In dieser Ustermer Schule gehören Salto und Seiltanz zum Unterricht
Auf der Suche nach der Balance
Unweit vom Bahnhof Nänikon-Greifensee taucht man in eine ganz andere Welt ein, in der Akrobatik und Körperbeherrschung eine Rolle spielen. Zu Besuch bei der Circusschule Filacro.
Über das Stahlseil balancieren und sich von diesem mit beiden Armen in die Luft schwingen: kein Problem. Mit drei Keulen jonglieren: nichts einfacher als das. Sich an einem Seil in die Höhe ziehen und kopfüber nach unten hängen: eine Kleinigkeit.
Martin Henzi hat zum Besuch in seine Circusschule Filacro geladen. Diese befindet sich seit 2020 in einer ehemaligen Eisengiesserei unweit vom Bahnhof Nänikon-Greifensee. Zuvor befand sich der Circus Filacro elf Jahre lang auf dem Zeughausareal in Uster im eigenen Zelt.
Hier im Fabrikcircus ist es auch wie in einer Zirkusmanege. Von der Decke hängen zahlreiche Seile. In einer Ecke steht ein Turnbarren, daneben gibt es ein Trampolin und zahlreiche Turnmatten. Zudem ist ein gespanntes Stahlseil zu entdecken. Auf dem hat der 66-Jährige gleich ein paar Kunststücke vorgeführt.
«Als Jugendlicher wusste ich lange nicht, was ich werden wollte. Deshalb habe ich zunächst eine Lehre im Automobil Club absolviert – dort habe ich in der Pause gerne mal einen Handstand geprobt. Zudem war ich als 18-Jähriger fasziniert von Clown Dimitri und vom Circus Knie – und ich habe unter anderem Nummern des Kabarettisten Emil nachgespielt.» Schliesslich bewarb er sich ohne Wissen der Eltern für die Academia Teatro Dimitri im Tessin – eine Theaterschule, welche der legendäre Schweizer Clown Dimitri gegründet hatte. Henzi wurde aufgenommen und schloss dort die Ausbildung nach drei Jahren 1983 ab. Zehn Jahre lang unterrichtete Martin Henzi dort später Sommerkurse.
«Ich stand jeweils vor dem Unterricht um 6 Uhr auf, um eigenständig Seiltanz zu üben, der gar kein Unterrichtsinhalt war. Schon relativ schnell konnte ich einen Vorwärts- und Rückwärtssalto auf dem Seil – doch ich wollte einen eigenen Stil entwickeln. Wirklich tanzen auf dem Seil, das war meine Vision. Mein ungarischer Akrobatiklehrer im Teatro Dimitri empfahl mir die Zirkusschule in Budapest», erklärt Martin Henzi. Neun Monate verbrachte er in Ungarn, wobei der Seiltanz einen Schwerpunkt seiner Arbeit bildete. «Die Ostblock-Artisten mussten sich damals strengen Regeln beugen. Sie wurden schon früh einer Disziplin zugeteilt und trainierten über Jahre hinweg immer dieselbe Nummer, um die Tricks zu perfektionieren. Sie waren oft auf eine Nummer festgelegt, die sie immer wieder zeigen mussten.» Er sei hingegen mit neuen, frischen Ideen gekommen, was ihnen gefallen habe.
Auf Europatournee unterwegs
Doch Henzi zog weiter. Er war von Beginn an Teil der Bewegungsgruppe Paradogs, mit der er auf Europatournee ging. «Wir haben damals mit unseren Körpern Figuren dargestellt. Unser wichtigstes Ausdrucksmittel waren der Körper und die Bewegung», erzählt er. In einem Stück spielten sie die Märchenfigur Rotkäppchen. «Wir balancierten eine Akrobatin auf dem Kopf: Ihre Beine waren die Zöpfe von Rotkäppchen, ihr Becken das rote Käppchen.»
Und Henzi erzählt weiter: «Die Gruppe löste sich auf, und ich beschloss, mehr auf Unterricht zu setzen.» Das Angebot von Filacro ist vielfältig: So gibt es Workshops, einen Elki-Circus für Eltern und ihre Kleinen, Semesterkurse und auch Vorbereitungskurse für Artisten, die sich bei einer Zirkusschule im Ausland bewerben. Neben Henzi unterrichten auch immer wieder Artisten und Artistinnen aus dem Ausland hier in Nänikon.
Zahlreiche Ferienkurse
Wichtiges Standbein sind auch die Ferienkurse im Frühling, Sommer und Herbst (Sommerangebot von Ferienplausch Uster). Der nächste Ferienkurs findet nun von Montag, 20. April, bis Freitag, 24. April, statt. Die Kinder können direkt zur Circusschule Filacro gebracht werden oder an die Auffangorte in Zürich, Bubikon, Zug und Luzern, von wo aus sie nach Nänikon begleitet werden. Geprobt wird von 9.30 bis 16 Uhr, zum Abschluss findet am Freitag eine Aufführung für die Eltern statt. Zum Angebot gehören auch ein Mittagessen und ein Zvieri. Wer die Ferienwoche inklusive Betreuung in diesem Umfang bucht, zahlt 630 Franken.
Was erwartet die Kinder ab fünf bis zwölf Jahre in diesem Ferienkurs? Im Zirkus gibt es grundsätzlich fünf Bereiche, die auch hier zur Anwendung kommen: auf dem Boden turnen, jonglieren, balancieren, Spiel und Luftakrobatik. «Ich vermittle Kunststücke, doch nicht nur. Es entstehen Räume, in denen Menschen sich selber begegnen können. Zirkus soll Raum für Mut, für Scheitern, für Glanz, für Spiel und Stille sein», sagt Martin Henzi. Auch er lernt immer wieder aufs Neue: so aktuell das Jonglieren mit fünf Bällen.