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Gesundheit

«Magersucht ist wie eine Stimme im Kopf, die völlig die Kontrolle übernimmt»

Die Magersucht hat lange Zeit das Leben von Stefanie Kistler bestimmt. Die Baumerin schaffte es, die Krankheit zu überwinden. Ihre Erlebnisse hat sie in einem Roman verarbeitet.

Den Roman «Zero Food» hat Stefanie Kistler im Rahmen ihrer Maturaarbeit geschrieben., Das Buch steht heute unter anderem in der Bibliothek in Bauma.

Fotos: Bettina Schnider

«Magersucht ist wie eine Stimme im Kopf, die völlig die Kontrolle übernimmt»

Es begann alles beim Übertritt in die Oberstufe. «Ich dachte mir, wenn ich schlank bin, dann finde ich in der Sek sicher schneller neue Freundinnen», erinnert sich Stefanie Kistler. Diese verhängnisvolle Einstellung war der Anfang einer langen Krankheitsgeschichte.

In ihrem ersten Jahr an der Sekundarschule in Bauma begann die damals 12-Jährige, penibel genau auf ihre Ernährung zu achten und mehr Sport zu treiben. Zunächst fiel nur den Eltern auf, dass das Verhalten ihrer aufgeweckten Tochter nicht mehr gesund war. Doch selbst Ärzte nahmen deren Sorgen nicht ernst genug, da sie Kistlers Gewicht noch nicht als bedenklich einstuften.

Mit Wasser auf die Waage

Erst im zweiten Schuljahr wurden ihre Lehrpersonen darauf aufmerksam. Die Schülerin, damals 14 Jahre alt, zeigte aber wenig Einsicht. «Ich war fest davon überzeugt, mein Leben im Griff zu haben», erinnert sie sich. 2015 bestand Kistler sogar die Prüfung ins Gymnasium.

«Ich war zwar in ambulanter Behandlung, trotzdem verstand ich überhaupt nicht, dass ich irgendein Problem hatte.»
Stefanie Kistler, Autorin

Dort hielt sie es aber zunächst nur wenige Wochen aus. Die Magersucht bestimmte ihren Alltag und ihre Gedanken.

«Ich war zwar in ambulanter Behandlung», erzählt Kistler, «trotzdem verstand ich überhaupt nicht, dass ich irgendein Problem hatte.» Bevor die Baumerin auf die Waage stehen musste, trank sie immer noch ganz viel Wasser, damit diese etwas mehr anzeigte. «Aber schnell kam der Punkt, an dem das auch nichts mehr half.»

Alleine mit dem Hungermonster

Kistlers Gewicht war in der Zwischenzeit so tief, dass nur noch eine stationäre Therapie in Frage kam. Und zwar im Kinderspital in Zürich. Die Jugendliche wurde aus dem Gymmasium genommen und und musste danach einige Wochen zu Hause warten, bis sie ins Spital durfte.

«Endlich sah ich wieder etwas Licht.»
Stefanie Kistler

Eine Zeit voller Tiefpunkte. «In dieser Zeit hatte ich kaum Auszeit von den Gedanken des Hungermonsters in meinem Kopf», erinnert sie sich.

Als endlich der Anruf vom Spital kam, war Kistler erleichtert. «Ich habe vor Freude geweint. Endlich sah ich wieder etwas Licht und wusste: Jetzt kann mir geholfen werden.»

Die ersten zwei Wochen war sie auf einer normalen Station und im Anschluss in der psychosomatischen Therapiestation. Diese ist unter anderem auf die Behandlung von Essstörungen spezialisiert.

Die Stimme beherrschen

Ihr Gotte brachte ihr im Spital ein kleines Geschenk vorbei, ein Notizbuch. «Sie sagte mir: ‹Vielleicht kannst du das ja brauchen.›» Kistler hatte zunächst wenig Freude daran. «Wieso in aller Welt soll mir ein Notizheft helfen?», fragte sie sich.

Und trotzdem: Sie begann zu schreiben, noch an ihrem ersten Abend im Spital. Das Geschenk sollte auf ihrem Weg zu einem wichtigen Begleiter werden.

Die Therapie half Kistler. Sie konnte im Kinderspital nicht nur an Gewicht zulegen, sondern fand auch einen besseren Umgang mit ihrer Krankheit: «Magersucht ist wie eine Stimme im Kopf, die immer lauter wird und dann völlig die Kontrolle übernimmt.» Sie lernte, diese Stimme zu beherrschen.

Nach einem mehrmonatigen Aufenthalt in der Klinik kehrte sie nicht etwa in die Schule zurück. Sie absolvierte zuerst ein Praktikum auf einem Reithof in Uster. «Ich bin froh, hat mir die Schule damals diese Auszeit ermöglich», betont sie noch heute.

«Zero Food»

Ein Jahr später kehrte sie ans Gymnasium zurück. «Zu diesem Zeitpunkt war ich fast wieder gesund», erinnert sie sich. Das Notizbuch aus der Klinik landete auf einem Tablar zuhinterst im Kleiderschrank.

«Ich möchte zeigen, dass es einen Weg zurück ins Leben gibt.»
Stefanie Kistler

Und dort sollte es bleiben, bis Stefanie Kistler das Heft 2018 wiederentdeckte. «Ich begann darin zu lesen, und erinnerte mich wieder an diesen Tiefpunkt in meinem Leben.» Für die Jugendliche, die immer schon gerne geschrieben hatte, war nun klar: «Ich möchte über diese Krankheit einen Roman schreiben und zeigen, dass es einen Weg zurück ins Leben gibt.»

Und so begann ihr Projekt. Nicht etwa ihre eigene Geschichte wollte sie erzählen, sondern diejenige von Namila. So heisst die Hauptperson in «Zero Food». Das Projekt wurde später zu ihrer Maturaarbeit.

An dieser Stelle im Buch verliert Namila die Kontrolle. (Video: Bettina Schnider)

Namila stürzt ungewollt in die Abgründe der Magersucht. Die Suche nach einem Kleid fürs Tanzfest lässt sie glauben,  sie sei zu dick. «Es hat sicher biographische Elemente im Roman, aber es ist nicht vollständig meine Geschichte», betont die Autorin.

Es lohnt sich, zu kämpfen

Doch etwas ist genauso, wie es Kistler selbst erlebt hat. Die Krankheit hat eine eigene Stimme, die auch Namilas Leben immer mehr bestimmt. «Sie ist dieser Teil von uns Magersüchtigen, der über unsere Handlung bestimmt, aber eigentlich nicht zu uns gehört.»

Etwas Weiteres hat Namila mit der Autorin gemeinsam: Beide haben es geschafft, ihre Krankheit zu überwinden. Heute studiert Kistler an der pädagogischen Hochschule und will Primarlehrerin werden. Die Magersucht ist kein aktuelles Thema mehr in ihrem Leben.

Sie ist sich dabei bewusst, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. «Viele Mädchen, die ich im Kinderspital kennengelernt habe, kämpfen bis heute damit.» Mit ihrer eigenen Geschichte und dem Roman über Namila will sie deshalb Hoffnung machen. «Betroffene sollen wissen, dass es sich lohnt, für ihr Leben zu kämpfen.»

Das Buch von Stefanie Kistler «Zero Food» ist im Selbstverlag erschienen. Es ist in der Bibliothek Bauma und in der Mediothek der Kantonsschule Zürcher Oberland zu finden. Weitere Exemplare können bei der Autorin erworben werden, per E-Mail an steffiscreaboxx@gmail.com . Weitere Informationen findet man auf Kistlers Website.

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