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Gesundheit

«Ich habe keinen Plan B, falls das ganze Personal erkrankt und ausfällt»

In der Schweiz steigen derzeit die Corona-Fallzahlen. Daniel Ambauen, Co-Präsident der Ärztegesellschaft Zürcher Oberland, spricht im Interview von der aktuellen Lage und wie sehr sie ihn seinem Alltag als Hausarzt betrifft.

Daniel Ambauen, Co-Präsident der Ärztegesellschaft Zürcher Oberland, sagt: «Es ärgert mich, dass die Pandemie nicht aufhört.»

Foto: PD

«Ich habe keinen Plan B, falls das ganze Personal erkrankt und ausfällt»

Über 19’000 neue Infektionen am Donnerstag, Omikron überall: Die Schweiz wird derzeit von der bereits fünften Welle der Corona-Pandemie überrollt. Und mittendrin ist auch Daniel Ambauen, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, der in Uster eine Hausarztpraxis leitet.

Dass der Co-Präsident der Ärztegesellschaft Zürcher Oberland (AGZO) zur Zeit viel zu tun zeigt sich auch daran, dass ein Interview erst nach mehreren Anläufen zustande kommt. Am Donnerstagmorgen hat dann aber Ambauen ein kurzes Zeitfenster für ein Telefongespräch.

Herr Ambauen, endlich erreiche ich Sie zwischen Weihnachten und Neujahr. Ganz kurz: Wie geht es Ihnen persönlich?
Daniel Ambauen: Bestens, danke der Nachfrage. Ich hatte vor Weihnachten eine Woche Ferien.

Momentan explodieren gerade die Fallzahlen. Wie erleben Sie die aktuelle Situation?
Auch bei uns in der Praxis zieht es extrem an. Wir führen täglich viele Corona-Tests durch, von denen ein erheblicher Teil positiv ist.

«Unsere Booster-Sprechstunden sind voll, wir spüren da einen grossen Andrang.»

Sie müssen sich wie in einer ständig mahlenden Mühle vorkommen, haben Sie diese Situation doch schon einmal erlebt.
Das stimmt, es ärgert mich, dass die Pandemie einfach nicht aufhört. Und es ärgert mich, dass man nicht mehr impfen kann oder sich nicht mehr impfen lassen.

Aber lassen sich derzeit nicht viele Menschen eine Auffrischungs-Impfung geben?
Doch absolut. Unsere Booster-Sprechstunden sind voll. Wir spüren da einen grossen Andrang. Es sind vor allem ältere Menschen, die zu uns kommen und die sich auch von Anfang an bei uns haben impfen lassen. Sie schätzen die vertraute Umgebung. Zudem behalten wir es uns vor, Leute, die noch nie bei uns waren, an ein Impfzentrum zu verweisen.

Mit dem Auto schnell zum Boostern

28.12.2021

Auf Flugplatz Dübendorf

Das Drive-In-Impfzentrum in Dübendorf eröffnete am 27. Beitrag in Merkliste speichern Seit wenigen Wochen ist die Kinderimpfung zugelassen. Wird dieses Angebot auch genutzt?
Wir haben zwei Kinderärztinnen im Team, die sich darum kümmern. Und die Listen bei uns sind voll. Es gibt in der Tat viele Kinder, die sich impfen lassen wollen, was mich positiv überrascht. Auch wenn Kinder nicht besonders gefährdet sind, so verbreiten sie doch das Virus weiter, weshalb ich die Möglichkeit der Impfung für die Jüngeren gut finde.

Nur hätte es diese Möglichkeit nicht schon früher geben sollen?
Das ist letztlich eine politische Frage, die ich so nicht beantworten kann.

Wie gross ist gerade in einer hausärztlichen Praxis wie der Ihren der Aufwand, Impfungen neben den alltäglichen Behandlungen durchzuführen?
Der organisatorische Mehraufwand ist tatsächlich erheblich. So sind in einer Impfflasche 20 Dosen, die von einer Assistentin aufgezogen werden müssen. Weil diese aber nur sechs Stunden haltbar sind, muss der Ablauf genau organisiert, Patienten vorgängig kontaktiert und aufgeboten werden.

«Wir haben schon jetzt die Situation, dass in unserer Praxis Personal erkrankt ist und ausfällt.»

Das bedeutet gerade für Ihre Angestellten viel Arbeit und Stress kann ich mir vorstellen. Wie gehen Sie als Chef mit dieser Belastungsproblematik um?
Ich glaube, das ist das übliche Führungsproblem, das derzeit viele Menschen in leitenden Positionen haben. Wir versuchen, an der Motivation zu arbeiten und den Angestellten zu zeigen, wie wichtig ihre Arbeit ist.

Wichtig ist, dass ihre Angestellten nicht ausfallen. Doch derzeit steigt aufgrund der Fallzahlen die Sorge von Versorgungsengpässen und Personalmangel. Wie sieht das bei Ihnen aus?
Wir haben schon jetzt die Situation, dass auch in unserer Praxis Personal erkrankt ist und ausfällt. Bis zu einem gewissen Grad können solche Ausfälle kompensiert werden. Wenn allerdings in unserer Praxis mit rund 20 Leuten 5 bis 10 Personen ausfallen sollten, ist das fast nicht stemmbar.

«Ich habe meinen Humor nicht verloren. Humor ist das Wichtigste.»

Haben Sie denn einen Plan, falls dieser Fall wirklich eintreten sollte?
Nein, einen Plan B habe ich nicht. Wir versuchen einfach, innerhalb der Praxis in gleichbleibenden Teams zu arbeiten, die Kontakte zu reduzieren und die Schutzmassnahmen einzuhalten. Und im Notfall können wir immer noch ehemalige Mitarbeitende kontaktieren, die uns unterstützen könnten. Not macht erfinderisch (lacht).

Ihren Humor haben Sie trotz der schwierigen Situation nicht verloren.
Nein, auf keinen Fall. Humor ist das Wichtigste. Denn ich merke im Gespräch mit Patientinnen und Patienten schon, wie die Pandemie auf die Seele schlägt und die Menschen unter der Isolation leiden.

Spüren Sie denn auch im Praxisalltag die Spaltung der Gesellschaft?
Also natürlich frage ich die Leute als Erstes aus diagnostischen Gründen, ob sie geimpft sind. Und ich höre vielmals ein ‹Nein›. Dann nehme ich mir die Zeit, spreche mit den Patienten und versuche, ihnen ihre Ängste zu nehmen und sie zu informieren. Durch die langjährigen Beziehungen hat mein Wort dann doch auch Gewicht und es gibt Menschen, die mich nach einer Konsultation angerufen und gesagt haben, sie hätte sich jetzt gleich impfen lassen.

«Vom medizinischen Standpunkt aus bin ich von der aktuellen Situation sehr besorgt.»

Es gibt also immer noch Menschen, die nicht über die Impfung informiert sind?
Nicht informiert ist vielleicht das falsche Wort. Vielmehr gibt es jene, die irrationale Bedenken gegenüber der Impfung haben oder die aus nicht nachvollziehbaren Quellen informiert sind.

Muss man dann aber nicht die Frage stellen, was da nach bald 2 Jahren Pandemie falsch gemacht wurde, dass es noch solche Fälle gibt?
In der aktuellen Situation gilt es einfach das Schiff auf Kurs zu halten. Am Ende ist es dann ein Leichtes zu fragen, was man hätte anders, besser machen können. Das wird auch wichtig sein, aber ist sicher kein Grund, jetzt nicht zu handeln.

Sie sprechen von der aktuellen Situation. Eine letzte Frage zum Schluss: Wie schätzen Sie diese ein?
Wenn man ins Ausland schaut, dann kann beobachtet werden, wie sich die Fälle alle paar Tage verdoppeln. Es gibt keinen Grund anzunehmen, warum das in der Schweiz nicht so sein sollte. Es gibt die kleine Hoffnung, dass die Omikron-Variante nicht so aggressiv ist, wie noch zu Beginn angenommen. Doch das nützt auch nichts, wenn dann absolut die Fallzahlen so hoch sind, dass der prozentuale Anteil jener, die eine Krankenhausbetreuung brauchen, weiter steigt und das System überlastet. Vom medizinischen Standpunkt aus bin ich also sehr besorgt.

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