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Gesellschaft

Bohrungen im Greifensee

Altlasten in der Badi: Warum der Seegrund vor Niederuster gefriert

Aus seinem Schwimmbecken gelangten Chemikalien in den Greifensee. Jetzt holt die Vergangenheit das Strandbad Niederuster ein.

Eiskalt: Dank dem flüssigen Stickstoff friert das Sediment an – und kann als eigentlicher Block aus dem Wasser gezogen werden.

Foto: Simon Grässle

Altlasten in der Badi: Warum der Seegrund vor Niederuster gefriert

Vor dem Strandbad Niederuster liegen Chemikalien im Boden, die dem Ökosystem des Greifensees schaden. Derzeit wird gebohrt, um das Ausmass zu klären. Klar ist: Eine Grundsanierung ist unumgänglich.

Irgendwie wirkt es, als würden sie fischen. Seelenruhig liegt das mit zwei Drahtseilen befestigte Metallboot vor dem Ufer des Strandbads Niederuster. An Bord sitzen zwei Männer und zwei Frauen. Keine Hektik, kein Lärm. Nur eine weisse Nebelsäule, die aus der Mitte emporsteigt.

Die ziemlich unspektakulär anmutende Szenerie löst bei Marlene Fischer spürbare Begeisterung aus. Die Projektleiterin in der Sektion Altlasten des kantonalen Amts für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel) sagt: «Für meine Masterarbeit habe ich genau das vor einigen Jahren selbst gemacht. Nun sehe ich es das erste Mal in einem meiner Projekte.»

Ein Boot liegt vor dem Greifenseeufer, es dampft in der Mitte des Boots.
Wo das Awel bohrt, werden die Ustermerinnen und Ustermer schon bald wieder baden.

Mit «das» meint Fischer die Methode, die die Geologen hier anwenden. Dabei wird ein langes Metallrohr in den Seegrund gebohrt, in das anschliessend durch einen Schlauch gut eine halbe Stunde lang flüssiger Stickstoff gepumpt wird. Dieser kühlt das Rohr so stark ab, dass die steinige Sedimentschicht anfriert. So wird die Probe schliesslich an die Oberfläche geholt.

Vom Becken in den See

Für die technisch weniger bewanderte Allgemeinheit ist der Hintergrund der Aktion vermutlich interessanter. Denn im Material, das hier geborgen wird, befinden sich Schadstoffe, sogenannte Polychlorierte Biphenyle (PCB). Diese chemischen Verbindungen sind zwar nicht akut toxisch. Sie gefährden aber das Ökosystem des Greifensees.

Bei diesen PCB, so erklärt Projektleiterin Fischer, handle es sich um kleine, nicht wasserlösliche Partikel, die sich im Sediment abgelagert hätten. Von dort gelangen sie in die Nahrungskette von Würmern, Larven und Muscheln, die wiederum auf dem Speiseplan der Fische stehen. Bei all diesen Lebewesen können diese Stoffe langfristige Schäden hervorrufen, die letztlich die Population gefährden. «Deshalb müssen wir dort, wo wir besonders hohe Konzentrationen finden, den Seegrund sanieren.»

Marlene Fischer erklärt dem Journalisten die Karte.
Awel-Projektleiterin Marlene Fischer kennt die angewendete Methode aus eigener Erfahrung.

Dass der Kanton die Überprüfungen just vor dem Strandbad macht, ist kein Zufall. Tatsächlich sind die Schadstoffe mit grösster Wahrscheinlichkeit nämlich über das in der Liegewiese gelegene 50-Meter-Becken in den See gelangt.

Polychlorierte Biphenyle sind zwischen Mitte der 1960er und Mitte der 1980er Jahre in Farben und Fugendichtungen verwendet worden, die man zur Bemalung und Kittung von Schwimmbecken verwendet hatte. Sie hatten den Vorteil, dass sie Schimmel und Bakterien vorbeugten. Als man sich des Problems bewusst wurde, wurden neue Materialien verwendet – auch im Strandbad Niederuster.

Da war es allerdings schon zu spät: Über die rund 20 Jahre haben sich im Zuge des regelmässigen Reinigungsprozesses kleine Plättchen gelöst und um das Becken verteilt. Ein Phänomen, das man übrigens auch in vielen Freibädern beobachtet hat – nur dass im Strandbad Niederuster eben nach der Wiese schon schnell einmal der See beginnt.

Immerhin: Für Menschen oder Hunde sei das Risiko vernachlässigbar tief, sagt Awel-Frau Fischer. Um die Stoffe überhaupt aufzunehmen, müsste man sie faktisch essen – was angesichts ihrer Lage am Seegrund ein schwierig vorstellbares Szenario wäre. Auch in den Fischen habe man bislang keine problematische Konzentration von PCB-Spuren gefunden.

Ein Metallboot liegt ruhig auf dem See, in der Mitte ein Loch mit einem Bohrer im Wasser.
Ruhige Stimmung, ruhiges Wasser – doch unterhalb des Boots gefriert gerade der Boden.

All das ändert freilich nichts daran, dass man die Stoffe entsorgen muss. Dafür gilt es vorderhand, die Verteilung der Schadstoffe zu dokumentieren. 2017 und 2018 waren im Bereich des Strandbads die Belastungen der Seesedimente festgestellt worden, 2019 wurde dies in den Kataster der belasteten Standorte eingetragen.

Seither wurden alle zwei bis drei Jahre Proben entnommen, insgesamt rund 50. Jene in unmittelbarer Ufernähe mithilfe einer simplen Schaufel, andere, die weiter entfernt liegen, mittels eines Plexiglasrohrs. «Je weiter wir uns vom Land entfernen, desto weicher wird das Sediment und desto einfacher lässt es sich aufnehmen», erklärt Marlene Fischer.

Sanierung nicht vor 2030

Aufgrund der Resultate hat sich inzwischen eine ziemlich aussagekräftige Belastungskarte in Ampelfarben ergeben, aus der sich schliessen lässt, wie sich die PCB verbreitet haben. «Sanierungsbedarf haben wir nur innerhalb der problematischen roten Bereiche, in denen die vom Bundesamt für Umwelt festgesetzten Grenzwerte überschritten werden», betont die Projektleiterin. Doch noch müsse abgeklärt werden, wo diese genau lägen.

Man sieht eine Hand, die die Karte mit den verschiedenen Belastungsstufen vor dem Strandbad anzeigt.
In den letzten Jahren hat die Belastungskarte vor dem Strandbad immer klarere Konturen angenommen.

Dafür ist das Awel in dieser Woche noch einmal vor Ort. 15 Bohrkerne in dieser Zone und um sie herum gilt es nun zu bergen – acht von ihnen mittels der eingangs beschriebenen Anfriermethode. «Das ist nötig, weil das Sediment mehrere Meter unter Wasser liegt, aber nicht weich genug ist, um es mittels Plexiglasrohr in die Höhe zu holen. Deshalb frieren wir es an.»

Dann zeigt Fischer in Vorfreude aufs Boot. Aus der Distanz sieht man, wie die Crew das Metallrohr in die Höhe zieht und sogleich beginnt, die mit Steinen durchsetzte Bodenprobe mit Hammer und Meissel abzuschlagen. Später wird sie zur Untersuchung ins Labor gebracht.

Man sieht Hände, die mit Hammer und Meissel gefrorene Steine abklopfen.
Das gefrorene Sediment muss mit Hammer und Meissel abgeschlagen werden.

Damit ist es allerdings noch lange nicht getan. Ist die Situation einmal klar erfasst, setzt das genaue Variantenstudium ein. Wo, wie tief und mit welcher Technik soll abgegraben werden? Und später müssen die Arbeiten dann auch noch ordnungsgemäss ausgeschrieben und vergeben werden.

Ehe die Bagger tatsächlich auffahren, werden also noch ein paar Jahre ins Land ziehen. Beim Kanton rechnet man mit einem Sanierungsbeginn ab 2030, die Kosten schätzt man im «tiefen einstelligen Millionenbereich». Kosten, an denen sich als Verursacherin auch die Stadt Uster beteiligen muss.

Doch letztlich gibt es für die Ustermerinnen und Ustermer auch noch eine gute Nachricht: Der Badebetrieb soll von der ganzen Übung nicht beeinträchtigt werden. Weder jetzt noch künftig.

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