In Wetzikon werden Hunde und Kinder zu neuen Freunden
Viele Kinder haben Angst vor Hunden oder hatten noch nie direkten Kontakt mit ihnen. Das kantonale Programm Codex ändert das – und so gibt es schöne Begegnungen zwischen Vierbeinern und Knirpsen.
Jetzt kommt der grosse Moment. Die Kinder vom Kindergarten Baumgarten in Wetzikon dürfen sich den Hunden nähern und sie streicheln. Auf was sie bei der Begegnung mit den Vierbeinern achten müssen, haben sie vorher gelernt. Von den 17 Kindern leben nur zwei mit einem Hund zu Hause zusammen. Einige haben immer noch ein bisschen Angst vor den Tieren – und nun sollen sie ihnen sogar das Fell kraulen.
Der kleine Junge nähert sich vorsichtig der siebenjährigen Golden-Retriever-Hündin Enya. «Du kannst sie rufen, dann kommt sie zu dir», ermutigt Marcel Tgetgel den Kleinen. Er ist Teil der sechsköpfigen Delegation, die heute wegen der Hundebissprävention «Prevent a Bite», welche das Veterinäramt des Kantons Zürich unter dem Namen Codex anbietet, in die Turnhalle des Schulhauses Feld gekommen ist.
Das Veterinäramt hat den gesetzlichen Auftrag, Kindern eine Anleitung für den Umgang mit Hunden an die Hand zu geben. Die Codex-Kurse sind Bestandteil dieses Auftrags. Über 70’100 Hunde lebten Ende 2024 im Kanton Zürich. Ärzte, Tierärzte, Polizei und Privatpersonen meldeten dem Veterinäramt 873 Hundebisse. Jedes Jahr veröffentlicht das Veterinäramt des Kantons Zürich eine Hundebissstatistik.
Der Kurs «Prevent a Bite» wird im Auftrag des kantonalen Veterinäramts vom Zürcher Hundeverband (ZHV) seit 2006 durchgeführt. Dies auch als Folge eines Hundeangriffs 2005 im Kanton Zürich, bei dem drei Pitbulls einen Sechsjährigen auf dem Weg zum Kindergarten tödlich verletzten.
Wie verhalte ich mich gegenüber einem Hund korrekt? Genau das bringt der Kurs den Kindern bei. Am Schluss des rund zweistündigen Kurses gibt es dann wie erwähnt den direkten Kontakt mit den Hunden – beim Streicheln.
Die Handpuppe Tim und der Stoffhund Bianca machen es den Kleinen zunächst vor. «Wie lernt man Hunde kennen? Die können ja nicht sprechen», fragt Fränzi Welti, die heute mit dem elfjährigen Mischling Mogli in den Kurs gekommen ist. Die Kinder wissen die Antwort: «Die Hunde riechen an einem.» Die Hunde erkennten, ob man als Mensch Angst habe oder hässig sei – all das könnten die Tiere erschnuppern. «Bevor man einen Hund streichelt, muss man die Besitzer fragen. Denn nicht alle Hunde haben gerne nahen Kontakt», lernen die Kinder.
Und was soll man machen, wenn ein Hund auf einen zurennt? «Ruhig stehen bleiben und dem Hund nicht in die Augen schauen», singen die Kinder gemeinsam. Die Kinder lernen auch gleich noch, dass die Hunde gerne jagen. «Wenn die Katze auf der Wiese ruhig sitzen bleibt, dann ist das für den Hund nicht interessant. Rennt die Katze aber weg, dann findet das mein Hund super und jagt ihr hinterher», erklärt die Besitzerin von Gigha, der fünfjährigen Flat-Coated-Retriever-Hündin.
Arme hängen lassen
Die Kinder üben das Erlernte gleich. Durch die Turnhalle fliegen bunte Stofftiere. Vorsichtig nähert sich Heidi Luginbühl mit ihrer sechs Jahre alten Border-Terrier-Hündin Rani. Die Kinder haben zuvor auch gelernt, einen Ball oder sogar eine Glace, die sie in den Händen halten, fallen und dabei die Arme hängen zu lassen, wenn der Hund auf sie zukommt. «Wenn man die Arme nach oben streckt, springt der Hund an einem hoch und kann mit seinen Krallen Kratzer auf der Haut hinterlassen», erklärt Fränzi Welti.
Jetzt streift Saija, ein fünfjähriger Flat Coated Retriever, mit ihrem schwarzen Fell durch die Gruppe der Kinder. Die haben wie gelernt die Stofftiere fallen lassen und stehen ruhig da. Einige sind ein bisschen nervös wegen des grossen, schwarzen Hundes. «Seht ihr, Saija interessiert sich nur für die Stofftiere, die am Boden liegen. Euch Kinder findet sie gar nicht spannend», erklärt Hundebesitzerin Eveline Zanni.
Jetzt kommen wieder die Handpuppe Tim und die Stoffhündin Bianca ins Spiel. Tim weckt aus Neugierde den schlafenden Hund, der aufschreckt und bellt. Und weil Tim dem fressenden Hund zu nahe gekommen ist, reagiert das Tier aggressiv. Auch als Tim beim Einkaufen dem angebundenen Vierbeiner draussen vor dem Einkaufsladen zu nahe kommt, bellt dieser laut. Die Kinder lernen: schlafende oder fressende Hunde in Ruhe lassen und einen grossen Bogen um Hunde machen, die an einem Ort allein angebunden sind und warten.
Zum Abschluss der rund zweistündigen Hundebissprävention kommen sich Kinder und Hunde ganz nahe. Der Junge knetet sich noch unsicher die kleinen Hände, die Lehrperson steht zur Unterstützung neben ihm. Die Golden-Retriever-Hündin Enya bleibt ganz entspannt. Und so kommt es zu einer schönen Begegnung: Der Junge streichelt dem Tier mit der Hand übers Fell und freut sich.
Geschulte Hunde
Alle Kursleiterinnen und Kursleiter vom Programm «Prevent a Bite», die Kindergartenkinder sowie Schülerinnen und Schüler bis zur 3. Primarschule besuchen, haben zusammen mit ihrem Hund eine Ausbildung durchlaufen. Alle zwei Jahre gibt es eine Wiederholungsprüfung.
Zum Schluss noch ein paar altbekannte Hunderegeln: Hunde, die bellen, beissen nicht. «Das kann man so allgemein nicht sagen. Es gibt ein Bellen aus Freude, aber auch aus Aufregung, Unsicherheit oder Angst», erklärt Fränzi Welti. «Ein wedelnder Hundeschwanz bedeutet nicht einfach, dass sich der Hund freut. Es heisst, dass der Hund grundsätzlich erregt und aufmerksam ist.»
Die Kommunikation zwischen Mensch und Hund brauche viel Übung, betont Fränzi Welti. Der Codex-Kurs des Veterinäramts hilft den Kindern zu einem respektvollen und verantwortungsvollen Umgang mit Hunden und vermittelt spielerisch wichtige Regeln, wie durch richtiges Verhalten Beissunfälle vermieden werden können.