Wie ein Ort für Trinkerinnen in Bauma zum modernen Pflegeheim wurde
130 Jahre Blumenau
In den letzten 130 Jahren hat sich in der Blumenau viel geändert. Seit 55 Jahren ist das Heim im Besitz der Familie Graf und damit ein Exot in der Heimlandschaft. Doch das bietet auch Vorteile.
«Frauen und Töchter, welche an der Trunksucht, der Zerstörerin allen Familienfriedens und -glückes leiden, finden freundliche Aufnahme in der Heilstätte Blumenau», steht auf einer Anzeige in der Zeitschrift «Der Frieden» von 1898. Unterzeichnet ist sie von Hausvater Simeon Diener. Er hatte das spätere Pflegeheim 1894, also vor genau 130 Jahren, gegründet.
Einst selbst ein Trinker, der ins Blaue Kreuz eintrat und dem Alkohol abschwor, wollte er auch andere zur Abstinenz bewegen. Er erwarb dazu ein zusätzliches Gebäude neben seinem Wohnhaus in der Lipperschwendi, gleich an der heutigen Gemeindegrenze von Fischenthal und Bauma, und eröffnete seine Heilstätte.
Auch nach seinem Tod betrieben seine Nachkommen das Heim weiter – es entwickelte sich aber zum «Greisenasyl», wo alte Menschen ein Zuhause fanden.
An diesem Ort steht heute das Alters- und Pflegeheim Blumenau – und gehört seit 1969 der Familie Graf. Felix und Ursula Graf leiten die Institution seit 1986 in der zweiten Generation.

Doch die Zeichen stehen auf Veränderung: Bereits 2020 kamen Tochter Lea Graf und Markus Plüss in die Rolle der Betriebsleitung. Felix Graf arbeitet seither vermehrt im Hintergrund und hat die strategische Leitung inne. Die Übergabe des Heims an die Kinder Lea und Immanuel Graf ist auf Frühling 2025 geplant.
Das Gesicht der Blumenau
Obwohl sich seit der Zeit von Simeon Diener einiges geändert hat, kann sich der Heiminhaber immer noch mit den Grundprinzipien des Gründers identifizieren: «Man muss ein Herz für Menschen haben – der Mensch steht im Zentrum», sagt er.
Bestehen geblieben ist noch ein weiteres Detail. Gestern wie heute leben in der Blumenau nicht nur ältere Menschen, die alt und pflegebedürftig sind. «Wir sind ein Heim für Menschen», sagt Felix Graf. Auch Personen mit Suchtproblematik oder anderen psychischen Beeinträchtigungen nimmt die Blumenau auf. Von der strikten Abstinenz wie unter Simeon Diener wird heute aber abgesehen.
Die Blumenau ist ein Exot in der Schweizer Pflegelandschaft. Denn die meisten Heime werden von der öffentlichen Hand oder von anderen Trägern wie Stiftungen betrieben. Zwar ist der Betrieb seit 2000 eine Aktiengesellschaft, aber anders als andere private Träger vollständig im Besitz der Familie Graf. «Es freut uns sehr, dass wir schon so lange ein Familienbetrieb sind», sagt Lea Graf. «Wir leben hier mit, wir geben der Blumenau ein Gesicht.»

Beim Rundgang durch die vier Häuser und die grosse Gartenanlage beispielsweise grüssen Felix und Lea Graf alle Bewohnerinnen und Bewohner, die ihnen über den Weg laufen. Man kennt sich hier. «Mit insgesamt 60 Plätzen ist das auch noch möglich», sagt die Heimleiterin. Sie wuchs gleich neben dem Heim auf und verbrachte bereits als Kind viel Zeit in der Blumenau – heute ist es ihre Tochter, die sie gelegentlich zur Arbeit begleitet und für Unterhaltung sorgt.
Dieses familiäre Umfeld ist der Familie Graf wichtig. Trotzdem, und das betont Felix Graf mit Nachdruck, bedeutet das nicht, dass andere Heime unpersönlich oder schlecht seien. «Wir sind einfach anders.»
Wäschefalten mit Aussicht
Felix Graf versteht die Blumenau als kleines Dorf. Unter seiner Führung hat er das Heim nicht zuletzt baulich umgestaltet. Die heute vier Wohnhäuser liess er umbauen oder neu bauen – und hat das meiste in Eigenregie geplant. «Es gab keine Baukommission, die einen gemeinsamen Nenner finden musste.» Er konnte so bauen, wie es ihm passte.
Als Beispiel nennt er die Glätterei, wo Wäsche gefaltet und gebügelt wird. Diese befindet sich im ersten Stock des Haupthauses mit Blick auf den Garten. «Andernorts baut man diese in den Keller», sagt er. Ihm war es aber wichtig, dass die Mitarbeitenden und Bewohner, die dort mithelfen wollen, einen angenehmen Arbeits- und Begegnungsort haben.

Doch selbst als Familienbetrieb mit viel Autonomie machen gesellschaftliche und politische Entwicklungen vor der Blumenau nicht halt. Als Graf zusammen mit seiner Frau das Heim übernahm, verstand es sich noch vornehmlich als Altersheim, das 1987 zum Alters- und Pflegeheim wurde.
Die Blumenau ist heute ein Gesundheitsbetrieb mit gut 60 Mitarbeitenden. Pflegeleistungen werden grösstenteils von der Krankenkasse und den Gemeinden bezahlt. «Und damit dürfen wir auch kein Geld verdienen», erklärt er.
Stets im Wandel
Doch es kommen neue Herausforderungen auf das Baumer Heim zu. Gewisse Prognosen sagen im Kanton Zürich nämlich ein Überangebot an stationären Pflegeplätzen voraus – der Kanton hat deshalb auch eine Bedarfsplanung gestartet, die als Grundlage für die Pflegeheimliste 2027 dient.
Felix Graf ist aber überzeugt: «Wir haben einen Platz in der Zürcher Pflegelandschaft.» Denn die Nachfrage in der Blumenau ist gross: Die Plätze sind fast immer voll belegt, es gibt sogar eine Warteliste. Und das Heim hat sich in den letzten Jahren auch bereits weiterentwickelt und bietet beispielsweise Tagesbetreuung oder Ausbildungsplätze an.
Dass sich in der Blumenau Dinge verändern, ist nicht neu – es prägt die Geschichte der Institution in den vergangenen 130 Jahren. Für die Familie Graf sowie die Bewohnerinnen und Bewohner ist das Jubiläum ein Grund zum Feiern. Die Festlichkeiten finden am Wochenende vom 22. und 23. Juni statt.
Eingeladen sind neben dem Baumer Gemeindepräsidenten Andreas Sudler (parteilos) auch Gesundheitsdirektorin und Regierungspräsidentin Natalie Rickli (SVP) und der Gossauer Gemeindepräsident Jörg Kündig (FDP), der auch Verwaltungsratspräsident des GZO Spitals Wetzikon ist. «Als wir die beiden eingeladen haben, konnten wir die Situation am Spital nicht ahnen», stellt Felix Graf klar.

Die Vorbereitungen fürs Fest laufen auf Hochtouren – einbezogen sind dabei auch die Bewohnerinnen und Bewohner. Sie stricken beispielsweise die Dekoration oder erarbeiten zusammen mit Schülerinnen und Schülern des Schulhauses Wellenau ein Theaterstück. Dessen Motto: «Wenn alte Geheimnisse neue Abenteuer wecken.»
Das Programm
Am Samstag, 22. Juni, ist der Festauftakt um 10 Uhr mit Natalie Rickli, Jörg Kündig und Andreas Sudler. Um 15 Uhr findet die Theatervorstellung statt. Dazu gibt es ein Festzelt mit Wirtschaft und ein Rahmenprogramm.
Am Sonntag, 23. Juni, findet um 10 Uhr ein ökumenischer Gottesdienst im Festzelt statt.
Mehr Informationen findet man auf www.blumenau.ch.
