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Gesellschaft

Ausgezeichnete Maturitätsarbeit

Schülerin vertanzt Gefühle einer Krebserkrankten

Jara Fahrni berührte mit ihrer Maturitätsarbeit die Herzen des Publikums – und konnte am 27. Januar das Rennen um den Unesco-Preis für sich entscheiden.

Dieser Schnappschuss zeigt einen Ausschnitt aus Fahrnis Stück «Tanzen, wo Worte fehlen».

Foto: Linja Rippmann

Schülerin vertanzt Gefühle einer Krebserkrankten

Ausgezeichnete Maturitätsarbeit

Jara Fahrni berührte mit ihrer Maturitätsarbeit die Herzen des Publikums – und konnte am 27. Januar das Rennen um den Unesco-Preis für sich entscheiden.

Die Scheinwerfer erhellen den schwarzen Aulaboden, je von links und rechts. Licht und Farbe, zwischendurch wird es hell, dann wieder dunkel. Acht Tänzerinnen stehen auf der Aula-Bühne der Kantonsschule Zürcher Oberland (KZO) und performen das Stück «Tanzen, wo Worte fehlen». Ihre Bewegungen: bewusst und dynamisch, statisch und orientiert.

Eine junge Frau mit blonden Haaren und goldenen Ohrringen steht im Zentrum der Gruppe. Ihr Name: Jara Fahrni. Sie ist der Kopf hinter dem Tanzprojekt und hat dieses im Rahmen ihrer Maturitätsarbeit verwirklicht.

Verzweiflung, Hilflosigkeit, Zuversicht, Dankbarkeit – die Emotionen, die sie vertanzt, sind nicht ihre eigenen. Nein, in ihrer Tanzaufführung geht es um die Krebserkrankung ihrer Tante. Ein Thema, das an diesem Novemberabend die Zuschauerinnen und Zuschauer bewegt.

Die Vorstellung dauert rund 20 Minuten und gliedert sich in mehrere Tanzszenen, in denen je eine Emotion durch Tanz dargestellt und für das Publikum erlebbar gemacht wird. Getrennt werden diese Gefühlsinszenierungen durch Audio-Beiträge über Fahrnis Tante, welche sich mit ihrem Umgang mit der Krankheit befassen.

Drei Tänzerinnen präsentieren sich dem Publikum dynamisch.
Jara Fahrni (Mitte) ist der Kopf hinter dem Tanzprojekt.

Für ihre Maturitätsarbeit erhielt die Pfäffikerin sogar den Unesco-Preis. Dieser wird von einer Jury der KZO – bestehend aus Lehrpersonen – verliehen. Mit ihrer Arbeit erfüllt Fahrni die Unesco-Nachhaltigkeitsziele zu Gesundheit und Wohlergehen, hochwertiger Bildung und weniger Ungleichheiten. Diese sozialen Aspekte ist die Grundvoraussetzung für das Erhalten der Auszeichnung.

Der Preis hat für die frisch ausgezeichnete Schülerin mehr als nur reine Strahlkraft auf dem Papier: «Er ist eine Anerkennung für meine Arbeit, eine Wertschätzung für die Identität meines Werks.»

Dass es einmal so weit kommen sollte, damit hatte Jara Fahrni nicht gerechnet. «Ich habe nur gewusst, ich will etwas mit Tanzen machen», lacht sie. Die weiteren Puzzlestücke seien dann während des Entstehungsprozesses, der sich über neun Monate erstreckte, hinzugekommen. So nahm das Projekt immer mehr seine heutige Form an.

Verzweiflung

Stille. Der Blick in die Ferne. Die eine Hand der Tänzerin greift an den Kopf, die andere ans Herz. Zerrissenheit.

Die Arbeit trägt den Titel «Tanzen, wo Worte fehlen» und besteht aus drei Teilen: Im schriftlichen Teil beleuchtet sie das Krankheitsbild Krebs und legt den Entstehungsprozess ihres Werks dar. Der künstlerische Teil umfasst die eigentliche Aufführung. Zusätzlich organisierte sie eine Spendenaktion für die Krebsliga.

Ich möchte nicht auf der Bühne stehen und etwas tanzen, das keine Aussage hat.

Jara Fahrni, KZO-Schülerin

Für Fahrni war es die erste Erfahrung mit einer vielschichtigen Choreografie. So musste sie erstmals mehrere Tänzerinnen gleichzeitig koordinieren und in ihre Ideenwelt einführen. Der Schülerin war es wichtig, dass ihr Werk Qualität und Tiefgang hat: «Ich möchte nicht auf der Bühne stehen und etwas tanzen, das keine Aussage hat.» Gerade bei so einem sensiblen Thema müsse man vorsichtig sein und sich gut überlegen, auf welche Art und Weise man es auf die Bühne bringen will.

Zu Beginn noch hatte sie das gesamte Projekt grösser gedacht. Mehr Tänzerinnen, mehr Szenen, mehr von allem. Kapazitätsengpässe bei den Übungsräumen schränkten schliesslich ein Projekt in grösserer Dimension ein. Auch passende Termine für die Übungslektionen mit den Tänzerinnen, welche separat von Fahrni instruiert wurden, zu finden, war nicht einfach.

Mit dem Ergebnis ist die Pfäffikerin nichtsdestotrotz zufrieden: «Weniger Tänzerinnen war in meinem Fall mehr.» Da sich weniger Personen auf der Bühne befanden, entstand auch Leerraum und somit mehr Platz für Emotionen, welche bei Jara Fahrnis Endprodukt eine zentrale Rolle spielten.

Hilflosigkeit

Schummriges Licht. Blick auf den Boden. Eine Hand presst den Kopf in Richtung Boden. Eine Tänzerin wird sinnbildlich durch ihre Gedanken erdrückt.

Die Emotionen, die Fahrni vermitteln wollte, verbindet sie unweigerlich mit der Geschichte ihrer Tante. Deren Schicksal habe sie passiv über Jahre hinweg begleitet, erzählt die junge Frau: «Sie erhielt einen Tag vor ihrem 30. Geburtstag die Diagnose Krebs. Da war meine Mutter gerade schwanger mit mir.»

Auch wenn Fahrnis Tante dank einer längeren Chemotherapie überlebt hat und seither krebsfrei geblieben ist, war es ihr wichtig, mit dem Projekt auf Krebserkrankungen aufmerksam zu machen: «Wenn es uns nicht betrifft, dann denken wir auch nicht daran.»

Sieben Tänzerinnen bewegen sich synchron in blau-rotem Licht.
Dynamik, Musik, Licht: Das alles gehört zur perfekten Vorstellung dazu.

Sie setzt dabei auf einen Dialog zwischen den Zeilen, geprägt durch Musik und tänzerische Dynamik. Fahrni findet im Tanz eine Sprache, wo ihr sonst die Worte fehlen: «Es bietet sich extrem gut an, so etwas Emotionales durch Tanz zu zeigen», findet die KZO-Schülerin, die seit ihrer Kindheit tanzt.

Die Leidensgeschichte ihrer Tante lebensnah zu erzählen, fand sie dabei nicht einfach: «Ich wollte, dass meine Arbeit ihrer Geschichte gerecht wird. Dieser Anspruch an mich selbst hat mich manchmal fast ein wenig blockiert.»

Ich finde es wichtig, dass wir lernen, mehr über dieses Thema zu reden. Auch als junge Menschen.

Jara Fahrni, KZO-Schülerin

Damit sie sich in den Kopf ihrer Tante versetzen konnte, hat die Schülerin noch mit drei weiteren Krebserkrankten Gespräche geführt. «Die Resilienz der erkrankten Leute, die ich treffen durfte, fand ich imposant.» Der Respekt für die Betroffenen ist in Fahrnis Augen förmlich ablesbar: «Die sind so stark.»

So nah an den Menschen zu sein, habe ihr geholfen, mehr Sensibilität und Verständnis zu entwickeln. Genau das wolle sie mit ihrer Arbeit auch bei anderen Menschen bewirken. Für die mit dem Unesco-Preis geehrte Schülerin sind Krebserkrankungen daher kein Tabuthema mehr: «Ich finde es wichtig, dass wir lernen, mehr über dieses Thema zu reden. Auch als junge Menschen.»

Zuversicht

Musik von Nelly Furtado. Blick nach oben. Feine, bewusste Bewegungen. Dann die bombastische Explosion, die Tänzerinnen breiten sich auf der ganzen Bühne aus.

Im Zentrum stehen bei Fahrnis Tanzvorführung nicht nur die bedrückenden Momente. Auch positive Gefühle wie Zuversicht oder Dankbarkeit hat sie bewusst integriert: «Die letzte Emotion meiner Aufführung musste Dankbarkeit sein. Weil auch wir dankbar sein können, selbst wenn wir keinen Krebs haben.»

Sie habe von ihrer Tante gelernt, um was es im Leben wirklich geht: ein erfülltes Leben. Die Krankheit hat sie nicht kleingekriegt, sondern stärker gemacht. Dies sei die Kernbotschaft – das Ein und Alles ihrer Arbeit.

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