In Wermatswil wird aus dem Berg ein Garten
Der letzte Weinberg in Wermatswil wird in neue Zeiten überführt – der im Januar 2025 gegründete Verein Rebgarten pflanzt im April neue Rebstöcke, die pilzresistent sind und keine Pestizide brauchen.
«2028 ist die erste Weinlese geplant, ein Jahr später kann man den 2028er als ersten Wein von hier trinken», erklärt Marcel Winter. Er ist Präsident des Vereins Rebgarten Wermatswil. Noch braucht es reichlich Phantasie, sich vorzustellen, dass hier reife Trauben an den Rebstöcken hängen. Beim Besuch vor Ort Mitte Dezember hängt der Nebel tief, und an dem sonst sonnenverwöhnten Südhang hat der Tau die Erde in eine feuchte, braune Masse verwandelt.
Knapp 40 Jahre lang betrieb hier der Rebverein Wermatswil einen Weinberg mit rund 2000 Rebstöcken. Produziert wurden die Weissweinsorten Müller-Thurgau, Grüner Veltliner und die Rotweinsorte Pinot noir. In guten Jahren wurden bis zu 4000 Flaschen gekeltert. In diesem herkömmlichen Weinberg stieg in den vergangenen Jahren der Bedarf an chemischem Pflanzenschutz, um die zunehmenden Rebkrankheiten aufgrund des Klimawandels zu bändigen. Unter anderem war zunehmender Starkregen ein Problem.

Für den altershalber zurücktretenden Rebmeister Max Koller gab es keinen Nachfolger – schliesslich beschloss der Rebverein, den Betrieb des Rebbergs 2024 einzustellen. «Doch wir wollten den Rebberg – den letzten in Wermatswil – nicht einfach sterben lassen.
Das Gebiet hier heisst offiziell Wigarten und zeigt die Tradition des Weinbaus», erklärt Marcel Winter, der schliesslich zusammen mit Andrea Heiniger und Dieter Horlacher die Initiative ergriff, den Rebbau in Wermatswil an die aktuellen Verhältnisse und Bedürfnisse anzupassen. Im Januar 2025 wurde mit weiteren Interessierten der Nachfolgeverein Rebgarten Wermatswil gegründet, der rund 40 Mitglieder zählt und noch gerne Neumitglieder aufnimmt.
Der Name ist Programm. Der neue Verein betreibt keinen klassischen Weinbau mehr. Denn zukünftig wird nicht nur Weinbau betrieben, sondern es werden auch Obstbäume, Nussbäume, Sträucher und Magerwiesen bewirtschaftet. Es entsteht ein Ökosystem mit Mischkulturen. Im November haben Freiwillige des Vereins zahlreiche Sträucher gepflanzt. Die Stadt Uster stand beratend zur Seite und steuerte Pflanzen bei. Zudem ist eine weitere Biodiversitätsmassnahme im Bau: eine Trockensteinmauer, die später Reptilien Unterschlupf bietet.

«Der Rebberg ist neu nicht nur für Weinliebhaber, sondern auch für Obst- und Gartenfreunde interessant. So finden hier zahlreiche Interessen eine Heimat. Der Weinberg, der von Privatgrundbesitzern gepachtet wurde, wird so zum Gemeinschaftsprojekt für Wermatswil und Umgebung, wobei das Wissen um Mischkulturen und Biodiversität ganz praktisch vermittelt werden», erzählt Marcel Winter.
Selbstregulierendes Ökosystem
«Das symbiotische Zusammenspiel der unterschiedlichen Pflanzen, Pilze und Nützlinge erzeugt ein hochwertiges, selbst regulierendes Ökosystem, welches einerseits die Gesundheit der Pflanzen und des Bodens fördert, und anderseits den Krankheitsdruck im Rebgarten reduziert», heisst es dazu auf der Website des Vereins Rebgarten Wermatswil.

Im April werden zwischen 700 und 800 neue Rebstöcke eingesetzt – die alten hat man entfernt und zum Teil als Holzhaufen, die Unterschlupf für zahlreiche Tiere bieten, am Rand des Weinbergs aufgestapelt. In Zukunft werden drei Rotweinsorten (Prior, Satin Noir und Cal 1-28) und drei Weissweinsorten (Sauvignac, Souvignier Gris und Seyval Blanc) angebaut. Aus den jeweiligen Rot- und Weissweinsorten gibt es eine Assemblage – eine Mischung –, sodass am Schluss ein Rotwein und ein Weisswein hergestellt werden. «Wir sind da aber flexibel. Es kann auch mal Sekt oder Rosé oder vielleicht sogar alkoholfreier Wein produziert werden», so Winter. Die Trauben werden dann bei einer externen Kelterei verarbeitet.
Alter Rebberg ruhte jetzt ein Jahr
«Bei den Reben selbst setzen wir vollständig auf pilzwiderstandsfähige Sorten, sogenannte Piwi», erklärt Marcel Winter. Er ist als Ingenieur tätig und Co-Präsident des Vereins Swisscleantech, vereint klimabewusste Unternehmen und setzt sich für eine zukunftstaugliche Energie- und Klimapolitik ein. «Wir können so im Rebgarten ganz auf Pestizide und Herbizide verzichten.»
Seit einem Jahr konnte der alte Rebberg ruhen, wodurch sich die Erde nach 40 Jahren Produktion erholen konnte. Zudem unterstützt die angesäte Gründüngung die Lockerung des verdichteten Bodens und die Nährstoffaufnahme. Weiter sorgen die neu angelegten Biodiversitätsstreifen und später auch die Obst- und Nussbäume, die als Reihe zwischen die Rebstöcke gesetzt werden, für den Aufbau von wertvollem Humus und insgesamt für ein verbessertes Bodenklima.
«Die Pollen vom Haselnussstrauch dienen im Spätwinter als Aufbaunahrung der Raubmilbe, die sich später im Jahr wiederum von Schädlingen der Rebstöcke ernährt. Und wir sorgen hier für gute Bedingungen für Fledermäuse, die den Traubenwickler fressen, der die Blüten der Reben verspinnt und somit eine erfolgreiche Bestäubung verhindert. «Wir versuchen möglichst viele natürliche Kreisläufe zu schliessen, was gut ist für die Biodiversität und die Gesundheit unserer Kulturen», betont Marcel Winter.
Crowdfunding für den Rebgarten läuft noch bis zum 31. Januar
Noch bis zum 31. Januar sammelt der Verein Rebgarten Wermatswil über das Crowdfunding «Lokalhelden» der Raiffeisenbank Geld, für die Bepflanzung und Bearbeitung des erneuerten Weinbergs. Hier kann man sich beteiligen: www.lokalhelden.ch