Gesellschaft

Wenn die Behördensprache unklar ist

In Effretikon wird bei Bedarf die Bewerbung gleich vor Ort geschrieben

Die Stadt Illnau-Effrettikon bietet einen Infopoint und Schreibdienst an. Wer kommt vorbei? Ein Besuch vor Ort.

Schätzen sich: die Betreuerinnen und Betreuer des Schreibdiensts und des Info-Points und jene, die diesen Service nutzen.

Foto: Luc Müller

In Effretikon wird bei Bedarf die Bewerbung gleich vor Ort geschrieben

Fragen über Fragen zu komplizierten Themen, die oft die Behörden betreffen: Damit sind die Freiwilligen beim Schreibdienst konfrontiert – Hilfe gibt es zusätzlich beim Info-Point der Stadt.

«Jeder sollt hierherkommen zum Info-Point und Schreibdienst», schwärmt eine Frau, die zahlreiche Zettel vor sich liegen hat. Es geht um eine komplizierte Behördenkorrespondenz – die alleinerziehende Pakistanin muss Fragen zum Familiennachzug ihres Manns beantworten.

«Das ist alles sehr kompliziert und nicht leicht zu verstehen», erklärt die Frau weiter. Deshalb ist sie heute in die katholische Kirche St. Martin in Effretikon gekommen. Dort sitzt sie nun an einem Schreibtisch, wo sie praktische Hilfe von Doreen Fässler erhält. Sie ist freiwillige Helferin beim Schreibdienst, den die Stadt Illnau-Effretikon seit 2008 für die Bevölkerung aus dem Bezirk Pfäffikon anbietet. Die Kirche stellt dabei die Räume zur Verfügung – es handelt sich um ein konfessionsneutrales Angebot der Stadt.

Zwei Frauen am Tisch
Doreen Fässler (links) berät eine Klientin wegen eines Behördenbriefs.

«Nicht allen Menschen fällt es leicht, eigene Korrespondenz zu erledigen, Formulare auszufüllen oder Bewerbungen fehlerfrei zu verfassen. Je höher der «Pendenzenberg», umso grösser die Hürde, diesen abzubauen. Der Schreibdienst unterstützt Einwohnerinnen und Einwohner rund um Korrespondenz, Schreiben und Lesen. «Freiwillige Mitarbeitende bieten Hilfe beim Schriftverkehr mit Behörden und Institutionen», heisst es dazu auf der Website der Stadt.

«39 Fragen musste ich letztmals über mein Zusammenleben mit meinem Mann schriftlich beantworten», sagt die Frau mit den schwarzen Haaren und dem Pferdeschwanz. Nun gilt es weitere Papier auszufüllen. Doreen Fässler nimmt sich der Sache souverän und geduldig an.

Sie weiss, wie es ist, am Anfang fremd zu sein

«Ich bin vor 33 Jahren aus Ostdeutschland in die Schweiz gekommen. Ich weiss, was es heisst, fremd zu sein in einem Land. Auch ich musste damals viele Behördenangelegenheiten regeln. Wer dann zusätzlich noch nicht gut Deutsch spricht, kann sich schnell mal verloren fühlen.» Deshalb engagiere sie sich hier schon seit Jahren freiwillig im Schreibdienst, erklärt Doreen Fässler, die sonst als Heilpädagogin in Illnau tätig ist.

Plakat
Der Info-Point und Schreibdienst ist jeweils in der katholischen Kirche St. Martin eingerichtet.

Gleichzeitig zum Schreibdienst ist jeweils montags von 15.30 bis 18 Uhr (ausgenommen in den Schulferien) auch der Info-Point hier vor Ort. Dieser wird von Susanne Keller, Sozialarbeiterin Asylfürsorge und Integrationsbeauftragte, und Maria José Rensch, Fachverantwortliche Frühe Förderung, geleitet. Beide sind bei der Stadt in der Abteilung Gesellschaft tätig.

Zwei am Tisch
Maria José Rensch (am Pult) ist eine der zwei Leiterinnen des Info-Points.

«Beim Info-Point beantworten wir Fragen zum alltäglichen Leben in Illnau-Effretikon und der Schweiz», erklärt Rentsch. Die Fragen drehen sich um die Themen wie Arbeit, Schulsystem, Deutschkurse, Gesundheitswesen, Wohnen, Kinderbetreuung, öffentlicher Verkehr oder Freizeit. Bis zu fünf Personen im Durchschnitt erschienen 2025 montags beim Info-Point.

Sind administrative Arbeiten nötig, werden diese vor Ort direkt vom Schreibdienst bearbeitet, der aktuell rund 15 Freiwillige umfasst. Den Lebenslauf aktualisieren, ein Motivationsschreiben für eine Arbeitsstelle formulieren und Anträge für eine Wohnung ausfüllen: Das sind die häufigsten Arbeiten, bei welchen der Schreibdienst behilflich ist.

Anliegen direkt am Laptop bearbeiten

«Ich musste einen Beschwerdebrief verfassen und ein Formular für die Behörden ausdrucken. Deshalb bin ich heute hierhergekommen. Ich war schon öfters hier. Der Service ist hervorragend. Ich bekomme immer praktische Hilfe», erklärt ein Besucher, bevor er von dannen zieht.

Der kostenlose Service hier, für den keine Anmeldung nötig ist, richte sich an Schweizer und Migranten gleichermassen. «Viele haben auch keinen eigenen Computer zu Hause. Hier können wir ihre Anliegen an unseren Laptops direkt bearbeiten», sagt Rensch.

Mann am Compi
Johannes Wunderlin (am Computer) hilft einem Klienten mit der Bewerbung.

Auch Johannes Wunderlin ist seit drei Jahren als Freiwilliger beim Schreibdienst engagiert. Mit dem Klienten neben ihm füllt er gerade einen Antrag fürs Regionale Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) aus. «Ich kann das nicht allein. Ich verstehe nicht alles, was die Behörden verlangen», erklärt der gebürtige Libanese, der in der Ukraine gelebt hat und vor dem Krieg geflüchtet ist. «Ich bin sehr dankbar für die Hilfe hier», doppelt er nach.

Johannes Wunderlin war früher als Architekt tätig. «Ich engagiere mich gern hier. Das ist eine ganz praktische Hilfe, die nützt.» Schon sitzt der Nächste an seinem Tisch. Der Mann hat auf einem Zettel schon ein paar Notizen gemacht: für die Bewerbung seiner Frau. Wunderlin formuliert die Sätze gleich aus und verfasst ein Motivationsschreiben. «Wir können nicht so gut formulieren. Ich bin froh, dass ich hier dafür Hilfe bekomme», sagt der Effretiker und streckt den Daumen nach oben.


Der Schreibdienst/Info-Point für die Bevölkerung im Bezirk Pfäffikon findet jeweils am Montag (ausser Schulferien) von 15.30 Uhr bis 18 Uhr in der katholischen Kirche St. Martin (Räume David und Mirjam) statt. Er ist kostenlos, eine Anmeldung ist nicht nötig.

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