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Gesundheit

Roboter-Robbe ist die kuschligste Mitarbeiterin auf der Demenzstation

Tiere vermitteln Lebensfreude und öffnen Welten – auch die Tür zur Welt der Demenzkranken. Egal, ob Hund, Katze oder intelligente Spielzeugrobbe.

Paro beruhigt Bewohnende auf der Demenzstation.

Foto: Till Burgherr

Roboter-Robbe ist die kuschligste Mitarbeiterin auf der Demenzstation

Auf der Demenzstation in Effretikon

Paro ist ein alter Hase auf der Demenzstation. Sein Speicher reicht für seine Aufgaben. Für ein Symbol des Fortschritts ist die Roboter-Robbe aber bereits steinalt. Droht bald der Ruhestand?

Paro liegt auf dem Schoss einer Bewohnerin. Sie knuddelt die Roboter-Robbe, diese gibt wohlwollende Laute von sich und blinzelt. Ein Herr neben ihr sagt, «komm gib ihn mir mal rüber». Die Frau reicht das weisse Knäulchen zum Mann auf dem Klappstuhl. Die Robbe zappelt mit den Flossen.

«Was machst du mit deinem Schwanz?», reklamiert der Herr und flucht. Doch dann ändert sich das Verhalten des Streichelnden rasch, er wirkt ruhig, streichelt liebevoll und geduldig.

Der Brückenbauer

Michaela Stucki schaut genau zu, wie der Bewohner auf Paro reagiert. Stucki ist die stellvertretende Leiterin der Demenzstation. «Vorher dachte ich, jetzt muss ich eingreifen, doch in diesem Moment hat sich die Situation wieder entspannt.»

Unterdessen scheinen die beiden unzertrennlich zu sein. «Dies ist ein gutes Beispiel, was Paro leisten kann. Er kann Unmut auslösen, aber in der Regel wirkt er sehr beruhigend.»

Auf der Demenzstation in Effretikon gibt es auch zwei Hauskatzen, die positiv auf Patientinnen und Patienten einwirken können. Sie seien aber weniger zuverlässig.

«Katzen sind wählerisch, wenn sie keine Lust haben, gibt es auch mal eine Tatze.» Ausserdem gäbe es viele Wechsel auf der Demenzstation, was auch für die Katzen eine Herausforderung sei.

Anders die Roboter-Robbe, sie wurde für solche Einsätze entwickelt, programmiert und ist jederzeit per Knopfdruck einsatzbereit. «Paro ist es egal, welche Laune Bewohnende haben.»

So funktioniert die Roboter-Robbe. Video: Paulo Pereira

Die Ruhe, die Paro ausstrahle in Kombination mit möglichen positiven Erinnerungen, sei speziell in Krisensituationen hilfreich.

«Wenn jemand eine schwierige Situation hat, setzen wir die Roboter-Robbe ein, um das Eis zu brechen.» Der Roboter im Pelz dient in diesem Moment als Brückenbauer. Gerade, wenn Menschen neu auf die Demenzstation kommen, hätten sie Krisen.

«Ja, du bist hier der Chef», sagt der Mann auf dem Klappsessel zu Paro.

Zu Besuch auf der Demenzstation in Effretikon.
Paro zwinkert mit seinen langen Augenwimpern und entzückt diesen Bewohner vom Alters- und Pflegezentrum Bruggwiesen.

Vermutlich ein Satz, welchen er früher zu seiner Katze sagte, wir wissen es nicht genau. Die Streichelbewegungen sind nun so fein und liebevoll, als wäre Paro ein richtiges Tier.

Der Roboter im Robbenfell

Doch Paro ist kein Tier. «Wir täuschen unsere Patienten nicht. Wir sagen ihnen beispielsweise, Paro hat ein Motörli drin. Man lüge nicht, korrigiere aber auch nicht, wenn jemand die Roboter-Robbe plötzlich für einen Hund oder eine lebende Katze hält», sagt Stucki.

«In diesem Moment ist es für die Person so stimmig. Mit einem Menschen mit Demenz kannst du nicht streiten, für ihn ist das, was er erlebt, die Wahrheit.»

Mit seinen langen Wimpern begeistert Paro und zieht die Blicke auf sich. Das entgeht auch den lebenden Katzen auf der Station nicht. «Sie sind nicht eifersüchtig, im Gegenteil, sie kuscheln sich sogar gerne an Paro, wenn er nicht im Dienst ist.»

Sobald die Roboter-Robbe aber Geräusche von sich geben würde, suchen sie das Weite.

Zwei Katzen kuscheln sich an ein Stofftier.
Paro an der Ladestation mit den Stationskatzen Angel und Simba.

Das Gerät im flauschigen Fell mit Knopfaugen ist mit zahlreichen Sensoren ausgestattet. Diese sind unter anderem in den Schnurrhaaren versteckt.

Entwickelt wurde der Roboter in Japan. Unter seinem Fell befindet sich ein Roboter mit Chip, der die Berührungen der Patienten abspeichert und sich Stimmen merken kann. «Mit der Zeit, wenn Paro sein Gegenüber besser kennt, reagiert er häufiger mit Geräuschen oder Bewegungen», erklärt Stucki.

Eine Frau lächelt in die Kamera.
Michaela Stucki ist überzeugt, dass Paro das Personal unterstützen kann.

Am Anfang sei sie auch skeptisch gegenüber dem Roboter gewesen, erklärt die stellvertretende Abteilungsleiterin. «Ich habe allerdings gesehen, dass Paro uns wirklich unterstützen kann und betrachte ihn nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung, wie viele andere Hilfsmittel auch.»

Paro ist kostbar – und alt

«Wir sind immer dabei, wenn die Roboter-Robbe eingesetzt wird.» Das hat seine Gründe, denn das Stofftier mit Chip hat seinen Preis. 4000 Franken habe man für ihn hinblättern müssen.

Entsprechend wird er gepflegt, sein Fell glänzt noch immer strahlend weiss. «Er ist schon länger auf dieser Station als ich und noch gut in Form», bemerkt Stucki.

Aufgrund seines Alters und des rasanten Fortschritts der Künstlichen Intelligenz (KI) stellt sich die Frage, wie lange noch? Kann Paro mit einem Roboter mithalten, der zuhören und sprechen kann?

Laut Jürg Schmid, dem VR-Präsidenten des Alters- und Pflegezentrums Bruggwiesen, könne die KI ihren festen Platz bekommen in der Pflege. «Der Mensch wird zentral bleiben, Maschinen und die Künstliche Intelligenz werden ihn aber entlasten.» Die KI könne beispielsweise den Mitarbeitenden administrative Arbeiten abnehmen, damit mehr Zeit für die Pflege bleibe.

Im Fall von Paro ist die Praktikerin Michaela Stucki jedoch der Meinung, dass ein Update nicht notwendig ist. «Paro kann genug für unsere Bedürfnisse, wir brauchen keine intelligentere Maschine.»

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