Umsatteln wegen KI – vom Grafiker zum Velomech in Hittnau
Vom Digitalen zur Mechanik
Er hat sein Hobby zum Beruf gemacht: die Geschichte eines Werbegrafikers, der sich wegen der künstlichen Intelligenz neu erfinden musste.
«If nothing goes right, go cycle», steht auf dem Schild von Adi Toblers neuem Velo-Atelier in Hittnau. Das passt zur Geschichte des Werbegrafikers. Der Pfäffiker hat beruflich Anfang Jahr aufs Velo umgesattelt, weil in der Grafikbranche nichts mehr so läuft, wie es vor einigen Jahren noch funktionierte.
«Ich habe es schon während der Corona-Pandemie gespürt», erzählt der 57-Jährige. Weil keine Messen und Events mehr stattfanden, gingen bei Tobler auch die Aufträge stark zurück. Er arbeitet als selbständiger Grafiker, gemeinsam mit einem Arbeitskollegen führt er seit 1997 die Easy Graphics Agentur.
Ich hätte nie im Leben gedacht, dass eine Maschine jemals mein kreatives Schaffen ersetzt.
Adi Tobler
Grafiker und Inhaber Velo-Atelier Tobler
Doch momentan sind Anwendungen mit künstlicher Intelligenz (KI) so viel populärer geworden. Menschen nutzen mithilfe von KI selber Grafikprogramme und kommen nur noch mit einzelnen Aufträgen zu ihm. «Ich hätte nie im Leben gedacht, dass eine Maschine jemals mein kreatives Schaffen ersetzt.» Der Grafiker arbeitete im letzten Jahr 70 Prozent, jetzt sind es nur noch 20 bis 30 Prozent.
Als Grafiker bekomme er momentan oft nur noch Anfragen von Menschen, die selber schon etwas in einem Gratis-Grafikprogramm vorgebastelt hätten. «Ich bin nur noch gefragt für die kleinen technischen Finessen, wie zum Beispiel, wenn eine Person keine Ahnung von passenden Druckdaten hat.»
Tobler hat das Handwerk und den Umgang mit Software wie Photoshop und Illustrator von der Pike auf gelernt. «Ich habe mich eigentlich immer gefreut, wenn es Fortschritte und Updates gab.» Dass diese technischen Verbesserungen irgendwann auch ihn als Menschen überflüssig machen könnten, damit hat er nicht gerechnet.
Doch er machte die Not zur Tugend. Bereits während der Pandemie reifte bei ihm als angefressenem Velofahrer die Idee, ein neues Standbein aufzubauen – und aus seiner Leidenschaft einen Beruf zu machen.
Mit der Idee kam der Raum
Als seine Mutter vor einiger Zeit verstarb und ihm ihre Glas- und Spiegelwerkstatt mit Kunstatelier in Hittnau hinterliess, erkannte er darin den richtigen Moment, dem Ort eine neue Bestimmung zu geben. Er gründete sein eigenes Velo-Atelier Tobler, das er nun seit Anfang Jahr betreibt.
Er macht Reparaturen und bietet Services rund um das Velo an. Zudem verkauft er Mountainbikes, die er selber zusammenbaut. Für diese kauft er gute Rahmen und setzt passende Schaltungen und Bremsscheiben ein. Der gelernte Grafiker berät auch Menschen, die auf der Suche nach einem geeigneten Rad sind.
Ein Fahrrad müsse zur Person passen, betont er. «Es bringt nichts, wenn man jemandem ein Downhill Bike verkauft, der sein Fahrrad höchstens für einen Feldweg benutzt.» Berühmte Markennamen sollen nicht im Vordergrund stehen, sondern faire Preise, Nachhaltigkeit und Qualität.
Tobler ist es wichtig, dass ihm alle Menschen ihre Velos zum Flicken bringen können. Er repariert auch die ganz einfachen Räder. «Ich will hier keinen Schickimicki-Veloladen betreiben», sagt Tobler. «Kürzlich reparierte ich das Modell einer Frau, die sagte, sie traue sich mit ihrem alten Drahtesel gar nicht mehr in ein normales Geschäft.»
Das T-Shirt mit der Aufschrift «Velo-Atelier Tobler» hat er selbst entworfen. Er versteht es, seine eigene Marke aufzubauen.



«Ich will das Beste für meine Kundinnen und Kunden.» Tobler ist ein Verkäufertyp, das zeigt sich in seiner Argumentation und verrät zugleich seine Wurzeln in der Werbebranche.
«Als ich noch Weiterbildungen in einer Agentur besuchte, hiess es damals: ‹Werbung wird von Menschen für Menschen gemacht.›» Er schmunzelt, als er das sagt, doch in seiner Stimme schwingt ein leichtes Bedauern mit. Aus seiner Sicht nehme die Qualität heute extrem ab, Grafiker seien zurzeit viel weniger gefragt.
Mehr Arbeitslose in KI-exponierten Berufen
Toblers Eindruck deckt sich mit ersten Zahlen zur KI aus der Schweiz. Laut einer Studie der Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH Zürich sind vor allem Berufe mit viel digitaler oder textbasierter Arbeit, etwa Korrekturlesen, Programmieren oder eben Gestalten, wegen KI verschwunden. Weniger betroffen sind dagegen praktische Tätigkeiten, etwa im Reinigungsbereich oder in handwerklichen Berufen.
Die Studie untersuchte, wie sich KI auf den nationalen Arbeitsmarkt auswirkt. Analysiert wurden nahezu alle Online-Stelleninserate der Schweiz von 2016 bis 2025 sowie Arbeitslosendaten seit 2010.
Das Ergebnis: In klar KI-exponierten Berufen stieg die Arbeitslosigkeit bis zu 27 Prozent stärker als in weniger betroffenen Tätigkeiten. Gleichzeitig ging die Zahl der Stellenausschreibungen deutlich zurück. Zuletzt lag sie nur noch bei 60 bis 70 Prozent des Niveaus vor vier Jahren.
13 Prozent mehr Stellensuchende in Grafikdesign
Kantonal zeigt sich ein ähnliches Bild, leicht weniger drastisch: Die Anzahl der Stellensuchenden in den Bereichen Grafikdesign, visuelle Kommunikation und Werbeagenturen ist im Vergleich zum Vorjahr um 13 Prozent gestiegen.
In einzelnen Berufsfeldern mit hoher KI-Exposition gebe es Hinweise auf eine leicht sinkende Nachfrage und gleichzeitig steigende Arbeitslosenzahlen. «Ein klares Muster für den gesamten Arbeitsmarkt lässt sich daraus nicht ableiten», sagt Fabian Boller.
Der stellvertretende Leiter Kommunikation des Amts für Arbeit relativiert: «Neben KI spielen viele weitere Faktoren eine Rolle – etwa die Konjunkturentwicklung, eine gewisse Marktsättigung nach dem Corona-Boom oder Kostendruck in der Digitalwirtschaft.»
Laut dem Bundesamt für Statistik gaben rund 43 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer an, künstliche Intelligenz privat oder geschäftlich zu nutzen. Ist man da als Handwerker wie Tobler nun eher auf der sicheren Seite?
Boller bestätigt: «Ein geringeres Anwendungspotenzial für KI zeigt sich zurzeit vor allem in Berufen, die stark von praktischer Arbeit, persönlichem Kontakt und wechselnden Situationen geprägt sind.» Das sei etwa in Handwerks- und Bauberufen, im Gastgewerbe oder in der Pflege der Fall. KI verändere den Arbeitsmarkt grundlegend, das könne man aber auch als Chance betrachten.
Mit zwölf schon Pneus gewechselt
Auch Tobler sieht hier eine Chance. Dennoch gibt es für ihn noch finanzielle Einschränkungen. «Schön wäre es, wenn ich irgendwann davon leben könnte», sagt er. Noch ist das nicht der Fall. «Das Geschäft ist erst im Aufbau.» In ein paar Jahren will er sich definitiv nur noch um Velos kümmern.

Wie man ein Fahrrad repariert, hat er sich selber beigebracht und mit der Hilfe von anderen. «Ich habe schon mit sieben Jahren meinen ersten Platten geflickt – unter Anleitung des Nachbarjungen.» Eine klassische Ausbildung in einer Velowerkstatt hat er nicht genossen.
Mit zwölf habe er sogar die Winterreifen am Auto seiner Mutter gewechselt. Er habe einfach den Wagenheber benutzt und die Schrauben gelöst. Seine Mutter sei danach sicherheitshalber doch noch zur Werkstatt gefahren und habe überprüfen lassen, ob die Pneus auch wirklich gut halten würden. «Das hat alles wunderbar gepasst», sagt Tobler und schmunzelt. Er versteht sich als Macher ohne Berührungsängste.
Mit KI in der Grafik weitermachen?
Scheint ganz so, als hat Tobler mit seinem alten Beruf abgeschlossen. Wieso will er sich nicht im Bereich KI weiterentwickeln und diese als Hilfe in der Grafik nutzen? «Das interessiert mich nicht», sagt er bestimmt. «Das macht mir keine Freude mehr, wenn ich nur noch derjenige bin, der die Übersetzungsarbeit leistet und die KI nur noch mit Prompts füttert, aber am Ende nicht mehr selber kreativ sein kann.»
Dennoch kann Tobler dem Ganzen doch noch etwas Positives abgewinnen. Ein Schmunzeln huscht über sein Gesicht, als er auf seinem Handy einen Song von Stromae spielt, der von einer KI nochmals neu aufgemischt worden ist.
Weitere Informationen zu Adi Tobler und seiner Arbeit unter www.velo-atelier.ch