1926: Als eine Explosion in Wetzikon drei Tote forderte
Gerade mal vier Seiten umfasste «Der Freisinnige» am 1. Juli 1926. Die Explosion in den Bronzefarbenwerken in Kempten, die drei Todesopfer forderte, ist dabei nicht die Frontgeschichte.
Fotos aus dem elektronischen Archiv Wetzipedia von der Explosion in der Aluminiumstampferei der Bronzewerke AG in Kempten an der Hinwilerstrasse 24 vom 30. Juni 1926 lassen mich im Zeitungsarchiv des «Zürcher Oberländers» stöbern. Dabei übersehe ich die Meldung fast. Ein lokales Ereignis mit drei Todesopfern würde heute gross auf der Titelseite prangen.
Vor 100 Jahren waren die Zeitungsarchitektur und die Bedeutung von lokalen Nachrichten aber noch anders. Auf der Front finden sich ein Artikel «Zum Entwurf eines Bundesgesetzes über die Ausgabe von Pfandbriefen» sowie weitere nationale Meldungen; den Seitenabschluss bildet die Rubrik «Feuilleton» mit dem Abdruck der Fortsetzung des Romans «Sarah von Lindhol» von Margarethe Böhme.
Nur Text, keine Fotos
Kantonale und lokale Begebenheiten finden sich dann auf der zweiten Seite – darunter auch die Explosion in der Fabrik in Kempten vom 30. Juni 1926. Ein Foto sucht man in der gesamten vierseitigen Ausgabe vergebens – auch von der zerstörten Fabrik. Das war zu dieser Zeit aber nicht ungewöhnlich. Die Fotografie fand in der Schweiz erst später Einzug in die Printpresse. Aus heutiger Sicht sind alte Zeitungen regelrechte Bleiwüsten. Dies im Gegensatz zum Ausland, wo etwa die «New York Times» bereits ab 1922 regelmässig Fotos abdruckte.
Das Unglück ist unter der Rubrik «Aus der Nachbarschaft» publiziert.
Darin heisst es:
«... Das Dach des Gebäudes wurde abgehoben, die Mauern wurden nach aussen gelegt, das ganze Gebäude völlig demoliert. Leider sind auch Menschenleben dem Unglück zum Opfer gefallen. Man fand ausserhalb des Gebäudes einen Arbeiter, mit Namen Zuberbühler, tot auf; er war offenbar von der Wucht der Explosion in die Höhe gehoben und fortgeschleudert worden. Die Leiche trug keine Kleider mehr, war aber nicht verkohlt. Zwei weitere Arbeiter, Niklaus Pfaff und Ad. Hauser, wurden schwer verbrannt; sie sind inzwischen im Kreisspital Wetzikon, wohin sie verbracht wurden, ihren Wunden erlegen. Pfaff und Hauser hinterlassen Witwen und Kinder, während Zuberbühler unverheiratet war.
Die Feuerwehr hatte bei den Löscharbeiten eine gefährliche Aufgabe, da noch kleinere Explosionen auf einander folgten. Die Ursache der Explosion ist schwer genau festzustellen. In der Nachbarschaft der Bronzefarbenwerke galt dieser Betrieb schon längst als explosionsgefährlich, und wiederholt wurde auf die Gefahr aufmerksam gemacht.
Der Gemeinderat hatte vor einigen Jahren eine Expertise durch den Kantonschemiker veranlasst, die zum Schlusse kam, dass der Betrieb nicht explosionsgefährlich sei. Im vorigen Jahr hat er neuerdings eine Untersuchung angeregt. Doch wurden auch diesmal keine schützenden Massnahmen getroffen. Das gestrige Unglück hat nun gezeigt, wie berechtigt die Befürchtungen waren. Die Bevölkerung bringt den Opfern und ihren Familien herzliche Teilnahme entgegen.»
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Einsprache gegen Betrieb
Das Unglück beschäftigte die Bevölkerung in Wetzikon und den Gemeinderat. Das in der Farbrik hergestellte Bronzepulver wurde unter anderem für industrielle Zwecke genutzt und war auch für Sprengstoffe geeignet. Bereits vor dem Unglück gab es zahlreiche Sicherheitsbedenken und Klagen wegen des Lärms, der beim Zerkleinern der Bronzeplättchen zu Pulver durch grosse Stampfmaschinen entstand.
Der Gemeinderat erhob nach dem Unglück gegen die Wiederaufnahme des Betriebs Einsprache, und die Bevölkerung forderte mittels einer Eingabe beim Kanton, die von 500 Einwohnern unterzeichnet wurde, dass die Fabrik in gänzlich unbewohnte Quartiere zu verlegen sei.
Zu erfahren ist dies in einer Mitteilung der kantonalen Volkswirtschaftsdirektion, die im «Freisinnigen» vom 9. September 1926 abgedruckt wurde. Der Kanton verweist in seiner Mitteilung aber darauf, dass «die hauptsächlichsten Bedingungen, die an die Bewilligung zur Wiederaufnahme des Betriebes geknüpft worden waren, ohne weiteres erfüllt wurden», und sieht daher keinen Grund, dem Unternehmen bei der Wiederinbetriebnahme «behördlicherseits ausserordentliche Schwierigkeiten zu bereiten».
Nach der Wiederaufnahme des Betriebs wurde die Produktion aber reduziert. 1931/1932 wurde das Gebäude schliesslich verkauft und umgenutzt, unter anderem für die Produktion von Fenstern und Türen. Die Firma wechselte mehrfach den Besitzer; 1969 kam es zur endgültigen Liquidation und zum Verkauf der Maschinen.
Aus dem Zeitungsarchiv: Neu blättern wir einmal im Monat für Sie in unserem Zeitungsarchiv und zeigen, was früher Schlagzeilen im «Zürcher Oberländer» oder im «Anzeiger von Uster» machte.
Als Wochenblatt 1852 gegründet
In Pfäffikon erscheint 1852 erstmals das von Johann Ulrich Zwingli und Hans Ulrich Wuhrmann herausgegebene Wochenblatt «Der Allmann». Die erste bekannte Nummer ist auf den 1. Januar 1853 datiert. 1861 erscheint «Der Allmann» neu zweimal in der Woche. Konrad Altorfer übernimmt 1868 die Zeitung und zügelt den Verlag und die Druckerei nach Unterwetzikon. 1870 geht «Der Allmann» samt Druckerei in das Eigentum der neu gegründeten AG Buchdruckerei Wetzikon über mit dem Zweck der Herausgabe eines Organs für die liberale Partei des Bezirks Hinwil. Am 30. Juli 1870 erscheint das Blatt erstmals unter dem neuen Namen «Der Freisinnige» und ab 1881 bereits dreimal in der Woche.
1931 erfolgt der Umzug in das neue Firmengebäude an der Rapperswilerstrasse 1 in Wetzikon – auch heute noch Firmensitz der Zürcher Oberland Medien AG. 1960 werden die Walder Druckerei zum Gutenberg und das «Volksblatt vom Bachtel» übernommen, und das Blatt wird mit dem «Freisinnigen» zusammengelegt. «Der Freisinnige» wird 1961 umgetauft und heisst ab da «Der Zürcher Oberländer». (zo)