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Gesellschaft

Ein Chor der etwas anderen Art

Sie steckt hinter Absatz und Gloria aus Uster

Seit 30 Jahren leitet Eva Känzig den Ustermer Frauenchor Absatz und Gloria. Was sie anfangs skeptisch machte, ist heute ihr Herzensprojekt.

Eva Känzig brennt voller Leidenschaft für ihren Chor Absatz und Gloria.

Foto: privat

Sie steckt hinter Absatz und Gloria aus Uster

Ein Chor der etwas anderen Art

Seit 30 Jahren leitet Eva Känzig den Ustermer Frauenchor Absatz und Gloria. Was sie anfangs skeptisch machte, ist heute ihr Herzensprojekt.

Die Musikwelt vor 30 Jahren: Madonna und die Backstreet Boys erklommen die Hitparade, während Grunge-Bands wie Nirvana Rock neu definierten. Weniger experimentierfreudig sah es an Musikhochschulen aus: Klassische Theorie von Gregorianik bis hin zu Romantik sowie Kompositionsregeln standen auf dem Curriculum. «Aus dieser starren Umgebung heraus einen peppigen und leicht schrägen Chor zu gründen, erschien beinahe unvorstellbar», erklärt die Klavierlehrerin Eva Känzig.

Die heute 63-Jährige wohnt in einem Altbauhäuschen in Wetzikon. Bereits der erste Blick verrät: Hier lebt eine Musikerin. Notenständer und Notenblätter prägen die Einrichtung, dampfender Tee zieht vor sich hin, und zwei Katzen tigern durch die heimelige Stube.

Eva Känzig studierte an der Vorgängerinstitution der heutigen Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) klassisches Klavier. Bereits während des Studiums arbeitete sie als Klavierlehrerin. Später wechselte die Pianistin in die Erwachsenenbildung und unterrichtet seit 1992 Liedbegleitung am Klavier an der Pädagogischen Hochschule in Zürich (PHZH).

Von 88 Tasten zum Dirigierstock

Das Musikstudium in den 1980er Jahren beschreibt Känzig als «nicht so lustig»: Es fehlte ihr an Kreativität – diese nämlich sprudelt förmlich aus ihr heraus. An der Hochschule konnte sie ihre Ideen nur in seltenen Kompositionsaufträgen ausleben – auch dann nur eingeschränkt durch strikte «Regeln» innerhalb der Musik.

Daher lehnte sie zunächst ab, als zwei Ustermer Frauen sie Mitte der 1990er Jahre anfragten, ob sie nicht einen Chor leiten möchte: «Ich kannte nur klassische Chöre wie die Kantorei, in der ich selbst gesungen habe. Das hat mir früher zwar gefallen, doch ich wollte diese Zeit hinter mir lassen.»

Der Gedanke an einen eigenen Chor ging Känzig jedoch nicht aus dem Kopf. Für sie war klar: «Ich möchte keinen Chor, in dem alle stocksteif dastehen.» Die Chorlandschaft sah damals aber – im Gegensatz zu heute – genau so aus. «Ich fragte mich, wie man das anders machen könnte», erklärt die Pianistin. 1995 gründete sie schliesslich den «etwas anderen» Frauenchor Absatz und Gloria.

Frauenpower auf der Bühne

Absatz und Gloria zählte in seinem ersten Jahr zwölf Mitglieder. «Ich hatte anfangs keinerlei Erfahrungen als Dirigentin», sagt Känzig schmunzelnd. Auch die Sängerinnen verfügten kaum über musikalische Bildung, dafür aber über den nötigen «Pfupf». «Wir sind in den drei Jahrzehnten gemeinsam gewachsen. Unsere Stücke sind mit der Zeit immer anspruchsvoller geworden», erläutert die Chorleiterin.

Der Name des Chors entstand in einem Probeweekend nach dem ersten Jahr. Alle Mitglieder schrieben Vorschläge auf einen Zettel. «Ich weiss gar nicht mehr, wieso es genau Absatz und Gloria wurde», sagt Känzig und lacht bei der Erinnerung. «In diesem basisdemokratischen Prozess haben wir unsere Phantasie gegenseitig angefeuert. Es war ein Zusammenspiel fast überbordend gut gelaunter Frauen.»

Mittlerweile zählt der Chor ungefähr 35 Mitglieder, einige sind seit der Gründung dabei. Alle zwei Wochen proben die Sängerinnen – aus Freude am gemeinsamen Singen, aber auch mit Blick auf Konzerte und Auftritte.

Zuletzt standen die Sängerinnen im September 2025 auf der Bühne. Das Konzert unter dem Motto «I’m not in love» fand im Ustermer Stadthaussaal statt. Eine Woche zuvor traten die Frauen am Stadtfest in Uster auf. Für beide Anlässe stand ein ganz besonderes Stück auf dem Programm: der «Uschter Boogie», komponiert von Eva Känzig selbst.

Die Idee für den «Uschter Boogie» kam Känzig im Traum: «Ich konnte nicht mehr weiterschlafen und musste das Stück sofort aufnehmen.» Auch den Rest des breiten Repertoires komponiert oder arrangiert die Chorleiterin selber. Ein Aufwand, der sich kaum in Stunden messen lasse.

«Andere Musikschaffende inspirieren mich sehr», erklärt Känzig mit einer beinahe singenden Stimme. «Als in den 1990er Jahren Gerüchte aufkamen, dass man Musik irgendwann von überall hören kann, konnte ich es kaum glauben und dachte: Das muss das Paradies sein.»

So stöbert Känzig oftmals durch Youtube oder Spotify: Ein Rhythmus hier, eine harmonische Wendung dort – einiges bleibe hängen. «Die heutige schier unbegrenzte Verfügbarkeit der Musik als Inspirationsquelle macht mich extrem dankbar», erzählt sie und fügt schmunzelnd hinzu: «Das Älterwerden hat auch Vorteile – die Ideen kommen mir immer schneller.»

Der Chor ist für mich einfach eine Herzenssache.

Eva Känzig

Leiterin des Chors Absatz und Gloria

Der grösste Antrieb ist aber klar: die Frauen von Absatz und Gloria. «Der Chor ist für mich einfach eine Herzenssache», erzählt Känzig. Neben dem Proben gehe es ihnen ums Miteinander. «Wir verstehen uns einfach wahnsinnig gut», führt sie weiter aus. «Mit diesen Frauen zusammenzuarbeiten, inspiriert mich immer wieder aufs Neue.»

Das nächste Chorkonzert von Absatz und Gloria lässt vermutlich noch eine Weile auf sich warten – für die Erarbeitung eines vollständigen Programms dauert es gut zwei bis drei Jahre. Bis dahin proben, singen und lachen die Frauen der Chorgruppe fleissig miteinander weiter.

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