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Gesundheit

Wie zwei Oberländerinnen gegen die Bulimie kämpfen

Wie lebt es sich mit Bulimie, und wie kommt man davon los? Zwei Frauen erzählen.

Andrea Ammann (links) mit Hund Sky begleitete Teresa Robinson in Online-Calls bei deren Ess-/Brechsucht. Teresa Robinson erbricht seit Januar 2023 nicht mehr.

Foto: Eleanor Rutman Foto: Eleanor Rutman

Wie zwei Oberländerinnen gegen die Bulimie kämpfen

Eine Essstörung – zwei Geschichten

Andrea Ammann litt lange an einer Ess-/Brechsucht. Heute unterstützt sie als Mentorin in Kemptthal andere Betroffene – wie die Ustermerin Teresa Robinson.

Ein Neubau im Zentrum von Uster. Von aussen sieht das Gebäude mit den elf Stockwerken hell und geräumig aus, doch der Schein trügt: Treppenhaus und Lift wirken eng und düster.

In der Wohnung geht es lebhaft zu und her. Bulimie-Expertin Andrea Ammann hat ihren Pudel und ihr Kind dabei. Ihre Klientin Teresa Robinson saugt barfuss in der Küche ein ausgeleertes Gewürz auf. Dies ist die Wohnung ihres Freunds, die Tourismusfachfrau lebt unter der Woche in Wien.

Wenn man es nicht besser wüsste, würde man denken, dass hier zwei gesunde, lebhafte und sehr erfolgreiche Frauen sitzen. Doch beide mussten in ihrem Leben sehr viel Energie aufwenden, um mit ihrer Bulimie klarzukommen. Beide führten jahrelang ein Doppelleben.

Unscheinbare Sucht

Laut dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) leiden 3,5 Prozent der Schweizer Bevölkerung im Lauf ihres Lebens an Bulimie. Davon betroffen sind 2,4 Prozent der Frauen und 0,9 Prozent der Männer. Zugespitzt könnte man sagen, dass in jeder dritten Schulklasse des Kantons Zürich eine ess-/brechsüchtige Person ist.

«Eine Bulimie kann man lange verstecken», sagt Ammann. «Man sieht nicht so spindeldürr aus wie jemand, der magersüchtig ist.» Das sei auch das Fatale daran. Oft sei die Essstörung ein stummer Hilferuf, weil andere Aspekte im Leben – zum Beispiel im Familiensystem – nicht stimmten.

Online nach Hilfe gesucht

Ammann fühlte sich 20 Jahre lang wie fremdgesteuert. Die Sucht begann bei ihr nach einer Vergewaltigung. Sie war 16 Jahre alt und konnte mit niemandem über das traumatische Ereignis sprechen.

Erst die Schwangerschaft mit ihrem dritten Kind Soraya habe wirklich geholfen. «Mir war klar, dass es so nicht weitergehen kann», sagt sie. Heute hat die 51-Jährige die Sucht überwunden.


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Jetzt berät Ammann andere Frauen wie Teresa Robinson, die im letzten Herbst auf das Online-Portal der Mentorin für Bulimie aufmerksam wurde.

«Ich wollte schwanger werden und wusste, dass ich mich erst von der Sucht befreien will.

Teresa Robinson

«Ich wusste nicht mehr weiter», sagt Robinson. «Ich wollte schwanger werden und wusste, dass ich mich erst von der Sucht befreien will.» So googelte sie und fand im Oktober 2022 Hilfe bei Ammann, die in Kemptthal wohnt.

Das ist nun ein halbes Jahr her. Seit Januar erbricht sie nicht mehr. «Wir sprechen in meinen Online-Calls direkt vom Kotzen», sagt Ammann. Bei ihr gibt es kein Schönreden. «Wir benennen die Dinge, wie sie sind.»

Sie blicke mit ihren Klientinnen den Tatsachen ins Auge, somit seien weder ein Doppelleben noch ein falscher Perfektionismus nötig.

«Eine Klientin von mir lebt vordergründig zuckerfrei und vegan, aber wenn die Kinder im Bett sind, dann haut sie sich alles rein», erzählt Ammann.

Andrea Ammann an einem Tisch.
Andrea Ammann hilft Menschen aus der Ess-/Brechsucht.

Die Calls von Ammann funktionieren ähnlich wie eine Selbsthilfegruppe. Die Frauen tauschen sich untereinander aus und berichten von ihren Alltagssituationen. «Oft erzählt eine Frau etwas, das bei einer anderen Teilnehmerin etwas auslöst.» Das helfe, um festgefahrene Routinen zu erkennen, sagt die Bulimie-Expertin. Erst dann könne man etwas verändern. Das brauche Zeit und müsse trainiert werden.

«Bei mir war es zum Beispiel die Erkenntnis, dass ich nicht in der Vergangenheit nach Gründen suchen muss, warum etwas im Heute nicht funktioniert», sagt Robinson. Sie ist ein Scheidungskind. Erst durch die Calls wurde ihr bewusst, wie fest sie sich noch immer damit identifiziert.

Die Flucht in den Sport

In die Bulimie ist sie mit 18 Jahren gerutscht, als sie mit ihrem damaligen sehr dünnen Freund im Urlaub war. Sie fühlte sich nicht wohl in ihrem normalen Frauenkörper. «Er schlug mir vor, doch mal ins Fitnessstudio zu gehen, und ich hatte plötzlich das Gefühl, dass ich zu dick bin.»

Danach begann sie erst exzessiv Sport zu treiben – und als das nicht mehr reichte, fing sie zu magern an. Doch als Freundinnen sie auf ihren dünnen Körper ansprachen und ihre Sorge mitteilten, befielen sie Schuldgefühle.

«Ich wollte niemanden verletzen.» So verlagerte Robinson ihre Essstörung noch mehr hinter verschlossene Türen, und aus ihrer Magersucht wurde eine Bulimie.

Essstörungen hätten unter anderem auch mit Kontrolle zu tun, sagt Ammann. Viele Frauen, die sich von ihr beraten liessen, seien Ärztinnen oder Psychologinnen und litten unter einem aufgezwängten Perfektionismus.

«Du wirst erst geliebt, wenn du perfekt bist», das sei nur eine der Botschaften, die eine Frau oft höre. Die Gesellschaft suggeriere, wenn man da und dort noch etwas optimiere, könne man glücklich werden.

Es geht darum, im Inneren etwas zu verändern, damit man Frieden finden kann.

Andrea Ammann, Mentorin für Menschen mit Bulimie

Ammann berät nur Menschen, die auch bereit sind, ihr Leben zu überdenken. Sie hilft auch Männern, jedoch nur in Einzelsettings. «Es geht darum, im Inneren etwas zu verändern, damit man Frieden finden kann.» Sie helfe den Menschen, wieder sich selbst zu sein.

Bei Robinson hat sich mittlerweile wirklich etwas verändert: Die 29-Jährige ist im vierten Monat schwanger und freut sich sehr darüber. Wenn sie ihrem damaligen Freund jetzt eine Karte schicken könnte, würde sie ihm schreiben: «Schau mal, wie glücklich ich heute bin.»

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