als eines der aufsehenerregendsten Verbrechen in der jüngeren Schweizer Kriminalgeschichte. Der 38-jährige österreichisch-schweizerische Doppelbürger Johannes. K. (Name der Redaktion bekannt) stellte am Morgen des 25. August 1993 fest, dass seine Frau, die 39-jährige Konzertpianistin Ruth Baumgartner, im Schlaf gestorben war.

Rund fünf Jahre später verurteilt das Zürcher Geschworenengericht den nicht geständigen Ehemann wegen Mordes zu einer Zuchthausstrafe (heute Freiheitsstrafe) von 20 Jahren. Mittendrin Christian Huber. Der spätere Zürcher SVP-Regierungsrat präsidierte damals das Geschworenengericht und leitete die Verhandlung. Heute erscheint sein True-Crime-Buch «Der letzte Tee der Pianistin» im Buchhandel.

Der 81-jährige Huber spricht über Motive und neue Erkenntnisse und lässt offen, ob er selber doch noch zum Serientäter wird.

Herr Huber, kennt man bei einem Verbrechen erst einmal den Täter, stellt sich unweigerlich die Frage nach dem Motiv. Was war Ihr Motiv für dieses Buch?

Ich hatte ja zuerst ein Buch über den Mordfall Näf geschrieben. Darin geht es um einen Geschworenengerichtsprozess am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Der Fall hat mich aufgrund der gesamten Umstände fasziniert. Das Buch wurde sehr gut aufgenommen. Zunächst dachte ich, meine Karriere als Buchautor habe sich damit erledigt. Schliesslich war ich bereits 80-jährig. Dann kam mir doch der Gedanke, ein zweites Buch zu schreiben, weil es während meiner Zeit als Präsident des Geschworenengerichts zwei spektakuläre Fälle gab, die in die Kriminalgeschichte eingegangen sind.

Sie sprechen den Arsen-Mord von Winterthur und den Fall um den inzwischen verstorbenen Babyquäler René Osterwalder an?

Genau. Über René Osterwalder wollte ich nicht schreiben. Dieser Fall war für alle Beteiligten extrem belastend. Die Öffentlichkeit hat gar nie erfahren, was wir uns während des Geschworenenprozesses alles ansehen und anhören mussten. Teilweise musste ich sogar die Medien ausschliessen. Ich habe das zwar längst verarbeitet, wollte die Erinnerungen aber nicht wieder heraufbeschwören.

Nur schon, was in der Berichterstattung über den Osterwalder-Prozess zu lesen war, ist mir als krass in Erinnerung geblieben. Wie haben Sie, als jemand, der sehr nah dran war, die Sache verarbeitet?

Nach dem Prozess habe ich mich quasi selbst therapiert. Ich ging zum Höhlentauchen nach Frankreich. Das ist auch für einen erfahrenen Taucher eine Gratwanderung zwischen Panik und Paranoia. Man ist dabei dermassen konzentriert, dass alles andere weg ist. Für mich war das perfekt. Und natürlich hat mir unser intaktes Familienleben sehr geholfen.

Während des ganzen Verfahrens blieb offen, wie der Angeklagte zum Arsen gekommen ist.

Christian Huber

Es blieb also der Arsen-Mord.

Ja. Und dieser hat wirklich alles, was es für einen aufsehenerregenden Fall braucht. Da dachte ich: Warum nicht?

Jetzt liegt Ihr neues Buch vor. Wer soll es lesen? Ein kurzes Plädoyer, bitte.

Alle, die sich für True-Crime-Storys interessieren. Alle, die normale Krimis als konstruiert und fantasielos empfinden, und alle, die aus erster Hand über einen Prozess lesen wollen, der so stattgefunden hat, mit Menschen, die es gibt.

Seit dem Mord und dem Prozess in den 90er-Jahren ist viel Zeit vergangen. Sie mussten für Ihr Buch bestimmt intensiv recherchieren. Ist dabei etwas herausgekommen, das Sie überrascht hat?

Während des ganzen Verfahrens blieb offen, wie der Angeklagte zum Arsen gekommen ist. Für das Buch habe ich mit dem damaligen Detektiv gesprochen. Ein Wachtmeister-Studer-Typ mit viel Erfahrung und gesundem Menschenverstand. Er hat schon im Prozess gesagt, es sei einfach gewesen, im damaligen Ostblock zu dem Gift zu kommen.

Im Prozess verhielt sich der Angeklagte wie ein unbeteiligter Dritter.

Christian Huber

Damit kommt die Geliebte des Täters ins Spiel. Die junge Frau, die aus der heutigen Ukraine stammt, lebte damals in der Wiener Wohnung des Täters.

Ja. An jenem Morgen, als das Opfer Ruth Baumgartner in Winterthur qualvoll an dem Gift starb, hat die Geliebte aus Wien dort angerufen. Ich habe mich immer gefragt, weshalb? War sie eingeweiht und wollte wissen, ob er es jetzt getan hat? Das ist natürlich reine Spekulation.

Buchcover.
Das Buchcover zeigt Ruth Baumgartner, das spätere Opfer, an ihrem Piano.

Verschiedene Zeitzeugen haben berichtet, wie gefühlskalt ihnen der Täter vorgekommen sei. Sie selbst erwähnen diese «absolute Gefühlskälte» im Schlusssatz Ihres Buches. Ist diese Emotionslosigkeit nicht geradezu eine Voraussetzung, wenn man einen solchen Mord verüben will?

Das ist schon richtig. Ein Mord ist definitionsgemäss mit Vorbedacht geplant und er zeichnet sich durch Skrupellosigkeit und niedrige Beweggründe aus. Hier blieb der Täter auch nach seiner Tat völlig gefühlskalt. Er rief den Pfarrer an, schrieb einen Nachruf auf seine Frau und organisierte ein Abschiedskonzert für die ehemalige Konzertpianistin, bei dem er selber als Musiker mittat. Im Prozess selbst verhielt er sich wie ein unbeteiligter Dritter.

Anhand des Mageninhalts gelang schliesslich der Beweis, dass das Opfer noch in der Todesnacht eine starke Dosis Arsen erhalten haben musste. Und so kam nur noch der Ehemann als Täter infrage. Die Sache wurde von der Verteidigung des Angeklagten bestritten. Woher nahmen Sie die Gewissheit, dass die Experten der Rechtsmedizin richtig lagen?

Ich hatte mit diesen Experten schon mehrfach zu tun gehabt und wusste: Sie arbeiten sehr sorgfältig. Der private Gutachter der Verteidigung vertrat natürlich die These einer einmaligen Arsen-Dosis während des Tages und in Abwesenheit des Angeklagten. Er hat die Gerichtsmediziner mit diversen kritischen Eingaben und Ergänzungsanträgen auf Trab gehalten. Und so hat er im Endeffekt dazu beigetragen, dass die Ergebnisse der toxikologischen Analysen wasserdicht waren.

Ein weiteres Buch? Es gäbe da schon noch einen Fall aus meiner Zeit als Oberstaatsanwalt im Kanton Zürich.

Christian Huber

Wir haben zu Beginn über das Motiv für Ihr Buch gesprochen. Das Motiv für den Mord scheint bis heute nicht wirklich klar. Der Mörder hat kurz vor seiner Tat eine Lebensversicherung auf seine Frau abgeschlossen und die Viertelmillion ein paar Monate nach Ihrem Tod eingefordert. Aber war das auch das Mordmotiv?

Es war wohl eher eine angenehme Begleiterscheinung. Seine Frau wollte sich nicht scheiden lassen. Sie sprach davon, in Winterthur ein Häuschen zu kaufen und eine Familie zu gründen. Für einen weit gereisten Wiener Luftibus wäre ein bürgerliches Leben in Winterthur – Pardon – wohl der reinste Albtraum gewesen. Zu diesem Schluss ist auch das psychiatrische Gutachten gekommen.

Mit «Der letzte Tee der Pianistin» sind Sie zu Ihrer eigenen Überraschung zum Wiederholungstäter geworden. Werden Sie vielleicht sogar zum Serientäter?

Nein. Im Moment ist das für mich abgeschlossen. Es wird ja langsam auch zur Altersfrage. Wobei … es gäbe da schon noch einen Fall aus meiner Zeit als Oberstaatsanwalt im Kanton Zürich. In den 1980er-Jahren wurde ein Psychiatriepfleger in der Klinik Embrach ermordet. Aber die Akten sind im Staatsarchiv und auch für mich für achtzig Jahre unter Verschluss. Da muss ich wohl noch etwas warten …

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