Das Geburtshaus Bäretswil zieht nach Uster
Neue Zusammenarbeit mit Spital
Nur noch bis Ende 2026 werden im Geburtshaus Zürcher Oberland in Bäretswil Kinder geboren. Danach siedelt die Institution in die Nachbarschaft des Spitals Uster um.
Zollikerberg und Winterthur: Im Herbst 2023 haben im Kanton Zürich gleich zwei neue Geburtshäuser eröffnet. Die Nachfrage nach natürlichen Geburten ohne ärztliche Hilfe, sondern unter der Leitung von Hebammen steigt stetig.
Das Geburtshaus Zürcher Oberland gibt es bereits 30 Jahre länger, nämlich seit 1993. Zuerst noch in Wald, wurden ab 2009 die Babys fortan im grossen Haus an der Schürlistrasse in Bäretswil geboren. Jährlich sind es rund 250 Kinder, die dort das Licht der Welt erblicken.
Doch nicht mehr lange. Genau gesagt nur noch bis Ende nächsten Jahrs. Denn ab 2027 geht das Geburtshaus in einem Pionierprojekt mittels einer Zusammenarbeit mit dem Spital Uster und der Organisation Geburt 3000 neue Wege.
Suche nach passendem Spital
Die drei Parteien haben eine Absichtserklärung unterzeichnet, um gemeinsam eine strategische Allianz einzugehen. Geplant ist, einen Geburtspavillon in unmittelbarem Umkreis des Spitals Uster zu bauen, der von den Hebammen betrieben wird.
Konkret heisst das: Das Geburtshaus Zürcher Oberland zieht von Bäretswil nach Uster. «Das Geburtshaus wird ab 2027 den Standort wechseln und dann ausschliesslich in Uster alle Leistungen wie bisher anbieten», sagt Karin Lietha-Kapp, Vorsitzende der Geschäftsleitung des Geburtshauses.

«Wir haben schon seit längerer Zeit überlegt, wie wir die nähere Zusammenarbeit mit einem Spital angehen könnten, und begonnen, unsere Fühler auszustrecken.» Momentan werden Frauen, die während einer Geburt in Bäretswil in ein Spital verlegt werden müssen, nach Wetzikon gebracht. «So haben wir frühzeitig mit dem GZO Spital Wetzikon das Gespräch gesucht.»
Dass es nun aber zu einer Zusammenarbeit mit dem Spital Uster komme, habe nichts mit den Unsicherheiten rund um das GZO zu tun. «Unsere Vorstellungen haben einfach nicht übereingestimmt», sagt Lietha-Kapp. «In Uster waren dann die Türen offen, und die strategischen Vorstellungen haben sehr gut zusammengepasst.» Sie selbst ist Teil der erweiterten Beratungsgruppe von Geburt 3000, wodurch sich die weitere Zusammenarbeit schnell ergeben hat.
Von dieser Zusammenarbeit würden alle profitieren, ist sie sich sicher: «Nähe schafft Vertrauen, und die Nähe eines Geburtshauses zu einem Spital entspricht immer stärker einem Bedürfnis der Frauen und der Familien, dem wir mit einem Standortwechsel gerecht werden können.»
Ebenso sei es für das Spital Uster und die Organisation Geburt 3000 ein grosser Vorteil, ein bereits lange bestehendes Geburtshaus mit einem erfahrenen und hoch qualifizierten Team in der ausserklinischen Geburtshilfe für das Pilotprojekt gewonnen zu haben.
Kooperationen als Lösungen
Die Verantwortlichen des Geburtshauses Zürcher Oberland haben in den vergangenen Jahren kein Geheimnis daraus gemacht, dass sie finanziell nicht auf Rosen gebettet sind. Im Dezember 2023 hatte das Team gar zu Spenden aufgerufen. Denn aufgrund von Tarifanpassungen fielen bei gleichem Leistungsaufwand Einnahmen weg, ein Loch in der Kasse von 100’000 Franken war absehbar. Innert weniger Tage war bereits die Hälfte des Spendenziels erreicht.
Zudem ist das Geburtshaus seit rund einem Jahr auch «Hotel». Bereits in der Schwangerschaft oder nach der Geburt besteht die Möglichkeit, für einige Tage mit Vollpension ins Geburtshaus zu ziehen. 2024 wurden 82 solche Hotelübernachtungen gebucht.
«Die Herausforderungen im Gesundheitswesen werden immer komplexer, das betrifft nicht nur uns», sagt Karin Lietha-Kapp. «Wir sehen die Lösung in Kooperationen – das ist auch das Beste für die betroffenen Familien.»
Im geplanten Projekt bleibt das Geburtshaus Zürcher Oberland ein medizinisch und wirtschaftlich eigenständiger Betrieb. Derzeit arbeiten rund 40 Mitarbeiterinnen in Bäretswil. «Unser Ziel ist natürlich, als kompletter Betrieb mit allen Angestellten nach Uster umzuziehen», sagt Lietha-Kapp. Auch erhoffe man sich, dieselbe Anzahl Betten wieder anbieten zu können. «Auch das Hotel möchten wir weiterführen, denn das Bedürfnis ist klar da.» Noch sei es aber zu früh, um solche Fragen beantworten zu können. «Wir haben nun die Absichtserklärung unterschrieben – die Detailverhandlungen stehen noch aus.»
Pilotprojekt «Geburtspavillon»
Die Geburtshilfe in der Schweiz befindet sich aktuell im Wandel. Zunehmend werden in den Spitälern Geburtenabteilungen geschlossen und die klinische Geburtshilfe an wenigen Standorten konzentriert. Gleichzeitig fehlt es an ausserklinischen Angeboten, da Geburtshäuser von der Distanz her für viele Frauen nur schwer erreichbar sind. Diese Entwicklungen verlangen nach neuen Versorgungsmodellen. Geburt 3000 hat in Zusammenarbeit mit der Berner Fachhochschule ein innovatives Konzept entwickelt, das eine Kooperation zwischen klinischer und ausserklinischer Geburtshilfe vorsieht.
Kernstück dieses Pilotprojekts sind Geburtspavillons, die direkt auf dem Spitalgelände stehen. Geleitet werden die Geburtspavillons von einem autonomen Hebammenteam, das in enger Kooperation mit dem Partnerspital arbeitet. Mit diesem neuen Modell stehen klinische und ausserklinische Geburtshilfe nicht länger in Konkurrenz zueinander. Mit dem Geburtshaus Zürcher Oberland und dem Spital Uster konnten nun die ersten Partner für die Umsetzung gewonnen werden.
«Ziel ist es, neue Kooperationsformen zwischen der klinischen und der ausserklinischen Geburtshilfe zu realisieren, die den Bedürfnissen der Frauen und ihren Familien gerecht werden», heisst es in einer gemeinsamen Mitteilung von Geburt 3000, dem Spital Uster und dem Geburtshaus Zürcher Oberland.
Das Geburtshaus wird mit einem Team an qualifizierten Fachpersonen die Betriebsleitung vor Ort übernehmen und mit dem Spital Uster in enger Kooperation stehen. Konkret bedeutet dies beispielsweise gemeinsame Fallbesprechungen, die übergreifende Nutzung von personellen Ressourcen sowie die Zusammenarbeit in Notfallsituationen.
«Durch diese Kooperation können den Frauen und den Familien die grösstmögliche Wahlfreiheit und gleichzeitig die Sicherheit durch die Nähe zum Spital geboten werden», beschreibt es Martin Werthmüller, CEO Spital Uster. Ausserdem sei sie für die Gesundheitsmeile Uster eine ideale Ergänzung: «Mit dem Geburtshaus, dem Spital Uster, der Stiftung Wagerenhof, den Heimen Uster und der Spitex Uster wird der gesamte Lebenszyklus abgebildet.»
Nun gehe es auf Basis der unterschriebenen Absichtserklärung in die Umsetzungsplanung. Dazu würden zum Beispiel die konkrete Verortung und Projektierung des Geburtspavillons sowie die Konkretisierung der Zusammenarbeit gehören. (lcm)