Gesellschaft

Herbst ist Sammelzeit

«Wenn ich am Abend einschlafen will, sehe ich Pilze vor mir»

Während viele ihre Pilze im Einzelhandel kaufen, sammelt Andrea Brühlmann aus Dübendorf sie selbst. Sie nimmt uns mit auf Tour.

Andrea Brühlmann entdeckt beim Pilzsammeln auch mal grössere Exemplare.

Foto: Fiorella Koch

«Wenn ich am Abend einschlafen will, sehe ich Pilze vor mir»

Während viele ihre Pilze im Einzelhandel kaufen, sammelt Andrea Brühlmann aus Dübendorf sie selbst. Sie nimmt uns mit auf eine Tour.

Andrea Brühlmann macht das kalte Herbstwetter nichts aus. Mit verwegenem Filzhut, regenfester Kleidung und robusten Wanderschuhen macht sie sich an einem feuchten Morgen mit Nieselregen auf in den Pfaffhauser Wald, um Pilze zu suchen. Mit dabei hat sie einen mit Stoff ausgekleideten Weidenkorb, der jedem romantischen Picknick alle Ehre machen würde, und ein Pilzfachbuch.

Das Buch würde sie aber eigentlich gar nicht brauchen. Brühlmann geht Pilze sammeln, seit sie gehen kann. Früher mit ihrer Mutter, heute allein oder mit ihrem Mann.

Geheimniskrämerische Angelegenheit

Wo sie am meisten zum Sammeln hingeht, verrät sie nicht. «Unter Pilzsammlern gibt es grosse Konkurrenz.» Ihre Stammplätze kennen nicht mal ihre Freunde. «Höchstens die, bei denen ich sicher weiss, dass sie nicht selbst Pilze suchen», sagt Brühlmann und lacht.

Während des Gehens im Wald zeigt ihre Hutkrempe stets nach unten. «Ich kann gar nicht mehr spazieren, ohne nach Pilzen Ausschau zu halten.» Ohne für Aussenstehende erkennbaren Sinn biegt sie ab und zu plötzlich vom Weg ab, um durch das Unterholz zu stapfen. «Bestimmte Pilze kann man riechen», erklärt sie.

Mit ihrem prüfenden Blick entdeckt Brühlmann überall Pilze: kleine weisse, die auf morschem Holz wachsen, einsame braune auf Lichtungen, leuchtend gelbe, die aus dem Dickicht hervorblitzen. Sie pflückt aber die wenigsten davon: «Die meisten Pilze in unseren Wäldern kann man nicht essen, weil sie nicht zum Verzehr geeignet, zu jung, zu alt oder beschädigt sind.»

Nicht gesucht, trotzdem gefunden

Dafür findet sie aber oft auch Dinge, die keine Pilze sind: «Mein Balkon sieht durch die vielen Geweihe und Knochen mittlerweile aus wie ein Museum.» Manchmal würden ihr auch lebendige Tiere über den Weg laufen, wie Hasen, Füchse oder Rehe.

Andrea Brühlmann hält einen Frosch in den Händen.
Pilze sind nicht das Einzige, was Brühlmann entdeckt.

«Ich mag es sehr, in der Natur zu sein. Das Zusammenspiel aller Lebewesen fasziniert mich.» Deshalb geht die Augenoptikerin, Berufsfachschullehrerin und Dübendorfer GLP/GEU-Gemeinderätin so oft, wie sie Zeit hat, in den Wald. «Bei der Arbeit muss ich ständig darauf achten, was ich sage oder mache. Beim Pilzsammeln in der Natur habe ich meine Ruhe und kann ich selbst sein.»

Basiswissen für Anfänger

Der an der Oberfläche sichtbare Pilz ist tatsächlich nur ein kleiner Bruchteil des gesamten Organismus. Der erkennbare Körper ist die Frucht, die Sporen ausbildet, um sich fortzupflanzen. Darunter befindet sich ein weit verzweigtes Netz von Fäden, Myzelien genannt. Pilze werden weder zu den Pflanzen noch zu den Tieren gezählt.

Im Kanton Zürich ist das Pilzsammeln vom elften bis zum letzten Tag des Monats erlaubt. Die ersten zehn Tage im Monat sind eine Schonzeit zum Schutz der Pilze. Zudem gilt eine Sammelbeschränkung von einem Kilogramm pro Tag und Person.

Die meisten Sammler gehen im September und Oktober auf die Suche. Sammler sollten ihre Funde Pilzkontrolleuren zeigen, um Vergiftungen zu vermeiden. Solche gibt es zum Beispiel in Volketswil, Uster oder Illnau-Effretikon. Apps zur Pilzerkennung ersetzen keine Kontrolleure.

Hat sie wieder einen Pilz entdeckt, wird er inspiziert und identifiziert. Welche Farbe hat der Saft? Hat der Pilz Röhren oder Lamellen auf der Unterseite? Wie riecht er? Verfärbt er sich, wenn man ihn verletzt? Bei einem Pilz knipst Brühlmann sogar ein kleines Stück ab und legt es sich auf die Zunge. «Bei manchen Arten kann man durch den Geschmack den geniessbaren Pilz von seinem ungeniessbaren Doppelgänger unterscheiden», erklärt sie. Sogleich spuckt sie das Stück wieder aus. «Bäh», sagt sie. Diesen Pilz pflückt sie nicht.

Verfolgt von Pilzen

Weiter streift sie durch das nasse Dickicht, klettert vorsichtig über umgefallene Bäume und duckt sich unter tief hängenden Zweigen durch. Im Wald, fernab von den Wegen, ist es ruhig. Das nasse Moos dämpft fast alle Geräusche.

Andrea Brühlmann im Wald.
Andrea Brühlmann verbringt ihre Freizeit gerne in der Natur.

Brühlmann lässt ihren Blick aufmerksam über den Boden gleiten. «Nach Pilzen zu suchen, weckt in mir einen Jagdinstinkt», sagt sie. «Wenn ich einen ganzen Tag nach bestimmten Pilzen gesucht habe, sehe ich sie noch vor mir, wenn ich am Abend einschlafen will.»

Blick in den Korb mit Pilzen.
Gerade genug Exemplare, um ein Mittagessen daraus zu kochen.

Ist die Suche ertragreich, würden die Pilze zu Hause entweder gekocht, zum Beispiel als Suppe, in Lasagne oder auf Pizza, getrocknet oder in Essig oder Öl eingelegt. Heute ist im Weidenkorb eine bunte Mischung aus Maronenröhrling, Butterpilz, Edelreizker und Täubling. Brühlmann verkündet mit Vorfreude: «Die werde ich zu Hause zu einer Pilzrahmsauce verarbeiten und zu Mittag essen.»

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