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Recycling – aber richtig

Was passiert mit dem Plastik in der Region?

Viele Gemeinden bieten Lösungen, um Plastik zu entsorgen. So zum Beispiel auch Greifensee und Schlatt. Doch Kezo und Greenpeace sind skeptisch.

Gemeinden wie Schlatt und Greifensee bieten Recyclingsäcke für Plastikabfälle an. Doch deren Nutzen ist umstritten. (Symbolfoto)

Foto: Recypac

Was passiert mit dem Plastik in der Region?

Recycling – aber richtig

Viele Gemeinden bieten Lösungen, um Plastik zu entsorgen. So zum Beispiel auch Greifensee und Schlatt. Doch Kezo und Greenpeace sind skeptisch.

Wer sich etwas bewusster mit der Plastikentsorgung befasst, weiss: Leere Putzmittelflaschen kann man einfach beim Grossverteiler zurückgeben. Die Entsorgung von PET-Flaschen ist schon lange geregelt – Sammelstellen sind klar gekennzeichnet. Doch wohin mit Joghurtbechern, Plastiktuben, Folien oder beschichteten Tetrapacks?

Seit Januar 2025 bietet die Gemeinde Greifensee in Zusammenarbeit mit dem Verein Recypac ein Pilotprojekt für genau diese Abfälle an. Hinter Recypac stehen Detailhändler wie Migros und Coop sowie Hersteller wie Nestlé, Unilever und Emmi.

Man sieht Sammelsäcke fürs Plastikrecycling.
Einwohner von Greifensee können seit diesem Jahr den Recybag bei der Gemeinde beziehen. Er ist günstiger als ein Abfallsack.

Gesammelt wird ausschliesslich in speziellen Recybags, die auf der Gemeinde erhältlich sind. Zehn Säcke für 60 Liter Inhalt kosten 24 Franken – rund 10 Franken weniger als eine Rolle gleich grosser Kehrichtsäcke.

Landet da in Greifensee auch einmal anderer Müll im Recybag? Dem sei so, sagt Gemeindeschreiber Philippe Sturzenegger. Dies aber nicht, um bewusst Kosten zu sparen – sondern offenbar eher aus Unwissenheit. «Vor allem in den Anfangszeiten wurden immer mal wieder PET-Flaschen in den Recybag geworfen.» Mittlerweile komme dies aber immer seltener vor, die Bevölkerung werde regelmässig über die korrekte Entsorgung informiert.

Das passiert nach der Sammlung

Die gesammelten Kunststoffe werden anschliessend sortiert ins grenznahe Ausland gebracht, recycelbares Material kehrt als Regranulat in die Schweizer Kunststoffindustrie zurück.

Seit 2024 schreibt der Verband Schweizer Plastic Recycler vor, dass Sortierreste, die nicht wiederverwertet werden können, ebenfalls zurück in die Schweiz gebracht werden müssen. Vor Ort werden sie dann in der Zementindustrie thermisch verarbeitet – oder in einer Kehrichtverwertungsanlage verbrannt.

Mit dem Kunststoffrecycling soll durch die Reduktion von Abfall und die Schonung von Ressourcen ein wesentlicher Beitrag zum Umweltschutz geleistet werden. Doch geht das wirklich so einfach? Und wie schonend für die Umwelt ist dies wirklich?

Plastikrecycling ist in der Region kein Novum. Neu ist jedoch, dass seit dem 1. Juli alle vom Verband Schweizer Plastic Recycler zertifizierten Säcke – darunter Recypac – an über 1000 Sammelstellen schweizweit abgegeben werden können, unabhängig von Verkaufsort oder Anbieter.

Neben Recypac gibt es seit zwölf Jahren auch den Sammelsack der Firma Innorecycling AG. Er kann in Gemeinden wie Hinwil, Dürnten, Wald, Lindau, Bauma, Turbenthal und Schlatt entsorgt werden.

Schlatt als Vorreiter

Die 775 Einwohner zählende Gemeinde Schlatt sammelt schon seit 2018 Kunststoff – initiiert von der damaligen Gemeinderätin Jacqueline Beugger. Die Begründung klingt ähnlich wie in Greifensee: «Es wurde erkannt, dass durch das Sammeln von Kunststoff ein wichtiger Beitrag an Ökologie und Nachhaltigkeit geleistet werden kann», sagt Gemeindeschreiber Peter Leemann. Entsorgt wird direkt beim Werkhof, die Abholung übernimmt die Innorecycling. Für die Gemeinde entstehen keine Zusatzkosten.

Die Preise beim Sammelsack variieren je nach logistischem Aufwand von Region zu Region: In Schlatt kostet ein 60-Liter-Sack Fr. 2.20, ein gleich grosser Kehrichtsack hingegen 4 Franken.

Zwischen 2022 und 2024 kamen in der Gemeinde jährlich über vier Tonnen Haushaltskunststoff zusammen – insgesamt rund 35 Tonnen CO₂-Emissionen konnten so laut der Innorecycling eingespart werden.

Das entspricht einer Autofahrt von mehr als 270’000 Kilometern. «Diese beachtliche Menge zeigt, dass sich auch das Sammeln der vermeintlich kleinen Haushaltsanteile lohnt», schreibt die Innorecycling AG in einer Mitteilung auf der Gemeindewebsite.

2024 sammelte das Recyclingunternehmen schweizweit sogar mehr als 9000 Tonnen Joghurtbecher, Tetrapacks und andere Abfälle.

Wiederverwertung problematisch

2023 konnten laut dem Verband Schweizer Plastic Recycler insgesamt 10’200 Tonnen Kunststoffabfälle eingesammelt werden. Doch das Recycling hat einen Haken – denn nicht alle gesammelten Abfälle können auch verwertet werden. Schwer recyclebar sind beispielsweise oft Einwegprodukte wie Strohhalme, Besteck oder Lebensmittelverpackungen, da diese meist aus minderwertigen Kunststoffen hergestellt wurden und aus mehreren Materialien bestehen.

Zwar konnte der Anteil der recycelbaren Kunststoffabfälle im Jahr 2023 von 53 auf 54,6 Prozent gesteigert werden. Der Verband verfolgt zudem das Ziel, die Verwertbarkeit weiter zu verbessern: von minimal 55 Prozent ab 2025, 60 Prozent ab 2028 und 65 Prozent ab 2030. Dennoch würde Restmaterial bestehen bleiben, das nicht recyclet werden kann.

Daniel Böni, Geschäftsführer der Kehrichtverwertung Zürcher Oberland (Kezo), ist bei diesen Zahlen skeptisch. Er spricht sogar von 50 bis 80 Prozent, die nicht recycelt werden können. Dieser grosse Teil der gesammelten Kunststoffabfälle muss deshalb auf möglichst kostengünstige Weise entsorgt werden. «Das belastet in vielen Fällen die Umwelt stark», sagt Böni.

Noch keine klaren Regeln

Beim Plastikrecycling gibt es im Gegensatz zum Abfallwesen kaum gesetzliche Vorgaben. Die Abfallentsorgung hingegen ist stark reglementiert. Dies betrifft nicht nur die Gebühren für die Entsorgung. Auch in welcher Kehrichtverwertungsanlage eine Gemeinde ihren Abfall verbrennen lassen muss, schreibt der Regierungsrat vor.

Während Gemeinden wie Greifensee oder Schlatt die Plastiktrennung fördern, bleibt die Kezo skeptisch. Die meisten Gemeinden in der Region entsorgen ihren Abfall inklusive Tetrapacks und Zahnpastatuben bei der Kehrichtverbrennungsanlage in Hinwil. Diese ist ein Zweckverband, dem insgesamt 38 Gemeinden angehören.

Man sieht eine Drohnenaufnahme einer Kehrichtverwertungsanlage.
Die Kezo in Hinwil hat keine Angst, dass Plastikrecycling zur wirtschaftlichen Bedrohung wird.

«Die Plastikseparatsammlung und die anschliessende Aufbereitung werden grösstenteils von privaten Unternehmen durchgeführt, bei denen die Gewinnoptimierung im Vordergrund steht», erklärt der Kezo-Geschäftsführer.

Er hinterfragt auch den ökonomischen Nutzen: «Der Aufwand, der für die separate Sammlung betrieben wird, steht in keinem Verhältnis zum ökologischen Effekt.»

Bei der Kezo wird der Haushaltsabfall thermisch verwertet – also verbrannt. Dabei entstehen nicht nur Energie und Fernwärme, sondern auch verwertbare Schlacke. «Metalle, die in Verbundstoffen wie Tetrapacks oder Joghurtdeckeln enthalten sind, können aus der Schlacke zurückgewonnen werden», sagt Böni. Deshalb sei es aus Sicht der Kezo sinnvoller, solche Materialien direkt in den normalen Kehricht zu geben.

Ein Tropfen auf den heissen Stein

Muss sich die Kezo Sorgen machen, dass ihr bei einem breiten Umstieg auf Plastikrecycling die Brennmasse ausgeht? Kaum.

Ein flächendeckendes Plastikrecycling würde nur wenig Brennmasse entziehen: Selbst bei intensiver Sammlung wie im Thurgau wären es im Kezo-Gebiet nur rund 1000 Tonnen von jährlich 185’000 Tonnen Abfall.

Die grünste Variante: weniger Plastik

Auch Greenpeace hält den Effekt für gering: Wer ein Jahr lang 70 Prozent seines Plastikabfalls separat sammelt, spart gemäss dem grünen Verein so viel CO₂ wie beim Verzicht auf ein einziges Rindsentrecôte. Die wirkungsvollste Massnahme sei die konsequente Reduktion von Plastik.

Dem stimmt auch die Kezo zu: «Kunststoffe sollen nur dort eingesetzt werden, wo sie wirklich sinnvoll sind – zum Beispiel bei der Konservierung von Lebensmitteln oder zur Gewichtsreduktion im Transport», sagt Kezo-Geschäftsführer Böni. Separat gesammelt werden sollte nur sortenreiner und sauberer Kunststoff, wie etwa PET-Flaschen. «Plastikgemische oder verschmutzter Kunststoff gehören in die Kehrichtverbrennung.»

Für Greifensee sei diese Art der Plastiktrennung dennoch ein voller Erfolg. Das Angebot werde gut genutzt, sagt Gemeindeschreiber Philippe Sturzenegger. «In den ersten vier Monaten wurden bereits 630 Kilogramm Plastik gesammelt.»

Ende dieses Jahrs wird Greifensee ein Fazit ziehen und entscheiden, ob die Sammlung mit Recypac weitergeführt wird.

Korrigendum

In einer ersten Fassung stand hier, dass im Jahr 2024 das Recyclingunternehmen Innorecycling schweizweit 158 Tonnen Joghurtbecher, Tetrapacks und andere Abfälle sammelte. Diese Zahl ist nicht korrekt. Richtig ist dies: Schweizweit sammelte Innorecycling im Jahr 2024 mehr als 9000 Tonnen Plastik. Weiter schrieben wir, dass damit 12 Tonnen CO₂-Emissionen in der Gemeinde laut der Innorecycling eingespart werden konnten, was einer Autofahrt von 93’000 Kilometer entspricht. Richtig ist, dass im Zeitraum zwischen 2022 und 2024 in der Gemeinde Schlatt rund 35 Tonnen CO₂-Emissionen eingespart werden konnten, was einer Autofahrt von mehr als 270’000 Kilometer entspricht.

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