Dübendorf setzt sich mit Konzepten, Kalendern und Bänken gegen Suizidalität ein
Engagement für mentale Gesundheit
Die Stadt Dübendorf engagiert sich im Rahmen eines Pilotprojekts für die Prävention von Suiziden. Wieso sie bei den Verwaltungen und Schulen anfängt statt bei direkt Betroffenen.
«Es gab betreffend die Suizidprävention in Dübendorf grosses Verbesserungspotenzial», sagt Cristina Rampin, die Kinder- und Jugendbeauftragte der Stadt. Das ergab eine Situationsanalyse im Rahmen des Pilotprojekts «Suizidprävention in Gemeinden».
Dübendorf ist dank der Initiative von Rampin seit dem Sommer 2024 eine der fünf Gemeinden, die an diesem Projekt des Kantons teilnimmt. Während eineinhalb Jahren können die Gemeinden mit fachlicher und finanzieller Unterstützung des Kantons ein Massnahmenpaket zur Verbesserung der Suizidprävention auf Gemeindeebene umsetzen. So sollen die in der Analyse gefundenen Mängel behoben und Verwaltungen, Schulen, die Jugendarbeit und die Polizei für die Prävention von Suiziden sensibilisiert werden.
«Die psychische Belastung, vor allem von Jugendlichen, ist in den letzten Jahren extrem gestiegen», so Rampin, die das Projekt in der Stadt leitet. Das bekomme sie vor allem durch ihren direkten Kontakt mit Besuchern des Space 16.25, der Anlaufstelle von Dübendorf für Jugendliche und junge Erwachsene, mit.
Die Statistiken verzeichnen die Konsequenzen davon: Im Kanton sterben drei Menschen pro Woche durch Suizid, wie auf der Website des Projekts geschrieben steht. Das sind 160 im Jahr, und die Zahl der schlecht erfassbaren Suizidversuche liegt geschätzt zehnmal höher. Rampin sagt: «Unser Ziel ist es, dass die Suizidprävention im Alltag thematisiert wird.»
Bänkli für die mentale Gesundheit
Konkret hat die Stadt drei Handlungsfelder mit rund zwei Dutzend Massnahmen geplant. Die meisten davon sind schon umgesetzt, die letzten sollen bis Ostern 2026 folgen. Die für die Stadtbevölkerung wohl aktuellste und sichtbarste Massnahme sind die vier «Wie geht’s dir?»-Bänkli, die in Dübendorf aufgestellt wurden und am Samstag bei einem Rundgang offiziell eingeweiht werden.
Sie stammen von der gleichnamigen Kampagne der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz und sollen die Menschen dazu animieren, sich mit ihrer mentalen Gesundheit auseinanderzusetzen und mit anderen Personen über ihr Wohlbefinden zu sprechen.
«Es ist wichtig, dass wir uns Zeit füreinander nehmen und über unsere psychische Gesundheit sprechen», sagt Rampin. Auf den sozialen Medien veröffentlicht die Stadt regelmässig Beiträge zur Suizidprävention. Zudem stellt sie auf ihrer Website Informationen zu Anlaufstellen für Menschen in belastenden Situationen bereit.
Auch die Stadtverwaltung wurde berücksichtigt. «In den vergangenen Jahren kamen Suizide auch in der Stadtverwaltung vor», so Rampin. Also verteilt sie Monatskalender mit motivierenden Sprüchen, es werden im Intranet Posts zur mentalen Gesundheit veröffentlicht, Weiterbildungen für das Kader organisiert und weiterführende Informationen bereitgestellt. Weiter soll den Mitarbeitern der Stadtverwaltung einmal im Jahr für eine Woche eine «Wohlfühloase», also ein Rückzugsraum, zur Verfügung stehen.
«Ein Netz fängt mehr Menschen»
Im nächsten Massnahmenpaket wurden die Koordination und die Vernetzung angegangen. Schulen, Verwaltung und Polizei mussten unter anderem Krisenkonzepte erarbeiten, wie im Fall eines Suizids oder einer gefährdeten Person vorgegangen werden soll. Rampin erklärt: «Die meisten haben bereits ein Krisenkonzept, aber darin sind Suizidgedanken oft nicht inbegriffen.» Weiter wurden verantwortliche Personen definiert, die sich um die Thematik kümmern sollen. «Diese sogenannten Themenhüter sind Ansprechpersonen für betroffene Menschen, aber vor allem dienen sie der Unterstützung ihrer Kollegen, vernetzen sich mit Fachstellen und bilden sich zum Thema weiter.»
Auch zum Thema Koordination und Vernetzung gab es Handlungsbedarf. Deshalb organisierte Rampin im letzten Spätsommer einen Anlass, an dem Fachpersonen und die Themenhüter eingeladen waren. «Es geht mir darum, dass die Verantwortlichen durch Vernetzung Hemmschwellen abbauen und sich so besser abstimmen können», sagt Rampin. «Ein Netz fängt mehr Menschen auf.»
All diese verantwortlichen Personen wurden auch an Weiterbildungen eingeladen. «Dort lernten sie zum Beispiel, wie man erkennt, wenn es jemandem nicht gut geht, ab wann Suizidgedanken ernst zu nehmen sind oder wie man Personen auf ihre mentale Gesundheit anspricht», erklärt Rampin.
Es wird weitergemacht
Die Rückmeldungen der Schulen, der Verwaltung und der Polizei seien bis jetzt positiv gewesen. «Sie finden es gut, dass wir über das Thema sprechen», sagt sie. Reaktionen von allfälligen von Suizidgedanken betroffenen Personen habe sie noch keine erhalten. «Die meisten der Massnahmen richten sich nicht direkt an Betroffene», ist die Begründung.
Das werde sich in Zukunft wohl auch nicht ändern: «Eine direkte Wirkung zu erkennen, ist schwierig, denn die Suizidstatistik ist unser einziger Anhaltspunkt.» Zudem wandle sich ein gesellschaftliches Tabu nicht in wenigen Monaten. «Uns ist es wichtig, am Thema dranzubleiben. Wir werden die Massnahmen weiterhin durchsetzen, auch wenn das Pilotprojekt beendet ist. Nur so erreichen wir eine nachhaltige Veränderung.»