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«Die Patienten sind verzweifelt und haben Angst»

Die Querelen rund um das Ärztezentrum Turbenthal ziehen weiter Kreise – mit Folgen für Patienten, Drogerie, Spitex und Pflegeheim.

Auch am Freitag gab es vor der Praxis wieder eine Schlange. Die Patienten nutzten die Gelegenheit, Rezepte zu beziehen.

Foto: Bettina Schnider

«Die Patienten sind verzweifelt und haben Angst»

Schliessung des Ärztezentrums Turbenthal

Das Ärztezentrum Turbenthal ist seit drei Wochen geschlossen. Die Auswirkungen spüren nicht nur die Patientinnen und Patienten.

Seit drei Wochen gibt es in Turbenthal eine Hausarztpraxis weniger. Das Ärztezentrum Turbenthal ist geschlossen, die Gemeinde organisiert die Abgabe der Patientenakten.

Die Angestellten werden dafür vom Kanton entschädigt. An zwei Nachmittagen pro Woche können Patientinnen und Patienten zudem Rezepte für Medikamente abholen.

Auch am Freitag standen sie wieder Schlange. In der Garage können sie nach Anmeldung bei der Gemeinde ihre Akten in einem bestimmten Zeitslot beziehen – und erhalten sie in einem Plastiksack.

Suchen oder hoffen

«Immerhin das funktioniert», sagt ein Mann. Er hat Glück – er wohnt im Steinenbachtal auf Wilemer Gemeindegebiet. So kann er sich als neuer Patient bei Wilacare anmelden. Die Praxis nimmt nämlich nur noch Patienten aus Wila auf.

Auch andere Patienten sind auf der Suche nach einem neuen Hausarzt fündig geworden, sei es in Winterthur oder in Hittnau. Nur nicht im Tösstal.

Manche sind hingegen immer noch auf der Suche. «Ich hoffe einfach, ich werde in nächster Zeit nicht krank», sagt ein Mann, der ebenfalls seine Akten abholte.

Nur noch Rezepte

Nicht nur bei der Garage, auch vor der Praxis kam es am Freitag zu einem Andrang. Viele Patienten nutzten die Gelegenheit, um bei Ärztin Brigitte Rutz Rezepte für ihre Medikamente zu beziehen.

«Medikamente erhält man ja nicht mehr hier», erzählt eine ältere Frau. Früher konnte sie diese in der Praxis abholen. Das ist nicht mehr möglich. «Immerhin kann ich jetzt in die Drogerie mit dem Rezept», freut sie sich.

In die Drogerie? Ja, das ist möglich, bestätigt Jan Kasser, Mitinhaber der Drogerie Kasser. «Wir arbeiten seit wenigen Monaten mit einer Apotheke zusammen, welche die Rezepte abwickelt.» Die Medikamente werden dann von der Apotheke per Post verschickt.

Die Zusammenarbeit hat Kasser genau im richtigen Moment gestartet. «Wir wussten damals noch nicht, dass das Ärztezentrum Turbenthal auf einmal schliesst.»

Wichtige Dienstleistung

Jetzt ist er sehr froh, kann er diese Dienstleistung anbieten. «So müssen die Patienten nicht nach Fehraltorf, Winterthur oder Bauma in die Apotheke.» Das sei vor allem für Personen wichtig, die nicht mehr so mobil seien.

Man spürt den Unmut, sie sind verzweifelt und haben Angst.

Jan Kasser

Mitinhaber Drogerie Kasser

Das Angebot werde seit der Schliessung des Ärztezentrums rege genutzt. Grosse finanzielle Vorteile hat die Drogerie dadurch aber nicht.

Doch nicht nur bei den Rezepten spürt Drogist Kasser die Schliessung der Arztpraxis. «Wir erhalten viele Reaktionen von Kundinnen und Kunden: Man spürt den Unmut, sie sind verzweifelt und haben Angst.»

Drogerie als Anlaufstelle

Immer wieder kommen auch Personen in die Drogerie, um Rat einzuholen, nicht erst seit der Schliessung der Praxis. «Wir können beraten, aber natürlich keine Diagnose stellen», betont Kasser. «Und wenn es nötig ist, schicken wir die Kunden zum Arzt.»

Mit der Schliessung des Ärztezentrums stellt dies gewisse Personen vor Schwierigkeiten. «In einem Notfall kann man es dann bei einer anderen Praxis versuchen», meint der Drogist. Klappt das nicht, muss man allenfalls die Permanence in Winterthur aufsuchen.

In den letzten Monaten hat sich in der Zusammenarbeit mit Dr. Thomas Haehner eine gewisse Entwicklung abgezeichnet.

Rolf Tannò

Geschäftsführer Zweckverband Pflege und Betreuung

Das ist eine Notfallpraxis beim Bahnhof Winterthur. Auf die Frage, ob man dort die Schliessung des Ärztezentrums bei den Patientenzahlen bemerkt, hat die Permanence keine Antwort gegeben.

Nicht unerwartet

Einen Einfluss hat die Praxisschliessung aber definitiv auf den Zweckverband Pflege und Betreuung Mittleres Tösstal. Dieser betreibt sowohl die Spitex als auch das Pflegezentrum Lindehus in Turbenthal.

Die Schliessung der Praxis kam für Rolf Tannò, den Vorsitzenden der Geschäftsleitung, nicht völlig unerwartet: «In den letzten Monaten hat sich in der Zusammenarbeit mit Dr. Thomas Haehner eine gewisse Entwicklung abgezeichnet.»

Mehr ins Detail geht Tannò aber nicht. Haehner ist Inhaber des Ärztezentrums Turbental und dessen medizinischer Leiter. Ihm gehört die mittlerweile geschlossene Praxis seit letztem Herbst. Für eine Stellungnahme ist der Mediziner weiterhin nicht erreichbar.

600 Akten

Beim Zweckverband hat man deshalb frühzeitig mit der bestehenden Ärzteschaft nach Lösungen gesucht, damit die medizinische Versorgung sichergestellt werden kann. «Basierend auf der Grundlage der langjährigen, guten Zusammenarbeit», sagt der Geschäftsführer.

So konnte für die Bewohnenden der Heime und die Klienten der Spitex die unkomplizierte und geografisch nahe Versorgung sichergestellt werden. «Zusätzlich sind wir ihnen bei der durch die Gemeinde organisierten Herausgabe der Patientenakten behilflich», sagt Tannò.

Die Leute sind auch sehr dankbar.

Jürg Schenkel

Gemeindeschreiber von Turbenthal

Wer seine Akten beim Ärztezentrum beziehen will, kann sich auch weiterhin bei der Gemeinde melden. Diese koordiniert mit dem verbleibenden Personal einen Termin für die Abholung. Stand jetzt ist dies noch bis Ende Juli möglich.

Bisher haben sich laut Gemeindeschreiber Jürg Schenkel rund 600 Personen bei der Gemeinde gemeldet, viele von ihnen konnten ihre Akten bereits abholen. Das scheint zu funktionieren. «Die Rückmeldungen sind durchwegs positiv», bestätigt Schenkel. «Die Leute sind auch sehr dankbar.»

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