Eine Frau aus Greifensee zeigt den Weg in die Arbeitswelt
Schnuppern auf dem Bau
Firmen suchen verzweifelt nach Lernenden, während Geflüchtete keine Lehrstelle finden. Ein Rotarier-Verein bringt diese beiden Pole zusammen.
Zügig rinnt die schwarze, heisse Masse vom Kipplaster in die Schubkarre. Als diese gut gefüllt ist, packt Irfankhan Momand die Griffe und rollt die Karre zur frisch asphaltierten Fläche nebenan.
Der junge Mann aus Afghanistan kippt den Inhalt heraus und streicht ihn mit einer sogenannten Belagskrucke – einer Platte an einem langen Stiel – glatt.
Der knapp 18-Jährige ist einer von rund 30 Teilnehmern am Berufserkundungstag, den die Walliseller Firma Keller Frei am 2. Oktober für junge geflüchtete Menschen organisiert hat.
Das Strassen- und Tiefbau-Unternehmen bietet jedes Jahr drei bis sechs Lehrstellen im Beruf Strassenbauer an. Doch die Suche nach Lernenden gestaltet sich schwierig. Vor einem Jahr zum Beispiel konnte die Firma keine einzige Lehrstelle besetzen.
«Wir haben deshalb die Bandbreite bei der Suche erweitert», sagt Berufsbildner Patrick Kaufmann. Man wolle auch Jugendlichen mit Fluchthintergrund, die noch nicht lange in der Schweiz seien, eine Chance geben.
In der Regel machen diese Menschen zuerst eine Vorlehre, um an ihren Deutsch- und Mathekenntnissen zu arbeiten, und danach eine zweijährige EBA-Lehre (Eidgenössisches Berufsattest).

In den vergangenen Jahren waren die Erfahrungen mit dieser Gruppe zwar nicht nur positiv. Drei Lehrverträge mit jungen Menschen aus Integrationsprojekten mussten wegen Unzuverlässigkeit oder mangelhafter Schulleistungen wieder aufgelöst werden. «Allerdings kommt dies auch bei Jugendlichen vor, die hier aufgewachsen sind», sagt Kaufmann.
Von den ausschliesslich männlichen Teilnehmern am Berufserkundungstag haben alle bereits mindestens eine vorläufige Aufenthaltsbewilligung, die sie zum Arbeiten berechtigt. Die meisten von ihnen stammen wie Irfankhan Momand aus Afghanistan.
«Eigentlich möchte ich in einer Apotheke arbeiten», erzählt Momand, der vor knapp zwei Jahren in die Schweiz gekommen ist und nun in Zürich in einem von der Caritas betreuten Durchgangszentrum wohnt.
Doch nun überlege er, sich für eine Lehrstelle auf dem Bau zu bewerben. «Ich will einen Beruf und ein gutes Leben», sagt der junge Mann. «Hier in der Schweiz ist es wunderbar. Ich kann hier zum ersten Mal in die Schule gehen.»

Der Berufserkundungstag wurde in Zusammenarbeit mit dem Verein Robij (Rotarier für die berufliche Integration Jugendlicher) aufgegleist. Gründerin Marianne Hopsch ist unermüdlich auf der Suche nach Firmen, die geflüchteten Jugendlichen eine Chance geben.
Im Frühling hat sie das Projekt zum Beispiel bei einem Treffen des Rotary-Clubs Zürcher Unterland im Restaurant Zum Goldenen Kopf vorgestellt. Besonders Handwerksbetriebe hätten Mühe, ihre Lehrstellen zu besetzen, beobachtet Hopsch, während Jugendliche mit Migrationshintergrund keinen Ausbildungsplatz fänden.
Um eine Brücke zwischen diesen beiden Polen zu bauen, hat sie 2018 zusammen mit anderen Rotariern Robij ins Leben gerufen.

Jugendliche mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen benötigen manchmal mehr Unterstützung als solche, die hier aufgewachsen sind, und der Weg zum Lehrabschluss kann länger dauern, erklärt Hopsch. «Doch wenn sie nachher 40 Jahre lang im Beruf arbeiten, anstatt auf Unterstützung angewiesen zu sein, hat sich der Aufwand gelohnt.»
Selbst Fluchterfahrung
Die erfolgreiche Unternehmerin hat die beiden Schmuckgeschäfte Goldhaus und Maho aufgebaut. Unterdessen laufen die Geschäfte so gut, dass sie einen grossen Teil ihrer Zeit für ehrenamtliche Tätigkeiten aufwenden kann. «Mehr Geld zu machen, erfüllt mich nicht.»
Dass sie das Schicksal von geflüchteten Menschen so stark berührt, hat wohl auch mit ihrer eigenen Geschichte zu tun: Die heute 57-Jährige ist in der DDR aufgewachsen. Dann dufte sie ihre Tante im Westen besuchen und kehrte nicht in ihr Heimatland zurück.
Zwar sei diese Erfahrung nicht vergleichbar mit dem Leidensweg, den Geflüchtete aus Afghanistan oder afrikanischen Staaten in Kauf nehmen müssten, ist Hopsch sich bewusst. «Doch für mich ist klar: Jeder junge Mensch verdient eine Chance.»
Sanitärunternehmen profitiert
Eine Firma, die regelmässig mit dem Rotarier-Verein zusammenarbeitet, ist das Sanitärunternehmen Guyer in Zürich. Aktuell bildet die Firma einen jungen Mann aus Afghanistan sowie einen aus Syrien aus.
Drei weitere aus Syrien und Eritrea haben die Lehre zum Sanitär- oder Heizungsinstallateur bereits abgeschlossen und sind der Firma treu geblieben.
«Wenn nötig, greifen wir diesen Lernenden unter die Arme», sagt Berufsbilder Jetmir Ajeti. Die Firma bezahle ihnen Stützkurse am Berufsbildungszentrum, um sie beim Auffüllen von schulischen Lücken zu unterstützen. «Wir wollen Lehrabbrüche möglichst verhindern.»
Bei der Firma Keller Frei in Wallisellen ist es mittlerweile Zeit für eine Pause. Im Aufenthaltsraum dürfen sich die jungen Männer mit Gipfeli, Orangensaft oder Proteindrinks verpflegen.
Danach setzen sie nochmals ihre blauen Helme auf und begeben sich in Gruppen wieder auf den Vorplatz, wo die Firma ein Übungsgelände für Schnuppertage eingerichtet hat.

«Ihr müsst die Werkzeuge immer gut mit Trennmittel besprühen», erklärt Laura Caiazzo ihrer Gruppe. «Sonst klebt der heisse Asphalt fest.» Die 18-Jährige aus Greifensee ist eine der wenigen Frauen im Strassenbau-Beruf und hat die Lehre diesen Sommer abgeschlossen.
Ihr gefalle die körperliche Arbeit im Freien sowie die Stimmung auf dem Bau, sagt die junge Frau: «Es fallen oft lustige Sprüche, und man ist nicht so nachtragend.»

Etwas weiter hinten probieren andere Teilnehmende, auf dem matschigen Areal eine sogenannte Schaffusswalze zu steuern, die bei feinkörnigen Böden zum Verdichten zum Einsatz kommt. Andere schaufeln Kies mit einem Bagger oder hämmern Pflastersteine in den Boden.
Mit einem Bagger habe er früher in Afghanistan schon einmal kurz gearbeitet, erzählt Emal Shinwari. «Jetzt will ich richtig lernen, wie man das macht», sagt der 18-Jährige. Als Nächstes wird er sich bei der Firma Keller Frei wahrscheinlich für eine Schnupperwoche bewerben.
