Gesellschaft

Lesung in Dübendorf

«Wir entscheiden ständig, aber reflektieren das kaum»

Menschen hinterfragen ihre Entscheidungen, aber nicht, wie sie sie fällen. Warum eigentlich? In Dübendorf ordnet ein Experte das Phänomen ein.

Roman Tschäppeler beschäftigt sich in seinen Büchern und Kolumnen intensiv mit Entscheidungsprozessen.

Foto: Oliver Oettli

«Wir entscheiden ständig, aber reflektieren das kaum»

Wie bestimmen wir, ob wir dies oder jenes tun? Der Autor Roman Tschäppeler will der Frage an seiner Lesung in der Oberen Mühle in Dübendorf auf den Grund gehen – und das Publikum dabei auch noch unterhalten.

Herr Tschäppeler, in der breiten Öffentlichkeit kennt man Sie vor allem als Teil des Duos Krogerus & Tschäppeler. Das Literaturwochenende in Dübendorf eröffnen Sie mit Ihrer Lesung nun aber ohne Ihren Partner Mikael Krogerus. Weshalb?

Roman Tschäppeler: Eine gute Beziehung zeichnet sich dadurch aus, dass die Partner Nähe und Distanz kontrollieren und mitunter auch eigene Projekte verfolgen. Dass ich nun etwas allein machen kann, gibt mir neue Möglichkeiten. Normalerweise bin ich in unseren Auftritten als Duo in meine Rolle eingebunden und damit beschäftigt, live zu zeichnen. Nun habe ich etwas mehr Freiheit und kann die Gelegenheit nutzen, aus meinen vielen Zeichnungen, die ich in petto habe, vorab etwas zusammenzustellen und es entsprechend zu präsentieren.

Als Duo bewegen Sie sich mit Ihren Büchern und Kolumnen im Feld der Arbeitspsychologie und der Produktivitätsmechaniken. Was darf das Publikum in der Oberen Mühle erwarten?

Etwas anderes. Ich werde nicht einfach unsere Kolumnen vorlesen, sondern formuliere neue Fragestellungen, auf die ich mithilfe von verschiedenen Textauszügen und Zeichnungen eingehen werde. Die Bandbreite ist riesig, es geht dabei sowohl um die grossen Entscheidungen im Leben als auch um kleine, vermeintlich belanglose Alltagsentscheidungen. Das reicht von «Soll ich an Gott glauben oder nicht?» bis hin zur Frage, ob es besser ist, den Ikea-Wagen auf dem Parkplatz stehen zu lassen oder zurückzubringen. Das Programm heisst denn auch «Ja. Nein. Kommt drauf an …».

Eine Entscheidung ist unter dem Strich immer eine maximal persönliche Sache. Kann es da wirklich helfen, ihr mit analytischen Methoden zu begegnen?

Es kommt immer darauf an, um welche Entscheidungen es geht. Wie wichtig ist sie? Und lassen sich die Optionen vergleichen? Wenn Sie eine Reise für 1000 Franken buchen und später erkennen, dass es auch ein Angebot für 600 Franken gegeben hätte, dann ärgern Sie sich einfach darüber, dass Sie nicht besser recherchiert haben. Der Fall bedarf also keiner grossen Interpretation. Aber es gibt eben auch Fragen, bei denen es kein Richtig oder Falsch gibt. Das sind nicht selten grosse, lebensverändernde Fragen wie etwa, ob Sie noch einmal eine Ausbildung beginnen sollen. Da sind Intuition und Lebenserfahrung gefragt – und genau hier wird es spannend.

Machen wir uns Ihrer Meinung nach zu wenige Gedanken darüber, wie Entscheidungen überhaupt entstehen?

Ich finde es tatsächlich erstaunlich, wie wenig wir uns mit diesem Akt auseinandersetzen. Sehen Sie, eine Entscheidung ist der Kulminationspunkt einer Handlung. Vorher passiert extrem viel. Wir versuchen Sachen zu verstehen, die Psychologie spielt mit, wir orientieren uns an Philosophien und nutzen Daten. All das kommt im Moment der Entscheidung zusammen. Wir alle kommen mehrmals täglich an diesen Punkt, an dem wir eine Entscheidung treffen müssen – und die hat immer Konsequenzen. Es mutet komisch an, dass wir unterdessen gefühlt für alles eine Prüfung ablegen müssen. Aber über etwas so Wichtiges, das wir so viel tun, machen wir uns eigentlich nie strukturiert Gedanken.

Jetzt fühlt sich das Thema plötzlich sehr ernst an.

Falsch verstanden. Ich werde zehn bis zwölf Fragen aus dem Leben beantworten, vor denen wir alle schon gestanden sind oder noch stehen. Man kann dann locker mit einem Bier oder einem Cocktail in der Hand meinen Gedanken folgen und sich selbst welche machen – wie in einer Abendschule, in die man gerne geht. Ich finde, es bietet sich hier eine gute Chance, sich auf eine leichte und humorvolle Art selbst zu reflektieren und zu überlegen, wie man selbst seine Entscheidungen getroffen hat. Und wer weiss, vielleicht wird es nicht nur ein unterhaltsamer, sondern vielleicht auch ein nützlicher Abend.

Zum Abschluss möchten wir von Ihnen als Entscheidungsexperten noch einen Tipp: Nach welchen Kriterien sollen unentschlossene Dübendorferinnen und Dübendorfer bei den anstehenden Wahlen ihre Entscheidungen fällen?

Ganz einfach: Smartvote. Ein fantastisches Instrument. Da gibt es 50 Fragen, die ich beantworte und dann mit den Antworten der Kandidierenden abgleichen kann. Damit brauche ich keine Flyer, keine Slogans und keine Gesichter – die Komplexität wird auf die Essenz reduziert. Und je nach Bedarf und Ausgangslage kann man dann auch noch persönliche Loyalitäten oder auszählungstaktische Aspekte einfliessen lassen.

Roman Tschäppeler am Literaturwochenende in der Oberen Mühle

Vom Freitag, 20., bis zum Sonntag, 22. März, findet in der Oberen Mühle in Dübendorf das jährlich durchgeführte Literaturwochenende statt. Eröffnet wird es am Freitag um 20 Uhr im Dachstocksaal mit der Lesung von Roman Tschäppeler. Der Kreativproduzent aus Lyss BE hat gemeinsam mit dem Autor Mikael Krogerus mehrere Sachbücher im Bereich Arbeitspsychologie und Produktivitätsmechanik verfasst. Zudem schreibt das Duo regelmässig Kolumnen für die Wochenendbeilage «Das Magazin» des «Tages-Anzeigers». Als Duo Krogerus & Tschäppeler vermitteln die beiden ihr Wissen auch regelmässig auf der Bühne.

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