In Bubikon stehen Gebeine im Fokus
Woher stammen die Hiebe?
Bis 2022 existierte im Ritterhaus ein Beinhaus, wobei Knochen und Schädel ausgestellt waren. Was es damit auf sich hatte, erklärt eine Expertin am Sonntag bei einem öffentlichen Anlass.
Es hat etwas Schauriges – der Anblick der aufgehäuften menschlichen Schädel und Knochen. Vor allem in katholischen Gebieten wurden diese Knochen in sogenannten Beinhäusern inszeniert, um zum Beispiel den Menschen vor Augen zu führen, dass sie sterblich sind und sich im Hier und Jetzt an die gottgegebenen Regeln halten sollten, damit sie auch wirklich in den Himmel kommen und nicht wegen Sünden in die Hölle fahren. Es ging aber auch darum, Platz für neue Gräber zu schaffen und die Knochen hier zu lagern.
Auch im Ritterhaus Bubikon existierte bis 2022 ein solches inszeniertes Beinhaus (Ossuarium) in der Vorhalle der Kapelle. Nun ist es weg. Was ist mit den menschlichen Überresten passiert? Darauf gibt es am Sonntag, 3. Mai, Antworten beim Anlass «Auf den Knochen gekommen – das Beinhaus», der Teil des Projekts «Verschwundenes – zu Gast bei …» ist. Als Expertin tritt die Osteoarchäologin Viviane Mee auf. Die Osteoarchäologie erstellt wissenschaftliche Analysen von Knochen, die bei archäologischen Grabungen gefunden werden. Die Fotografin Sibylle Meier beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit dem Thema der Vergänglichkeit und hat Viviane Mee bei ihrer Arbeit im Beinhaus Bubikon begleitet. Meier hat zahlreiche Beinhäuser in der Schweiz besucht und ihr Langzeitprojekt fotografisch weiterentwickelt.

Viviane Mee wurde vom Ritterhaus Bubikon 2022 beauftragt, das Beinhaus zu untersuchen. «Die Knochen wurden 1942 bei der Renovation des Bodens der Kapelle entdeckt», erklärt sie im Gespräch mit dem «Regio». Im «Jahrheft 2023 der Ritterhausgesellschaft Bubikon» heisst es dazu: «Während Knochen aus Einzelbestattungen wieder beerdigt wurden, fanden 227 Langknochen und 64 Schädelelemente aus einem Massengrab Eingang in das sogenannte Beinhaus.» Heisst: Erst 1942 entstand im Ritterhaus ein Beinhaus.
Im Mittelalter sei es üblich gewesen, dass man sich nicht auf einem Friedhof, sondern in der Kirche habe beerdigen lassen – in einer separaten Gruft oder unter dem Kirchenboden. Vor allem wer etwas auf sich hielt, wollte nahe beim Altar beerdigt werden. «Wenn die Gräber in der Kirche voll waren, hat man die Gebeine ausgeräumt, um Platz zu schaffen, und hat sie in Beinhäusern gelagert», weiss Mee.
Mehr Bewusstsein für Verstorbene
In der Anthropologie (interdisziplinäre Wissenschaft vom Menschen, von seiner Entstehung, Entwicklung und biologisch-kulturellen Vielfalt) und der Archäologie war es lange üblich, dass die Knochen weiterhin öffentlich ausgestellt wurden. Eine Mischung aus Sensation und historischer Dokumentation. «Heute ist das Bewusstsein, dass es sich hier um Verstorbene handelt, viel mehr vorhanden.» Knochen würden nicht einfach mehr so ausgestellt – sondern nur in einem Kontext. «Es muss ein Mehrwert da sein, Wissen vermittelt werden», betont Viviane Mee.
Sie ist seit 2019 unter anderem Knochenspezialistin des Kantons Zug für die Archäologie sowie das Museum für Urgeschichte(n). Für die Kantone Schaffhausen und Zürich ist sie eine von zwei Anthropologinnen, die bei Bedarf Knochenmaterial dokumentieren, bergen und weiter analysieren.
Werden heute Knochen bei archäologischen Grabungen geborgen, werden sie entweder auf dem Friedhof wieder in einem Massengrab beerdigt, oder sie kommen als Studienobjekte in eine Sammlung. Es kommt auch vor, dass während eines Neubaus entdeckte archäologische Funde aus finanziellen Gründen nicht geborgen und zerstört werden – aufgetauchte Knochen werden meist auf dem Friedhof wieder beerdigt.
Vivane Mee hat 2022 die Knochen und Schädel des Beinhauses, die 80 Jahre Feuchtigkeit, Staub und Insekten ausgesetzt waren, direkt vor Ort untersucht. Sie hat eine morphologische Untersuchung gemacht. Das heisst: Sie hat die menschlichen Überreste rein von Auge auf Struktur und Gestalt analysiert und die Knochen gereinigt. Mee hat dabei vor allem Langknochen von Beinen und Armen untersucht. Die Durchmesser der Gelenkköpfe beispielsweise liefern Hinweise, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelte. Letzte Gewissheit kann eine kostspielige DNA-Analyse bringen, auf die bei den Knochen im Ritterhaus bis jetzt verzichtet wurde.
Die Untersuchung von Mee hat ergeben, dass die noch bestimmbaren Knochenreste zu zwei Dritteln männlich und zu einem Drittel weiblich sind. Sie gehören mehrheitlich zu einer Gruppe von Menschen im Alter von 20 bis 50 Jahren. Zudem gibt es wenige Knochen, die unter 20-Jährigen gehörten. Bei rund 40 Prozent der Knochen konnte kein Geschlecht bestimmt werden, weil zu wenige Informationen an ihnen vorhanden waren.
Im «Heimatbuch» der Gemeinde Bubikon von 1981 steht ein Text zum Beinhaus. Es seien Überreste von mindestens 63 Männern gefunden worden, darunter Röhrenknochen und Schädel, viele mit Hiebspuren von Schlagwaffen. «Laut dem Geschichtsschreiber Johannes Stumpf handelt es sich bei den Überresten um Gefallene der Schlacht von Näfels im Jahr 1388, die vom Abt des Klosters Rüti im und um das Kloster bestattet wurden», ist darin zu lesen.
Wie kommt es zu diesen zwei unterschiedlichen Resultaten, auch weil Viviane Mee neben Frauenknochen keine Hiebspuren gefunden hat? Mee erklärt dazu: «Die Knochen haben viele Spuren, die entstanden jedoch beim Ausgraben, nicht in der Zeit des Todes. Es sind Werkzeugspuren. Früher war die Forschung auch darauf aus, den echten Schweizer Kämpfer zu finden. Das war ein männlich geprägtes Bild, das auch in die Forschung einfloss.»
In Kisten gelagert
Der älteste Kern des Ritterhauses Bubikon, das dem Johanniterorden gehörte, stammt um kurz vor 1200. Im Jahr 1789 verkaufte der Orden das Ritterhaus. «Die Knochen aus dem ehemaligen Beinhaus müssen aus diesem Zeitraum stammen», sagt Viviane Mee. Für die genaue Bestimmung wäre eine zusätzliche C14-Methode (Radiokarbondatierung) nötig. Damit könnte man das Jahr auf plus/minus 50 Jahre genau bestimmen.
Aktuell befinden sich die Knochen aus dem ehemaligen Beinhaus fein säuberlich nummeriert und dokumentiert gut eingepackt in Schachteln. Einzelne Knochen sind auch in einer Vitrine der aktuellen Sonderausstellung «Vergiss mein nicht! Zwischen Fegefeuer und Ewigkeit» zu sehen – im Kontext dazu, wie die Menschen damals gelebt und ausgesehen haben.