Er wollte so nicht mehr leben – wie ein hochbegabtes Kind in der Schule untergeht
Zügeln wegen Schule
Eine Familie zieht Konsequenzen, weil sie sich von der Schule allein gelassen fühlt. Die Geschichte eines hochbegabten Jungen – und eines Systems, das an seine Grenzen zu stossen scheint.
Lars (Name geändert) ist sieben Jahre alt, als seine Mutter merkt: So kann es nicht weitergehen. Dabei besucht der Junge erst seit wenigen Monaten die erste Klasse in Wetzikon. Nach der Schule wird er zunehmend wütend, zieht sich zurück, bricht zu Hause emotional zusammen. Morgens will er nicht mehr in den Unterricht. In der Schule gilt er dennoch als ruhig, angepasst und damit unauffällig.
«Eigentlich hätten wir schon nach wenigen Wochen eingreifen müssen», sagt die Mutter. Lars habe früh gesagt, es sei ihm langweilig.
Hochbegabt und deswegen unterfordert
Lars gilt als hochbegabt. Sein Intelligenztest weist einen IQ von 137 aus. Mit einem Intelligenzquotienten (IQ) ab 130 spricht man von Hochbegabung. «Er denkt komplex, stellt tiefgehende Fragen, hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn», erzählt seine Mutter. Schon im Kindergarten habe er sich gelangweilt, in der Schule habe sich dieses Gefühl verstärkt. «Zu Hause rechnet er bis 10’000, während die Kinder der ersten Klasse bis 20 zählen.»
Nach einem ersten Gespräch mit der Lehrperson darf Lars zwar während der Mathematikstunde zusätzliche Knobelaufgaben lösen. «Diese Aufgaben haben ihn weder emotional noch fachlich abgeholt», sagt die Mutter. Zudem darf Lars für zwei Stunden in die Begabtenförderung im selben Schulhaus. Doch das habe nicht gereicht.
Aus dem Protokoll der ersten Standortbestimmung geht hervor, dass die Klassenlehrperson den Jungen durchaus mit anspruchsvolleren Aufgaben förderte. «Im Unterricht selber lässt er aber gerne schwierigere Aufgaben liegen und macht etwas, das ihm bekannt ist und er bereits gut kann», schreibt die Klassenlehrerin im Protokoll, das dieser Redaktion vorliegt.
Zu Hause habe sich die Spannung in massiven Gefühlsausbrüchen entladen. Schliesslich habe der Sohn sogar gesagt, so wolle er nicht mehr leben.
Keine Abklärung – weil er in der Schule angepasst ist
Die Eltern sind alarmiert und wenden sich mehrfach an die Schule. «Unser Kinderarzt sprach von einer akuten Krisensituation und empfahl, den Schulpsychologischen Dienst einzuschalten», erzählt die Mutter.
Doch dazu kommt es nicht, weil Lars sich in der Klasse ruhig verhält und sich laut Klassenlehrperson gut integriert. In der Standortförderung des Jungen kann man nachlesen: «Das Verhalten, welches die Eltern schildern, zeigt sich nicht in der Schule, auch nicht in den Tagesstrukturen.»
Insgesamt gab es drei Sitzungen mit der Schule. Eine im Januar, eine im April und eine im Mai 2025. Daraus geht hervor, dass sich die Schule Zeit für das Anliegen der Eltern nimmt. Die erste Sitzung im Januar fand mit den Eltern und der Klassenlehrerin im Rahmen eines Standortgesprächs statt.
Beim zweiten Treffen im April klingt es seitens der Eltern schon etwas akuter: Der Junge zeige ein herausforderndes Verhalten, drohe anderen Kindern und auch Erwachsenen. «Zu Hause hat er Wutausbrüche und wirft Gegenstände herum.» Dennoch wird gesagt, dass eine externe Abklärung beim Schulpsychologen erst in einem Jahr möglich sei, da es lange Wartezeiten gebe.
Bei der Mutter bleibt der Eindruck hängen: «Solange er im Unterricht funktioniert, besteht kein dringender Handlungsbedarf.»
Die Familie will nicht so lange warten und lässt ihren Sohn im Mai in St. Gallen bei einem Psychiater abklären. Der Befund: Hochbegabung.
Studie zeigt systemische Schwächen
Dass solche Abklärungen überhaupt nötig werden, verweist auf ein strukturelles Problem. Die Hochschule für Heilpädagogik Zürich (HfH) zeigt in einer Studie zur Begabtenförderung in der Deutschschweiz, dass hochbegabte Kinder meist erst über schulpsychologische Abklärungen oder über die Einschätzung von Klassenlehrpersonen anhand von Leistungen und Noten erkannt werden.
Ob ein Kind gesehen wird, hängt oft stark von der Kompetenz und Empathie der Lehrperson ab.
Eveline Schneibel
Begabtenförderungsexpertin
Kinder, die im Unterricht nicht auffallen oder ihre Schwierigkeiten nicht sichtbar zeigen, laufen damit Gefahr, übersehen zu werden. Meistens seien das die Mädchen.
«Angepasste, hochleistende Kinder werden eher auf ihre Leistung reduziert und verhaltensauffällige auf ihr Verhalten», sagt die Begabtenförderungsexpertin Eveline Schneibel aus Wetzikon. Beides sei problematisch. «Ob ein Kind gesehen wird, hängt oft stark von der Kompetenz und Empathie der Lehrperson ab.» Häufig fehle jedoch die entsprechende Schulung, Lehrpersonen würden damit zu oft allein gelassen.
Zudem akzeptieren nicht alle Schulen auswärtige Gutachten. Werde eine Hochbegabung diagnostiziert, reagiere jede Bildungsanstalt anders, führt Expertin Schneibel aus. «Diesbezüglich herrscht bei uns ziemlich viel Willkür. Jede Gemeinde hat eigene Abläufe und ein eigenes Konzept, wenn es um Begabtenförderung geht.» In der Praxis seien noch nicht alle Gemeinden so weit. «Wird also eine Hochbegabung diagnostiziert, ist die Reaktion darauf unterschiedlich.»
Die bereits erwähnte Studie weist zudem darauf hin, dass Begabtenförderung häufig als Zusatzangebot organisiert ist – oft ohne klar definierte Förderziele. Gerade bei emotional sensiblen Kindern könne dies an Grenzen stossen.
Wendepunkt kommt ausserhalb der Volksschule
In Lars’ Fall bestätigt die Diagnose die Vermutung der Eltern – doch die schulische Unterstützung bleibt minimal. Geplant wird eine Erhöhung der Begabtenförderung von zwei auf drei Stunden pro Woche – dies aber erst nach den Sommerferien. Für Lars kommt das zu spät.
«Es hiess immer nur warten, warten, aber das war keine Option für ein leidendes Kind», sagt seine Mutter. Die Familie entscheidet sich schliesslich, selbst zu handeln. Lars darf eine Woche probeweise eine Privatschule in Stäfa besuchen.
Die Veränderung sei deutlich spürbar gewesen. Der Junge habe wieder gelacht, sei gerne in den Unterricht gegangen und habe entlastet gewirkt.
Für die Eltern ist klar: Sie müssen einen Schulwechsel ermöglichen – auch wenn das hohe Kosten und grosse Einschnitte bedeutet. Die Entscheidung fällt schnell.
Eine grosse finanzielle Belastung
Die Familie meldet ihre Kinder aus der Schule Wetzikon ab, plant einen Umzug nach Bubikon, damit vor allem die jüngere Schwester zum Schuleintritt die öffentliche Schule besuchen kann. Zudem liegt der Standort Bubikon näher bei Stäfa als Wetzikon. Der Junge kann von Bubikon aus allein im Bus in die Schule fahren.
Beide Elternteile erhöhen ihr Arbeitspensum, gleichzeitig bleibt weniger Zeit für die Kinder. «Allein die Privatschule kostet rund 25’000 Franken im Jahr», sagt die Mutter.
Claudia Bosshardt, die Geschäftsbereichsleiterin in Wetzikon, bedauert den Fall, kann dazu aber aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen keine Stellung nehmen. Man müsse aber die zwei Themen von Hochbegabung und Gefährdung separat anschauen.
«Die intellektuelle Hochbegabung stellt für Schulen ganz generell eine erhebliche Herausforderung dar.» Für die Schule Wetzikon hätten die Früherkennung und die gezielte Förderung von Hochbegabung einen wichtigen Stellenwert. Jede Schule führe «Beratungsteams für besondere Förderung». Diese beraten Lehrpersonen bei komplexen Situationen mit Schülerinnen und Schülern und unterstützen bei der Triage von Fällen.
Fehlende Ressourcen
Die Mutter sagt abschliessend, sie wolle das System nicht kritisieren, sondern verbessern. Schulen bräuchten mehr Ressourcen und mehr Wissen über Hochbegabung. Dies vor allem für Kinder, deren Stimmen überhört würden, weil sie «angepasst» wirkten.
In der Zwischenzeit konnte Lars einen Schnuppertag in der «normalen» Primarschule absolvieren. Er habe sich dabei sehr wohlgefühlt. Bald dürfe er eine Klasse überspringen – und die Schulleitung am neuen Ort bemühe sich sehr. Auch der Schulpsychologische Dienst sei diesmal am Start, falls dies nötig werde.
Was tun, wenn das Kind hochbegabt ist?
Der normale Ablauf bei einem Verdacht auf Hochbegabung: Gespräch mit Lehrperson suchen, Schulleitung in einem zweiten Schritt informieren, Abklärung beim Schulpsychologen. Wenn Letzteres nicht möglich ist, ein externes Gutachten einholen.
So definiert der Kanton Zürich eine besondere Begabung: «Eine besondere Begabung liegt vor, wenn Schülerinnen und Schüler in einem oder mehreren Bereichen ihrer Altersgruppe deutlich voraus sind.»
Die IQ-Testung basiert auf statistischen Werten, und der statistische Konsens lautet derzeit, dass lediglich 2,1 Prozent der Bevölkerung in diesem Sinn hochbegabt sind. Somit ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass in einer Schulklasse ein Kind mit Hochbegabung sitzt. (eru)