Gesellschaft

Unterwegs in Dübendorf-West

Die entscheidende Frage: Kann hier Leben entstehen?

Der renommierte Stadtplaner und Architekt Jürg Sulzer macht im Dübendorfer Boom-Quartier Hochbord einige gelungene Beispiele aus – findet aber vor allem städteplanerische Missstände vor. Ein Spaziergang mit kritischem Blick.

Hier kann Leben entstehen.

Foto: Thomas Bacher

Die entscheidende Frage: Kann hier Leben entstehen?

Der renommierte Stadtplaner und Architekt Jürg Sulzer macht im Dübendorfer Boom-Quartier Hochbord einige gelungene Beispiele aus – findet aber vor allem städteplanerische Missstände vor. Ein Spaziergang mit kritischem Blick.

«Die Schweiz kann keine Städteplanung.» Das sagt Jürg Sulzer vor dem Spaziergang durch das Neubauquartier Hochbord im Westen Dübendorfs. Und das sagt er auch danach. Ein urbaner Lebensraum bedeutet für ihn nicht möglichst viele Hochhäuser auf engstem Raum und daneben Parks als Ausgleichsflächen.

Städtische Lebensqualität erreicht man seiner Meinung nach vielmehr durch eine kleinteilige, dichte Bebauung, die im Ensemble stimmig ist und sich gegen den Strassenraum nicht abschirmt. Dazu Läden und Dienstleister, Strassenalleen und ehrliche Grünflächen, die nicht die Natur draussen auf dem Land imitieren.

Jürg Sulzer hat auf Einladung des «Glattalers» dem Hochbord einen Besuch abgestattet. Auf einem Spaziergang erzählt er, was er vom Dübendorfer Boomquartier – auch Dübai genannt – hält.

Bahnhof Stettbach – nur für den ÖV geplant

Gebäude in einem Neubauquartier.

«Hier haben die Verkehrsbetriebe festgelegt, wie das aussehen soll, damit es mit den Radien für die Trassees passt», sagt Jürg Sulzer, während sein Blick über den Bahnhof Stettbach schweift. Alles sei auf den öffentlichen Verkehr ausgelegt. Stattdessen müsste das seiner Meinung nach ein Bahnhofsplatz sein, der «ein Gesicht» hat, wo man sich gerne aufhält. «Als Stadtplaner in Bern habe ich regelmässig Auseinandersetzungen mit den ÖV-Betreibern gehabt, weil wir Stadtplätze mit Aufenthaltsqualität vorgegeben haben, und nicht möglichst praktikable ÖV-Plätze.»

Zur Person

Jürg Sulzer (Jahrgang 1942) zählt zu den profiliertesten Stadtplanern der Schweiz, er gilt als Vordenker des behutsamen und qualitätsorientierten Städtebaus. Nach seinem Studium in Architektur und Städtebau in Berlin prägte er über zwei Jahrzehnte lang als Stadtplaner von Bern (1981–2004) die bauliche Entwicklung der Bundesstadt. 2004 folgte er dem Ruf an die Technische Universität Dresden, wo er bis zu seiner Emeritierung die Professur für Stadtentwicklung und Denkmalpflege innehatte. Er leitete zudem das Nationale Forschungsprogramm «Neue urbane Qualität» und veröffentlichte zahlreiche Fachpublikationen zur Stadt- und Raumplanung. Heute lebt Sulzer als Publizist und Berater in Zürich.

Überbauung Stettbach Mitte – ein kleiner Lichtblick zu Beginn

Eine Person erklärt etwas und nimmt dabei die Hände zu Hilfe.

Vom Bahnhof Stettbach führt der Weg für Passanten durch die Überbauung Stettbach Mitte, der Durchgang ist also quasi das Tor zum Quartier Hochbord. Sulzer sieht hier einen städtebaulichen Gestaltungswillen mit Restaurants, Läden, Dienstleistern, und darüber Büros, Arztpraxen, Wohnungen. «Das ist ein Stadtraum», sagt er.

Ternary-Überbauung – wohnt hier jemand?

Gebäude in einem Neubauquartier.

«Monoton» und «anonym», diese zwei Worte kommen mehrmals aus dem Mund Sulzers, während er der Ternary-Wohnüberbauung entlangläuft. Der dreiteilige Gebäudekomplex läutete vor zehn Jahren die Transformation des Hochbords vom Acker zur Wohngegend ein. «Zehn Jahre?», fragt Sulzer ungläubig. «Lebt hier überhaupt jemand? Auf vielen Balkonen gibt es kaum Pflanztöpfe oder Sitzgelegenheiten. Keine Qualität, das ist ein richtiges Elend.»

Die Ternary-Überbauung grenzt an den Jabee-Park. Dass an einem solchen Ort im Erdgeschoss Wohnungen sind, kann er nicht nachvollziehen. «Auch wenn sich Ladenflächen schwerer vermieten lassen: Hierher gehören zwingend Einkaufsmöglichkeiten und vor allem ein Restaurant oder ein Café.»

Sulzer ist ein Verfechter der sogenannten Zehn-Minuten-Stadt. Das ist ein städtebauliches Konzept, das darauf abzielt, alle wichtigen Einrichtungen des täglichen Lebens – wie Einkaufsmöglichkeiten, Schulen, Arztpraxen, Freizeitangebote und öffentliche Verkehrsmittel – innerhalb von maximal zehn Gehminuten vom eigenen Wohnort erreichbar zu machen.

Die Lebensqualität soll erhöht werden, indem Wege kürzer werden, die Nutzung des öffentlichen Raums gefördert wird und die Abhängigkeit vom Auto sinkt. Ziel ist eine kompakte, durchmischte und lebendige Nachbarschaft, in der Wohnen, Arbeiten und Freizeit sinnvoll miteinander verbunden sind.

Westhof – die Alternative

Gebäude in einem Neubauquartier.

Die Wohnüberbauung Westhof wurde von zwei Wohnbaugenossenschaften realisiert und verfügt über Einkaufsmöglichkeiten, Gemeinschaftsräume, einen grossen Dachgarten, eine Werkstatt. Jürg Sulzer zeigt sich vor allem vom grossen Innenhof begeistert, mit seinen Kiesflächen, Sitzgelegenheiten, dem Wasserspiel. «Der Hof hat die richtigen Proportionen, hier ist Leben möglich», sagt er anerkennend. Auch die wucherige Bepflanzung und die Pflanzkisten passen für ihn dazu. «Es braucht hier keine der Natur nachempfundene Pseudo-Begrünung mit geschwungenen Wegen, das ist Stadt, nicht Natur.»

Lycée, Strasse, Jabee-Park – endlich etwas Stimmiges

Gebäude in einem Neubauquartier.

Ein paar Meter weiter steht Jürg Sulzer vor dem Pausenplatz des Lycée Français, daneben der Jabee-Park, dazwischen eine – für den motorisierten Verkehr gesperrte – schmale Strasse. «Das ist hervorragend gelöst. Der Schulhof gibt Antwort auf den Park, und dann diese moderne Umsetzung der jahrhundertealten Tradition einer Pergola.» Auch die Strasse gefällt ihm: gerade, schnörkellos, und vor allem mit vielen Alleebäumen. «Dieses Ensemble hat Charakter, so bekommt Stadtraum ein Gesicht und ist identitätsstiftend.»

Und der Jabee Tower? «Kann man mal machen», sagt Sulzer mit wenig Begeisterung. «Er bietet keine Individualität, ist letztlich eine Aufbewahrung.» Er könne sich nicht vorstellen, dass jemand für den gleichen Mietpreis nicht viel lieber am Zürcher Idaplatz wohnen möchte.

Blockrandbau Sonnentalstrasse – nicht schön, aber fast vorbildlich

Gebäude in einem Neubauquartier.

«Ein sehr dichter Bau, das kann man an diesem Ort gut machen», sagt Jürg Sulzer, für den Blockrandbebauungen wie hier an der Sonnentalstrasse zu einem guten Städtebau gehören. Ein Durchgang zum grosszügigen Innenhof würde seiner Meinung nach dafür sorgen, dass das Gebäude nicht «hermetisch abgeriegelt» wirke – selbst dann, wenn der Durchgang mit einem Tor abgeschlossen werden könnte.

Mit Blick auf den Jabee Tower auf der benachbarten Parzelle sagt Sulzer: «Ein solcher Blockrand ist im Bau viel ökologischer als ein Hochhaus.» Und man sei flexibel, um auf Entwicklungen in der Bautechnik, der Wärmedämmung, der Energieversorgung wie auch sich ändernden gesellschaftlichen Werten reagieren zu können. «Einen Monolithen wie den Jabee Tower muss man dann einfach abreissen, weil Anpassungen nicht möglich sind», so Sulzer.

Überbauung Younic – hingeklatschtes Grün

Gebäude in einem Neubauquartier.

«Das ist kein Platz zum Spielen für Kinder», sagt Jürg Sulzer mit Blick auf den Innenhof der Überbauung Younic. Kurvige Wege, ein gedeckter Zugang zum Parkhaus, ein Spielplatz, und überall Erdhügel mit Bäumen. «Man musste hier Erde aufschichten, damit die Wurzeln der Bäume wenigstens ein bisschen Platz haben, denn die Einstellhalle befindet sich nur wenige Zentimeter unter dem Boden.»

Auf der anderen Seite der Siedlung, entlang der Sonnentalstrasse, wundert sich Sulzer über Erdgeschosswohnungen mit ihren Sitzplätzen. «Die sind ja fast im Soussol, wer will hier wohnen? Dabei hätte es hier genügend potenzielle Kunden für Ladengeschäfte.» Kopfschütteln verursacht die Bepflanzung. «Nur Büsche, kein einziger Baum», stellt Sulzer fest. «Dabei sind Bäume das Wichtigste, aber das haben immer noch nicht alle Planer verstanden.»

Nach zwei Dritteln des Spaziergangs durchs Hochbord zieht Jürg Sulzer eine Zwischenbilanz, die nicht sonderlich positiv ist. «Die meisten Orte hier zeigen exemplarisch, dass man in der Schweiz nur bis zur Parzellengrenze plant.» Für einzelne Bauprojekte gebe es im besten Fall einen Gestaltungsplan, so Sulzer. «Doch Städtebau bedeutet, Raum zwischen den Häusern zu bilden und Orte zu schaffen, wo man sich gerne aufhält.» Alles andere sei Siedlungsbau.

Die Lösung für das Problem? «Die öffentliche Hand kann einen Nutzungsplan festlegen und verbindliche Baulinien vorgeben», sagt Sulzer, der darüber hinaus den sogenannten «Bürgerstädtebau» propagiert. Das heisst: Grosse Parzellen werden aufgeteilt, damit sich auch Private wieder Eigentum leisten können. Dadurch, so Sulzer, werde innerhalb eines Ensembles mehr Kleinteiligkeit und Individualität möglich, was eine Identifikation mit dem Wohnort zur Folge habe.

Nicht alle Massnahmen seien auf dem Verordnungsweg umsetzbar, räumt Sulzer ein. «Man muss ja nicht gleich Grund und Boden verstaatlichen», sagt er. «Aber die öffentliche Hand kann sich mit den Grundeigentümern zusammensetzen, argumentieren und Überzeugungsarbeit leisten.»

Überbauung Cosmos – wenigstens ehrlich

Gebäude in einem Neubauquartier.

Als «städtebaulich recht gut gelungen» bezeichnet Sulzer die Überbauung Cosmos. Hier hat es wieder weniger «Pseudonatur» und mehr Beton, wenn auch nicht zu vergleichen mit dem Innenhof des Westhofs. «Das hier ist wenigstens ehrlich», sagt Sulzer und freut sich über die Ladenflächen im Erdgeschoss. Ein Wermutstropfen: «Die Balkone stehen sich gegenseitig in der Sonne.»

Three Point mit Park – Nadeln mit begrünter Ausgleichsfläche

Gebäude in einem Neubauquartier.

Auch von den drei Three-Point-Türmen ist Sulzer wenig begeistert. «Die Meinung, dass ein Gebiet mit vielen Hochhäusern automatisch urban ist, ist einfach falsch.» Zumindest zwischen den drei «Nadeln», wie Sulzer die Hochhäuser nennt, werde sich kaum jemand freiwillig aufhalten. Die Sitzmöglichkeiten und die Bepflanzung in grossen Kübeln änderten daran nicht viel.

Der Park selbst – es ist der grösste im ganzen Quartier – ist für ihn nicht viel mehr als eine begrünte Ausgleichsfläche, die man aufgrund der dichten Bauweise in die Höhe machen müsse. «Wenn die Bäume grösser sind, geht es vielleicht, aber es sind viel zu wenige.»

Für ihn lohnt sich ein Blick nach Frankreich. «Im 19. Jahrhundert wurden dort überall Parks mit einer Doppelallee am Rand gebaut, mit Bänkli, dazwischen Wiese. Gerade in Paris sieht man das überall.» Es gebe Stimmen, die solche Parks als altmodisch bezeichneten. «Aber sie funktionieren. Überall, wo es solche Grünflächen gibt, hat es viele Menschen, weil sie sich dort wohlfühlen.»

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