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Gesellschaft

Schicksalsschlag mit Happy-End

«Bauernkalender 2026»: Der März ist mehr als nur ein schönes Gesicht

Alessia Bernasconi aus Bäretswil posiert als März-Frau im «Bauernkalender». Was niemand ahnt: Hinter ihrem Lächeln hat sie mit einer traumatischen Geschichte zu kämpfen.

Die Geschichte hinter Alessia Bernasconi und ihrer Stute Yara ist emotional. Sie hat aber ein glückliches Ende.

Foto: Mel Giese Pérez

«Bauernkalender 2026»: Der März ist mehr als nur ein schönes Gesicht

Alessia Bernasconi aus Bäretswil posiert als März-Frau im «Bauernkalender». Was niemand ahnt: Hinter ihrem Lächeln hat sie mit einer traumatischen Geschichte zu kämpfen.

Nieten an der Wildlederweste und ein Texas Longhorn auf der Gürtelschnalle: Alessia Bernasconi posiert im Country-Look für den März im «Bauernkalender 2026». Die 27-jährige Bäuerin aus Bäretswil ist zum ersten Mal Teil des Kalenders.

Es sollte zunächst ein Scherz sein, ihre Freundin hatte sie angemeldet. Doch als Bernasconi zum Casting eingeladen wurde, wollte sie dabei sein. Nervös war sie kaum, sie freute sich sogar. «Das macht man nicht alle Tage.» Mit ihrem Charisma schaffte sie es, für einen der zwölf Monate ausgewählt zu werden.

Eine Bäuerin posiert mit Dessous und Jupe.
Alessia Bernasconi ist die März-Frau des «Bauernkalenders 2026».

Bernasconi wurde geschminkt, frisiert und gestylt. «Es hat sehr viel Spass gemacht», sagt die Bäretswilerin. Was sie am «Bauernkalender» schätzt, ist die Authentizität der Models. «Man sieht uns zwar von einer ungewohnten Seite», erklärt sie. «Jedoch sehen wir so aus wie auf den Bildern.» Nichts sei gestrafft oder verjüngt oder gefiltert, ein Kontrast zu den Bildern in Hochglanzmagazinen oder sozialen Medien.

Vor allem mag sie den für sie ausgewählten Stil. «Country ist absolut mein Ding», sagt sie. Denn Alessia Bernasconi sitzt am liebsten auf ihrer Stute Yara. Mit ihr verbrachte sie im letzten Jahr jede freie Minute auf Wanderritten. Das wäre vor ein paar Jahren noch gar nicht möglich gewesen.

Ein traumatischer Tod

2017 hatte Alessia Bernasconi einen furchtbaren Unfall. Damals war sie mit dem Pferd ihrer Schwester auf einem Wanderritt unterwegs gewesen. Plötzlich warf der Hengst Bernasconi vom Sattel. Sie stiess sich den Kopf und war für einen Moment bewusstlos. Als sie wieder aufwachte, war das Tier weg. «Ich weiss bis heute nicht, weshalb es so reagiert hat.»

Passanten fanden die Bäretswilerin und redeten ihr ins Gewissen, sie solle sofort ins Spital. «Ich gehe nicht ohne mein Ross», antwortete Bernasconi. Vom Hengst fehlte jedoch weit und breit jede Spur. Also liess sie sich ins Spital bringen.

Nach einer Weile erreichte sie eine Nachricht: Das Pferd wurde gefunden. Es war 60 Meter die Schlucht hinuntergestürzt und hatte sich das Genick gebrochen. «Meine Schwester rief mich an und sagte, dass er tot sei», erinnert sich Bernasconi.

Der Unfall traumatisierte die Bäretswilerin so sehr, dass sie zwei Jahre lang nicht mehr auf ein Pferd steigen konnte. Nicht nur das Reiten machte ihr Angst, auch hatte sie schreckliche Albträume. «Manchmal wachte ich mitten in der Nacht panisch auf und weinte.» Schuldgefühle plagten sie immer wieder.

Nach dem Unfall besass die Familie Bernasconi nur noch ein Pferd und ein Pony. Nach einer Weile beschloss sie aber, ein weiteres Ross zu kaufen. Und eigentlich hatte Tochter Alessia immer von einem eigenen geträumt. Doch die Angst war noch zu gross. Trotzdem sollte das neue Pferd für die Tochter bestimmt sein. So war es Zeit, dass sich Alessia Bernasconi ihrem Trauma stellte.

Die ängstliche Stute

Eine Händlerin in Deutschland hatte zwei Pferde zum Verkauf. Eines wurde samt Foto inseriert, beim anderen gab es bloss eine Beschreibung. Die Bernasconis fuhren ins Nachbarland, um sich das Pferd auf dem Foto anzuschauen. Als sie dort ankamen, war das gewünschte Ross aber schon verkauft worden. Übrig blieb dasjenige ohne Foto: eine Cruzado-Stute.

Eine Frau steht mit ihrem Pferd auf einer Wiese.
Alessia Bernasconi und ihre Cruzado-Stute Yara.

Die Stute zeigte sich vom ersten Moment an sehr ängstlich. Schon eine Runde laufen überforderte das Tier.
Nichtsdestotrotz entschied sich Bernasconi für sie: Yara. «Meine Familie fragte besorgt nach, ob ich sicher sei», erzählt die Bäretswilerin. Immerhin kämpfte sie selbst nach ihrem Unfall auch mit der Angst.

Trotz diesen Schwierigkeiten hatte Alessia Bernasconi aber «ihr Ross» gefunden. Auch Yara hatte wahrscheinlich schon Schreckliches erlebt. Fünf Jahre lebte sie in Spanien und wechselte dabei sechsmal den Stall. Nach Deutschland kam die Stute, wenige Monate bevor Bernasconi sie erwarb. Sie wollte ihr ein gutes Zuhause geben und nahm sie mit nach Bäretswil.

Zu Beginn hatte es die Bäuerin jedoch nicht einfach. Wenn sie die Stute putzen wollte, biss diese zu oder schlug aus. Satteln war unmöglich, reiten erst recht. «Ich war teilweise völlig überfordert, ich selbst hatte ja auch noch Angst.» Trotzdem liess sie nicht locker.

Eineinhalb Jahre lang machte Bernasconi nur Bodenübungen mit ihrem Pferd, führte es beispielsweise spazieren. Danach holte Bernasconi Hilfe bei einer befreundeten Bereiterin – einer Fachfrau, die unter anderem Pferde an Sattel und Zaumzeug gewöhnt.

Bernasconi und Yara lernten einander schrittweise kennen und verloren gemeinsam ihre Ängste. Nach drei Monaten konnte Alessia Bernasconi auf ihrer Stute reiten. «In einem Jahr werde ich mit ihr nach Deutschland reiten», hatte sie ihrem Umfeld prophezeit. Dafür mussten die beiden aber erst üben.

Zurück im Sattel

Der erste Wanderritt führte die beiden ins Glarnerland. Bernasconi hatte sich kürzlich aus einer elfjährigen Beziehung getrennt und sehnte sich nach der Natur. «Mir wurde der Boden unter den Füssen weggerissen, deshalb musste ich raus.» So wagte sich die Bäretswilerin auf dem Sattel durch die Landschaft.

Anfänglich hatte sie noch Bedenken: Würde die Kondition ihres Pferds das aushalten? Oder was, wenn plötzlich wieder die Angst die Oberhand gewinnen würde? Doch die Sorgen erwiesen sich als unbegründet. Die Stute zeigte sich furchtlos, entspannt.

So wanderten Bernasconi und Yara teilweise tagelang durch die Schweiz. Sie streiften durch die Kantone Glarus, Schwyz, Luzern und Graubünden, bis Bernasconi eines Tages fand: «Jetzt sind wir bereit.»

Fotos von den Wanderritten.
Auf ihren Reisen hat Bernasconi einiges erlebt – mit ihrer Stute als treuer Begleiterin.

Die Bäretswilerin machte sich auf den grossen Ritt zu ihren Freundinnen nach Deutschland auf. Fünf Tage hatte sie für diese Reise geplant. Die täglich zu bestreitenden 50 Kilometer machten ihr zu schaffen, doch auch wenn die beiden müde waren, hielten sie durch. «Nach so vielen Stunden kann man irgendwann nicht mehr.» Manchmal machte sich die Reiterin Sorgen, ob sie ihrer Begleiterin zu viel zugemutet hatte. Doch Yara legte den Weg hinter sich, als hätte sie nie etwas anderes gemacht.

«Einmal fuhren wir mit der Fähre über den Bodensee», erzählt Bernasconi. «Der Kapitän hatte sich extrem gefreut, er hatte noch nie ein Ross an Bord gehabt.» Auch dort hat sich Yara weder ängstlich noch nervös gezeigt. Insgesamt waren die beiden auf 20 Wanderritten im letzten Jahr.

«Wenn ich das schaffe, schaffen es andere auch»

Alessia Bernasconi wirkt wie eine ruhige und zugleich starke Persönlichkeit. Auch die Stute im Stall scheint gelassen. Die gemeinsame Erfahrung hat die Bäuerin nicht nur nachhaltig geprägt, sondern regelrecht inspiriert.

Die Bäuerin ist nicht nur auf dem Pferdehof tätig, sondern arbeitet auch in der Pflege. Und nun will sie sich als Reittherapeutin ausbilden lassen. «Die Beziehung zu einem Tier ist etwas Besonderes und kann in vielen Bereichen helfen.»

Im Oktober wird sie ihren Abschluss feiern und will dann Menschen und Tiere zusammenbringen. «Wenn ich den Durchbruch mit meiner Yara geschafft habe, dann schaffen das andere auch», sagt Bernasconi überzeugt.

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