Wo Wasser Geschichte zum Leben erweckt
Museum Neuthal
Was einst als Baumwollspinnerei begann, ist heute in Bäretswil ein lebendiger Ort, an dem Geschichte buchstäblich erfahrbar wird – mit ratternden Maschinen, Industriegeschichte zum Anfassen und seit diesem Sommer einem neuen Aussenangebot, das eine zentrale Ressource ins Zentrum rückt: das Wasser.
In einem Seitenarm des Tösstals liegt ein bedeutendes Industriedenkmal der Schweiz: das Museum Neuthal. Das Fabrikareal, das Anfang des 19. Jahrhunderts unter dem Unternehmergeist von Rudolf Guyer entstand und von seinem Sohn Adolf Guyer-Zeller weiterbetrieben wurde – jenem Mann, der später auch die Jungfraubahnen begründen sollte –, ist heute als Ortsbild von nationaler Bedeutung inventarisiert.
Im historischen Ensemble zeigt das Museum die Geschichte der Industrialisierung und der Textilindustrie im Zürcher Oberland, exemplarisch für die ganze Schweiz. Wasserkraft, Spinnen, Weben, Sticken: Wer durch die Hallen geht, erlebt den ganzen Produktionsprozess – von der Rohfaser bis zum Gewebe – mit funktionierenden historischen Maschinen, die von zahlreichen Freiwilligen in Betrieb gehalten werden. Es ist ihr unermüdliches Engagement, das diesem Ort seinen ganz besonderen Charakter gibt.

Energie für Spinnmaschinen
Dass das Museum Neuthal ein derart aussergewöhnliches Industriedenkmal sein kann, verdankt es nicht zuletzt dem Wasser. Das Zürcher Oberland war einst ein Zentrum der europäischen Textilindustrie – und Wasser war dafür die Grundvoraussetzung. Bäche, Weiher und Kanäle lieferten die Energie für die Spinnmaschinen.
Im Neuthal speisten drei Weiher sowie der Kringelbach, der Wissenbach und der Stoffelbach die Produktion. Zunächst trieben grosse Wasserräder die Maschinen an, später wurden sie durch leistungsfähigere Girard-Turbinen ersetzt. Ab 1886 ergänzte Dampfkraft die Versorgung, bevor mit der Elektrizität eine neue Ära begann. Die beiden Francis-Turbinen im ehemaligen Radhaus – ein eindrückliches Zeugnis dieser Technikgeschichte – wurden 2024 instandgesetzt und sind heute von oben einsehbar.
Geschichte(n) aus dem Museum
Das Ritterhaus Bubikon, die Kyburg und das Museum Neuthal ermöglichen eine Zeitreise von der Vergangenheit bis zur Gegenwart. In unserer neuen Serie «Geschichte(n) aus dem Museum» bringen sie uns regelmässig Aspekte aus der älteren und jüngeren Geschichte unserer Region näher. Dieses Mal ist das Museum Neuthal an der Reihe. (zo)
Dem Wasser auf der Spur
Genau diese Geschichte macht das Museum Neuthal nun mit einem neuen, ganzjährig frei zugänglichen Aussenangebot erlebbar. «Dem Wasser auf der Spur» verbindet drei Erlebnisformate, die sich auf dem weitläufigen Areal entfalten – für Erwachsene ebenso wie für Kinder.
Den Auftakt macht ein Geländemodell, das einen Überblick über die ganze Dimension des historischen Fabrikareals gibt. Wer sein Smartphone dazu nimmt, taucht noch tiefer ein: Digitale Erweiterungen ermöglichen Einblicke in vergangene Zeiten und buchstäblich durch Mauern hindurch – zu den einst grössten Wasserrädern der Schweiz, die die ersten Spinnmaschinen antrieben, bis zum frühen Löschwassersystem der einstigen Textilfabrik.


Geschichte erlebbar machen
Der Audiowalk führt dann auf eine akustische Zeitreise ins Jahr 1888. Im Mittelpunkt steht der Wasserwart, der seinen gewohnten Rundgang macht – doch heute ist ein besonderer Tag: Direktor Guyer-Zeller kommt auf Inspektion. Vom Spinnmeister bis zum Arbeiterjungen drängen alle den Wasserwart, mehr Druck auf die Turbinen zu leiten. Doch die Weiher sind halbleer. Was folgt, ist ein Hörerlebnis, das Geschichte nicht erklärt, sondern erlebbar macht – mit all ihren Zwängen, Spannungen und menschlichen Momenten.
Für die jüngsten Besucherinnen und Besucher hält das Areal eine eigene Entdeckungsreise bereit: Beim Kinderparcours «Der Schatz vom Neuthal» suchen ab 5-Jährige gemeinsam mit Glögglifrosch und Wasserspitzmaus nach einem geheimnisvollen Schatz. Spuren und Rätsel führen durchs Gelände, und das Rätselbuch mit Schatzkarte – gezeichnet von der bekannten Illustratorin Kathrin Schärer – dürfen Kinder anschliessend mit nach Hause nehmen.
Alle drei Angebote sind kostenlos und stehen das ganze Jahr offen – unabhängig von den regulären Museumsöffnungszeiten.
Das Museum Neuthal selbst ist jeweils sonntags von 11 bis 17 Uhr zugänglich (siehe Box). Wer einmal da war, weiss: Der Weg lohnt sich – und mit «Dem Wasser auf der Spur» gibt es jetzt noch einen Grund mehr, für einen abwechslungsreichen Sommerausflug wiederzukommen.
Dem Wasser auf der Spur
Im Museum Neuthal werden 200 Jahre Textil- und Industriekultur wieder lebendig. Von der Wasserkraft, die einst Mensch und Maschinen antrieb, bis zu funktionierenden historischen Textilmaschinen, die den Prozess von der rohen Baumwolle zum fertigen Stoff zeigen. Zahlreiche Freiwillige engagieren sich für den Erhalt der historischen Anlagen und führen die Besucher durchs Museum. Von Mai bis Oktober jeden Sonntag, von 11 bis 17 Uhr, sind Museum, Café und Shop geöffnet. Gruppenführungen ganzjährig auf Anmeldung.
Neue Angebote «Dem Wasser auf der Spur» – Outdoor-Erlebnis 365 Tage:
Unterwegs mit dem Wasserwart – Audiowalk (ab 10 Jahren, ca. 50 Min.):
Auf dem Audiowalk begleitet man den Wasserwart bei seiner Arbeit um 1888 und taucht mit ihm in die Welt der Wassernutzung im Neuthal ein.
Neuthal im Überblick – Geländemodell (mit AR-App):
Auf dem Geländemodell kann man sich einen Überblick über das weite Areal verschaffen und mit den virtuellen Erweiterungen hinter die Mauern des Kraftwerks schauen.
Kinderparcours (ab 5 Jahren, ca. 45 Min.):
Kleine Gwunderfitze suchen auf dem Kinderparcours den geheimen Schatz der Neuthaler Wassertiere. (zo)
