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Zürcher Spitäler wagen den Aufstand und verzichten auf temporäre Pflegekräfte

Das Spital Uster zahlt fast doppelt so viel für Temporärkräfte wie für Festangestellte und steht damit nicht alleine da. Zürcher Spitäler reagieren nun geschlossen auf die Kostenfalle.

Die Spitäler im Kanton Zürich ringen um Pflegepersonal. Nun sollen mehr Mitarbeitende fest angestellt werden und temporäre Fachkräfte ablösen.

Foto: Madeleine Schoder

Zürcher Spitäler wagen den Aufstand und verzichten auf temporäre Pflegekräfte

Finanzkrise führt zu Umdenken

Das Spital Uster zahlt fast doppelt so viel für Temporärkräfte wie für Festangestellte und steht damit nicht allein da. Zürcher Spitäler reagieren nun geschlossen auf die Kostenfalle.

Pascal Unternährer

Die Spitäler und Pflegeheime kämpfen seit Jahren mit Personalproblemen. Die Misere vor allem in der Pflege fangen die Gesundheitsinstitutionen mit dem Einsatz von temporären Fachkräften auf. Manchmal sind sie die letzte Rettung, bevor die Anzahl Betten reduziert werden muss.

In gewissen Abteilungen kann der Anteil der Temporären 20 Prozent erreichen, wie eine Umfrage dieser Redaktion vor einem guten Jahr ergab.

Temporäre kosteten doppelt so viel

Und das ist teuer. Laut Karsten Boden, Pflegedirektor des Spitals Uster, kostet eine temporäre Pflegekraft fast doppelt so viel wie eine fest angestellte Person.

Zur Erklärung: Die vermittelte Person erhält einen höheren Lohn als fixe Mitarbeitende. Und das Temporärbüro lässt sich seine Vermittlungsdienste abgelten.

«Das ist Rosinenpickerei»

Laut Ronald Alder, Sprecher des Verbands Zürcher Krankenhäuser (VZK), werben einzelne dieser Büros den Spitälern «mit aggressiven Methoden» Leute ab und vermitteln sie mit Gewinn zurück. «Das ist Rosinenpickerei», sagt er.

Neben den hohen Kosten bringt dieses Modell für die Spitäler und Heime eine weitere Herausforderung mit sich. Festangestellte empfänden es oft als ungerecht, dass Temporärkräfte trotz Einarbeitung durch das fixe Team besser entlöhnt würden, berichtet Boden. Dies könne die Teamdynamik belasten.

In Uster sind etwa 5 bis 7 Prozent des Pflegepersonals temporär angestellt.

Rickli: Schädlicher Trend

Die Finanzkrise bei praktisch allen Spitälern führt nun aber zu einem Umdenken.

Ab Sommer 2025 verzichten alle Zürcher Spitäler, Pflegezentren, Rehakliniken und Psychiatrie-Institute auf die Einstellung von temporärem Pflegepersonal. Das hat der VZK am Donnerstag bekannt gegeben.

Natalie Rickli steht hinter einem Podium.
Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli (SVP) will die Kosten des Zürcher Gesundheitssystems senken. (Archiv)

«Die Temporärarbeit hat sich in letzter Zeit zu einem Trend entwickelt, der den Spitälern zunehmend schadet», sagt Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli gemäss Mitteilung. Hohe Kosten seien die Folge.

20 Millionen einsparen

Gemäss VZK-Sprecher Roland Alder können durch den Verzicht auf temporäres Personal kantonsweit 90 Millionen Franken eingespart werden. Da handkehrum mehr Personal fest eingestellt werden muss, bleiben unter dem Strich 10 bis 20 Millionen übrig, rechnet Alder vor.

Neben der Kostenersparnis und der besseren Teamatmosphäre auf den Pflegeabteilungen führt Alder einen weiteren Vorteil an: «Durch die stabileren Arbeitsabläufe steigen die Patientensicherheit und die Pflegequalität.»

Die Pflegeinitiative lasse sich nur durch mehr Festanstellungen umsetzen, sagt Alder weiter. Anders könne die Ausbildungsoffensive nicht realisiert werden.

Mehr Lohn, bessere Arbeitszeiten

Doch wie soll das geschehen? Einen Ansatz nennt Gesundheitsdirektorin Rickli: flexible Arbeitszeitmodelle. Was sie nicht erwähnt, sind höhere Löhne.

Viele Spitäler schrauben bereits an diesen Elementen. Mit Erfolg. Das Stadtspital Zürich hat die Lohnsumme bereits 2022 markant um 28 Millionen erhöht. Viele Angestellte erhielten eine um 10 Prozent bessere Entlöhnung. Darauf sanken Fluktuation, offene Stellen und Kosten für temporäres Personal stark.

Vier Flexibilitätsstufen in Bülach

Eindrücklich sind die Zahlen des Spitals Bülach, das mit geänderten Arbeitszeitmodellen für das Pflegepersonal als Vorzeigefall gilt.

Die Mitarbeitenden können zwischen vier Stufen von «Fix» bis «Superflex» auswählen. Das Prinzip: Je flexibler einsetzbar und kurzfristiger abrufbar jemand ist, desto höher ist die Zulage. Diese kann bis zu 350 Franken im Monat betragen. Von einer Stufe in die andere können die Angestellten alle drei Monate wechseln – je nach Lebenssituation.

2023 führte das Regionalspital das Modell als Pilotversuch durch, seit 2024 ist es fix. In dieser Zeit sank die Fluktuation von 17,6 Prozent auf tiefe 5,5 Prozent, wie Manuel Portmann, Leiter Human Resources Management, sagt.

Temporärquote praktisch null

Gleichzeitig sank die Absenzenquote von 5,1 auf 3,4 Prozent. Und vor allem: Die Anzahl Einsätze von temporären Angestellten reduzierte sich in Bülach von 856 (2022) auf 30 (2024). Das brachte trotz Zulagen eine Nettoersparnis von 300’000 Franken, wobei die indirekten Kosten für weniger Fluktuation und Absenzen hierbei nicht einmal gutgeschrieben sind.

Auffällig ist laut Spitalmanager Portmann, dass die Stufe «Superflex» mit Nachtdiensten und mindestens 18-mal Einspringen genauso beliebt ist wie das Modell «Fix» ohne Nachtdienst und mit Grundlohn. Je ein Viertel der Pflegenden haben diese beiden Stufen gewählt.

«Win-win-Situation»

Damit besteht gemäss Portmann, der dieses Stufenmodell von seiner früheren Arbeitsstelle in einer Autobahnraststätte übernommen hat, sogar ein Überhang an Superflexiblen. Temporäre Angestellte braucht er quasi nicht mehr.

Sein Fazit: «Es ist eine Win-win-Situation, die sowohl die Bedürfnisse der Mitarbeitenden wie jene des Spitals gleichermassen berücksichtigt.»

Erfolgreiches Pilotprojekt auch in Wetzikon

Das GZO Spital Wetzikon zog nach einem Pilotversuch mit reduzierten Arbeitszeiten eine positive Bilanz. Rund 260 Pflegekräfte reduzierten ihre Arbeitszeit um 10 Prozent, ohne dabei auf Lohn zu verzichten. Das entsprach 37,8 Stunden pro Woche.

Neben einer markanten Reduktion der Fluktuation und weniger Krankheitstagen, kam es auch zu weniger Einsätzen von Temporärarbeitskräften. Das Spital setzt das Projekt mit dem Arbeitszeitmodell bis Ende 2025 fort.

Kritik von Personalvermittlern

Das vom VZK mitgeteilte Vorhaben stösst bei den Vermittlern erwartungsgemäss auf wenig Begeisterung. Gemäss dem Personaldienstleister Careanesth treibt die Massnahme einen unnötigen Keil zwischen Festangestellte und Temporäre, wie das Unternehmen in einer Stellungnahme schreibt.

Ausserdem würden die Mehrkosten übertrieben dargestellt. Diese betrügen gemäss einer ZHAW-Studie nur 5 bis 10 Prozent. Gezielt eingesetzt könne das temporäre Personal sogar kostensenkend wirken.

Swissstaffing, der Verband der Personaldienstleister, schreibt in einer Mitteilung von einer kontraproduktiven Absprache unter den Zürcher Spitälern. Die Temporärarbeit sei ein bewährtes Mittel gegen den Fachkräftemangel. Weil der Verband die Wirtschaftsfreiheit gefährdet sieht, prüfe er rechtliche Schritte.

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