Projekt gedenkt der «Frühreifen» und «Uneinsichtigen» aus dem Oberland
«Zeichen der Erinnerung»
Mit Tafeln im öffentlichen Raum macht das Projekt «Zeichen der Erinnerung» auf die Opfer von «fürsorgerischen Zwangsmassnahmen» aufmerksam. Vier Schicksale von Betroffenen aus den Gemeinden Wald und Uster.
Aufgrund von Zuschreibungen wie «abnormal», «liederlich» oder «bildungsunfähig» wurden Zehntausende Personen gegen ihren Willen entmündigt, in Heime eingewiesen, zuweilen sterilisiert oder zur Adoption freigegeben.
Im 20. Jahrhundert waren die sogenannten fürsorgerischen Zwangsmassnahmen weit verbreitet. Praktiken, die erst vor rund 40 Jahren endgültig abgeschafft wurden.
Das im vergangenen November vom Kanton Zürich gestartete Pilotprojekt «Zeichen der Erinnerung» möchte auf dieses dunkle Kapitel in der Schweizer Geschichte aufmerksam machen. Dazu werden oder wurden bereits in fünf Zürcher Gemeinden, darunter auch in Uster und Wald, kleine violette Tafeln im öffentlichen Raum installiert.
Die Schilder in Form einer Kopfsilhouette verweisen entweder auf Menschen, die von den «fürsorgerischen Zwangsmassnahmen» betroffen waren, oder auf die Institutionen, die diese umgesetzt haben. Über einen QR-Code erfährt man mehr über die jeweilige Person oder Einrichtung.
Vier Beispiele aus den Archiven lassen die Erfahrungen von Oberländerinnen und Oberländern aus dieser Zeit lebendig werden.
Ein «Lotterleben» unter Aufsicht: Albert Spiess aus Wald
Albert Spiess wurde mit drei Jahren in ein Waisenhaus in Uznach SG gebracht, wo er bis zur 5. Klasse blieb. Danach lebte er zwei Jahre bei einem Landwirt in Fällanden, bevor er wieder zu seinen Eltern nach Wald zurückkehrte.
Da das Zusammenleben in der kinderreichen Familie schwierig war, entschieden die Behörden, ihn für drei Jahre ins Landerziehungsheim Albisbrunn in Hausen am Albis zu schicken.

Die Vormundschaftsakten beschrieben Albert Spiess als Jugendlichen mit einem «Lotterleben». Sein Vater galt als «Taugenichts», der Junge drohte ein «Nichtsnutz» zu werden: Er wechselte häufig die Arbeitsstelle und hatte keinen festen Wohnsitz.
Die Mutter wandte sich daraufhin an die Vormundschaftsbehörde. Albert ignorierte die Vorladung und ging stattdessen ins Kino. Die Polizei brachte ihn daraufhin ins Bezirksgefängnis Hinwil wegen seines «liederlichen Lebenswandels».
Vier Wochen sass er dort ohne Gerichtsurteil. Dann entschieden die Behörden, ihn für drei Jahre in ein Erziehungsheim zu geben, damit er unter «verständiger Aufsicht» Arbeitswillen und Ausdauer lernen könne. Nach dieser Zeit wurde der Walder entlassen. Über seine Kindheit und Jugend sprach er später nie.
Belohnung mit Folgen: Namenloser Junge aus Uster
Nach der Trennung eines Elternpaars zog die Mutter von drei Kindern nach Uster, wo der jüngste Sohn wegen «derartiger Verhältnisse» in die Obhut der Stadt Uster geriet und in Schlieren in einem Heim untergebracht wurde.
Da er sich gegen die dortige Unterbringung auflehnte, folgten mehrere Einweisungen in strikter geführte Anstalten. Doch er lief immer wieder weg, arbeitete «bald da, bald dort» und tauchte häufig unter.
Später begann er eine Ausbildung zum Schreiner. Während der Lehrzeit zeigte er plötzlich gute Leistungen und durfte als Belohnung in ein Skilager nach St. Moritz.
Auf der Rückfahrt vom Lager wurden ihm ein Paar neue Ski in die Hand gedrückt, die nicht seine waren. Er nahm sie «wortlos entgegen» und verkaufte sie später.
Für diese Straftat wurde der junge Mann in die Arbeitserziehungsanstalt Uitikon eingewiesen, zunächst für zwei Jahre, danach noch ein Jahr unter Aufsicht.
Von Institution zu Institution: Heinrich Bosshard aus Wald
Bei Heinrich Bosshard wurde im Alter von drei Jahren nach einer Erkrankung vom Arzt eine «anscheinend erworbene Idiotie» diagnostiziert. Von da an galt der Junge aus Wald als nicht mehr «normal» und musste seine Primarschulzeit in einer Spezialklasse absolvieren.
Dort wurde er als unruhig und störend wahrgenommen, woraufhin die Behörden entschieden, dass der zehnjährige Heinrich nicht länger in der Dorfschule bleiben könne.
Deshalb wurde er in die Anstalt für «schwachsinnige Kinder» in Uster eingewiesen, den heutigen Wagerenhof. Zwar zeigte er sich dort als «bildungsfähig», doch sein Verhalten galt als problematisch.

Zwei Jahre blieb Bosshard dort, danach durchlief er mehrere weitere Institutionen. Eine Rückkehr zur Familie war ausgeschlossen, weil sich diese mit der Erziehung ihrer zahlreichen Kinder überfordert fühlte.
Mit 20 Jahren wurde Heinrich Bosshard aufgrund von «Geistesschwäche» entmündigt. Als Ursache wurde nun nicht mehr seine Kinderkrankheit, sondern der Alkoholismus seines Vaters genannt.
Sein ganzes Leben verbrachte der gebürtige Walder in unterschiedlichen Einrichtungen, bevor er im Alter von 79 Jahren in der Anstalt Rheinau verstarb.
Als ein Blick genügte: Namenloses Mädchen aus Uster
In den 1950er Jahren lebte in Uster eine fünfköpfige Familie, bestehend aus Vater, Mutter und drei Töchtern. Nach dem Tod der Mutter verlor die Familie ihren Halt. Laut den Akten des Waisenamts legten die drei Töchter in der Folge ein «anstössiges Verhalten» an den Tag.
Auslöser für das Eingreifen der Behörden war eine Beobachtung am Bahnhof. Ein Pfarrer aus Uster meldete dem Waisenamt, er habe gesehen, wie sich eines der Mädchen Männern gegenüber auffällig verhalten habe. In seinem Schreiben forderte er ein rasches Handeln, bevor aus dem Kind ein «Hüerli» werde.
Das Waisenamt nahm daraufhin Ermittlungen auf und befragte die Nachbarschaft. In den Einvernahmen war von «respektlosem Verhalten», «auffälliger Kleidung» und «anstössigem Umgang mit Burschen» die Rede.
Schon extravagante Kleidung, der Umgang mit Männern oder der Besuch eines Zirkus oder Schützenfests galten damals als Warnsignale.
Die Konsequenzen waren einschneidend: Zwei der drei Mädchen wurden dem Vater entzogen und in Heimen untergebracht.
Wo befinden sich die Tafeln in Wald und Uster?
Die Plaketten wurden bisher weder in Wald noch in Uster angebracht. In Wald ist geplant, alle Tafeln am Gemeindehaus anzubringen. Derzeit wird noch abgeklärt, ob dies wegen des Denkmalschutzes möglich ist. In Uster sollen die Schilder bis Mitte März innerhalb des Gemeindegebiets angebracht werden.
Weitere Informationen zu den hier vorgestellten Personen, über zusätzliche Schicksale sowie zu Institutionen, die im Rahmen des Projekts «Zeichen der Erinnerung» vorgestellt werden, finden Sie unter zeichen-der-erinnerung-zuerich.ch. (tin)