Es wuchert wild in Dübendorf
Ein Streifzug über Brachen, entlang von Strassen und durch unwirtliche Gegenden zeigt: Die Natur erobert sich Stück für Stück ihr Territorium zurück – wenn man sie lässt.
Die Stadt Dübendorf baut Parks, schafft Platz für Naturwiesen oder erstellt Biotope für gefährdete Arten. Doch die Natur macht ihr eigenes Ding und gedeiht auch ausserhalb der ihr zugewiesenen Areale. Ob am Strassenrand, auf Brachen oder auf Sportanlagen: Überall spriesst und blüht es – in unserer durchorganisierten, gepützelten Welt ein fast schon archaisches Statement für mehr Biodiversität.
Sich selbst überlassen – das Leepünt-Areal

Auf der Leepünt-Brache gab es mal eine Zwischennutzung mit einem Provisorium eines Detailhändlers, und auch der mobile Pumptrack der Stadt Dübendorf stand schon hier. Ansonsten wurde das mehr als 4000 Quadratmeter grosse Stück Land in den letzten Jahren – mit Ausnahme eines Bereichs für die Parkplätze und einer Nische mit zwei Tischen – vor allem sich selbst überlassen. Ideale Voraussetzungen also für Pionierpflanzen, die den kargen Kiesboden in immer grösserer Zahl besiedeln.
Geplant ist hier eine verdichtete Überbauung mit teilweise vergünstigtem Wohnraum, publikumsorientierter Nutzung und kuratiertem Grünraum. Allerdings ist das Ganze kompliziert: Es sind mehrere Partner involviert, politische Interessen prallen aufeinander. Und so könnte es durchaus sein, dass die Dübendorfer auf dem Leepünt-Areal noch eine Verbuschung miterleben.
Hart im Nehmen: Besiedler der Wilstrasse

Ausserhalb des Stadtzentrums gibt es mehrere Bereiche, in denen das Grün üppig aus den Ritzen der Bordsteine wuchert, so etwa an der Wilstrasse (Bild). Die Beseitigung der Pflanzen ist schwierig, denn an solch trockenen, heissen und mit Streusalz kontaminierten Extremstandorten überleben nur die widerstandsfähigsten von ihnen.
Für die mechanische Entfernung der Pflanzen kommen Fugenkratzer oder spezielle Bürsten infrage. Weitere Methoden sind heisser Dampf, Abflammen oder das «Beschiessen» mit gefrorenen CO2-Partikeln, ähnlich dem Sandstrahlen, bloss ohne Rückstände. Das alles bringt jedoch meist nur einen oberflächlichen Erfolg. Denn die typischen Besiedler von Randsteinritzen bilden lange Wurzeln, die gerne nachtreiben. Chemische Unkrautvernichter sind aus Umweltschutzgründen in den meisten Fällen keine Option.
Allerdings ist Nichtstun auch keine Lösung: Wenn man die Pflanzen in den Fugen in Ruhe lässt, sammeln sich Staub und organisches Material an, was den Wuchs fördert und die Bedingungen für grössere Arten verbessert.
Moos und Liebe – der Chriesbachkanal

Vor gut zehn Jahren wurde der Chriesbach zwischen der Brücke an der Kriesbachstrasse und der Eawag renaturiert – soweit das innerhalb der engen Kanalmauern möglich war. Dank Störsteinen, einer neuen Ufergestaltung und Bepflanzung erhöhte sich die Dynamik des Bachs, was wiederum den Insekten und Tieren zugutekam.
Um die Besiedlung der Kanalwände hat sich die Natur selbst gekümmert, in diesem Abschnitt etwa mit einem flächigen Bewuchs von Flechten und Moosen – lediglich unterbrochen von einer Liebesbekundung, deren Botschaft längst verblasst ist.
Bettli-Tennisplatz: Zweite Karriere als Biotop

Heute lässt es sich von aussen nicht mehr mit Gewissheit sagen, ob die beiden vor langer Zeit stillgelegten Tennisplätze zwischen der Bettlistrasse und den Bahngleisen einst Hart- oder Sandplätze waren. Sicher ist jedoch: Heute ginge der Untergrund am ehesten als «Rasen» durch, wobei man für eine akzeptable Bespielbarkeit erst mal mit dem Rasenmäher drüber müsste. Schade wärs, denn in den letzten Jahren hat sich auf diesem Stück Land der Stadt Dübendorf ein bemerkenswertes Biotop gebildet.
Fast schon poetisches Farbenspiel im Wohnland

Abseits der stark frequentierten Bereiche des Wohnlands hat sich in den Ritzen zwischen den Klinkersteinen genügend organisches Material angesammelt, um diesen sattgrünen Sprösslingen Halt und Nahrung zu bieten – und damit dieses komplementäre Farbenspiel zu ermöglichen.
Oder, in der pathetischen Sprache des Poeten ausgedrückt: «Zwischen der starren Symmetrie des gebrannten Tons regt sich unaufhaltsam das Leben. Jede kleine Spalte wird zur Bühne für zarte, grüne Rebellen, die sich der Ordnung widersetzen. Es ist ein stiller, aber kraftvoller Dialog zwischen der Beständigkeit des Menschen und der unbändigen Energie der Natur, die sich selbst im engsten Raum ihren Weg ans Licht sucht.»
Nun ja, man kann es auch übertreiben.
Stillleben mit Distel an der sechsspurigen Strasse

Diese Gemeine Kratzdistel (Mitte) lässt sich vom Verkehr der sechsspurigen Überlandstrasse im Westen Dübendorfs nicht beeindrucken. Die Pflanze verbrachte ihr erstes Lebensjahr unauffällig als stachelige Blattrosette. Nun hat sie einen kräftigen Blütentrieb gebildet – und ist bereit, sich weiterzuverbreiten.
Zu den ständigen Bewohnern dieser zaghaft begrünten Betonwüste gehören übrigens auch zwei Krähen, die das Geschehen und vor allem die Passanten genau im Blick haben. Der Grund: Jeden Tag kommt ein Hundehalter vorbei und bringt den Vögeln einen kleinen Snack.
Dünenfeeling auf dem Areal der Schule Stägenbuck

Dieser Bereich der Schulanlage Stägenbuck erinnert mit seinem dichten Gräserbewuchs schon fast an eine Dünenlandschaft. Fehlt eigentlich nur noch das Meer. Doch das ist in der 107 Millionen Franken teuren Sanierung und Erweiterung des Schulhauses nicht vorgesehen. Aber vielleicht könnte man in der Zwischenzeit ja auch einfach ein paar Sandkörbe aufstellen …? Und ein Glacewagen wäre auch noch nett.
Parzelle an der Neugutstrasse – die ewige Brache

Seit mehr als zehn Jahren liegt dieses 5500 Quadratmeter grosse Stück Land neben dem Feuerwehrgebäude an der Neugutstrasse brach. Die Zeit hat gereicht, dass ein wahrer Dschungel mit Bäumen und undurchdringlichem Buschwerk entstehen konnte.
Eigentlich hätte hier schon lange eine Überbauung realisiert werden sollen. Doch das Vorhaben musste komplett neu aufgelegt werden, nachdem das Dübendorfer Parlament den Gestaltungsplan Ende 2020 bachab geschickt hatte. Die Kritik war vernichtend: Die zwei 25 Meter hohen, parallel zur Glatt liegenden Baukörper böten keinen Mehrwert für die Bevölkerung und riegelten das Quartier vom Fluss ab, hiess es. Auch den Uferschutz beurteilte man als nicht ausreichend.
Mittlerweile gibt es eine überarbeitete Projektskizze. Die geplanten Gebäude liegen nun nicht mehr längs, sondern quer zur Glatt. Ausserdem soll – Überraschung! – ein Hochhaus Teil der Überbauung werden.
Trotzige Pflänzchen widersetzen sich der Ordnung

Moment, Pflanzen im Schottergarten? So war das doch nicht gedacht! Solche Schotterflächen galten eine Zeit lang als klare, «aufgeräumte» Landschaftsgestaltung mit minimalem Pflegeaufwand. Dazu passte artenarmes Ziergrün – wie hier beim Einlenker der Leepüntstrasse in die Usterstrasse im Zentrum Dübendorfs.
Zumindest die Sache mit der leichten Pflege erwies sich mit den Jahren als Trugschluss. Im Schotter finden Pflanzensamen leicht Halt und Schutz, und das darunterliegende Vlies kann die Verwurzelung nur begrenzt verhindern. Gleichzeitig ist das Jäten von vermeintlichem Unkraut extrem mühsam.
Das kantonale Bau- und Planungsrecht sieht Schottergärten als versiegelte, ökologisch wertlose Flächen an, Private erhalten seit dem 1. Dezember 2024 keine Bewilligung mehr.
Doch was ist die Haltung der Stadt Dübendorf? David Siems von den Grünen wollte im Herbst 2025 mit einer schriftlichen Anfrage vom Stadtrat wissen, ob dieser bereit sei, die «Schotterwüste» biodivers umzugestalten und so seiner Vorbildfunktion nachzukommen. In ihrer Antwort bezeichnet die Stadtregierung die Strassenraumgestaltung als nicht mehr zeitgemäss, die Fläche werde im Zuge eines geplanten Strassenbauprojekts aufgewertet.
Erfolglose Heilpflanze inmitten des Tech-Hubs

Hier auf dem Innovationspark wird überall an Zukunftstechnologien geforscht – und mittendrin wächst mit dem Gewöhnlichen Hornklee ein Pfänzchen, das einst in der traditionellen europäischen Volksmedizin eingesetzt wurde. Man schrieb den Blüten beruhigende, entzündungshemmende und krampflösende Eigenschaften zu und verwendete sie als Aufguss, Tee oder Wickel.
Allerdings war der Hornklee nie Bestandteil der etablierten Kräuterheilkunde, andere Wiesenpflanzen hatten sich als geeigneter herausgestellt. Spätere Untersuchungen konnten keine klare medizinische Wirkung nachweisen – wohl aber, dass der Gewöhnliche Hornklee wegen seiner (geringen) Giftigkeit für Menschen ungeeignet ist.
