Gefahr am Wasser: Eltern vernachlässigen Aufsichtspflicht
Blick aufs Handy statt aufs Kind
In vielen Badis in der Region muss das Badmeisterpersonal vermehrt Eltern darauf hinweisen, dass sie ihre Kinder im Auge behalten müssen. Doch auch Lehrpersonen sind dabei keine Ausnahme.
Die Kinder planschen im Wasser, die Eltern sitzen am Bassinrand: ein Bild, das an heissen Sommertagen in allen Freibädern zu sehen ist. Doch diese vermeintlich harmonische Situation kann schnell gefährlich werden. «Manche Eltern lassen sich gerne durch Handys und Gespräche von ihren Aufsichtspflichten ablenken», sagt Franziska Gross, stellvertretende Gemeindeschreiberin der Gemeinde Pfäffikon, die das Strandbad Baumen betreibt.
Der See wirke zudem sehr anziehend für viele Kinder, und Eltern würden diesen Reiz unterschätzen. «Im Strandbad weisen wir Eltern konsequent auf ihre Aufsichtspflicht hin, wenn wir unbeaufsichtigte Kinder antreffen.»

Insbesondere die Ablenkung durch Handys erlebt man ebenfalls in Wetzikon. «Die Problematik in Bezug auf die Aufsicht der Eltern über ihre Kinder nimmt tendenziell zu», sagt Luzia Zollinger, Fachfrau Kommunikation bei der Stadt.
In der Badi Meierwiesen sowie dem Strandbad Auslikon, die von der Stadt Wetzikon betrieben werden, gilt – wie bei den meisten Freibädern – die Regel, dass Kinder unter zehn Jahren nur in Begleitung einer erwachsenen Person eingelassen werden. «Wenn sich kleine Kinder offensichtlich allein in den Schwimmbecken oder im See aufhalten, fragen die Badmeister jeweils nach der Begleitperson», sagt Zollinger. Wenn sich diese nicht in Sichtnähe befindet, suchen die Badmeister sie gemeinsam mit dem Kind auf und weisen sie auf ihre Aufsichtspflicht hin.
«Durch dieses direkte Ansprechen konnte die Problematik bisher jeweils reibungslos gelöst werden», sagt Zollinger. Die Wetziker Badmeister wünschten sich aber eine verstärkte Sensibilisierung.
Hinweis auf Baderegel Nummer eins
Die Ende Juni veröffentlichte Statistik der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG) zeigt im Jahr 2024 mit insgesamt 52 tödlichen Ertrinkungsunfällen einen leichten Rückgang gegenüber dem Vorjahr. Dieser wird teils damit erklärt, dass aufgrund des schlechten Wetters und der Pegelstände zu Beginn der Badesaison im letzten Jahr weniger Menschen im oder auf dem Wasser unterwegs waren.
Ein Jahr zuvor standen hingegen die Kinder und jungen Erwachsenen im Fokus. Seit 2007 wurden nie mehr so viele Kinder im Alter bis 16 Jahre Opfer von tödlichen Ertrinkungsunfällen wie im Jahr 2023. In vier der insgesamt sieben Fälle waren die Kinder unter zehn Jahre alt. Ein einjähriges Kind ertrank im heimischen Garten in einem Wassereimer, zwei ertranken im Freibad, drei in einem See und ein Kind im Fluss.
Vor diesem Hintergrund verstärkte die SLRG ihre präventiven Bestrebungen im vergangenen Jahr im Bereich der Kinder und verwies mit Nachdruck auf die Baderegel Nummer eins: «Kinder nur begleitet ans Wasser lassen – kleine Kinder in Griffnähe beaufsichtigen!» Zudem wurden in Kinder- sowie Familienmagazinen entsprechende Beiträge publiziert.

Auch im Sportzentrum Eselriet in Illnau-Effretikon hängen seit letztem Sommer grössere Plakate im Schwimmbadbereich. Auf denen wird an die Eltern, Erziehungsberechtigten oder Begleitpersonen appelliert, der Aufsicht und Betreuung ihrer Kinder die nötige Aufmerksamkeit zu schenken.
«Oft herrscht die Meinung vor, diese Pflicht sei an die Badaufsicht delegierbar – was entschieden nicht so ist», sagt der stellvertretende Stadtschreiber Marco Steiner. «Generell ist leider festzustellen, dass die gegenseitige Rücksichtnahme etwas abhandenzukommen scheint.» Dies äussere sich im Verhalten einzelner Gäste gegenüber Badmitarbeitenden, aber auch gegenüber anderen Besucherinnen und Besuchern.
Ein Ausweis für mehr Sicherheit
Während man von deutschen Bädern immer wieder hört, dass gar Hausverbote gegen uneinsichtige Eltern ausgesprochen werden, scheint die Situation hierzulande nicht ganz so schlimm zu sein. Victor Wunderlin, Betriebsleiter der Badi Neuguet in Turbenthal, sagt sogar, er könne keinen gesteigerten Trend von nachlässigen Eltern feststellen.
«Persönlich denke ich, das fällt heutzutage mehr auf, da man früher keine strengen Regeln gehabt oder durchgesetzt hat», sagt er. Aktuell würden Eltern in Schulen und Vereinen darauf aufmerksam gemacht, dass sie immer für ihre Kinder verantwortlich seien und eine Vernachlässigung ihrer Pflichten hart bestraft werden könne. «Dieses gesteigerte Bewusstsein der Gefahren und Pflichten könnte zu einer gesteigerten Wahrnehmung davon führen, dass diese oft vernachlässigt werden.»
Zwar beobachte er auch, dass Eltern oftmals am Handy oder schlicht auf dem Badetuch am Schlafen seien, während die Kinder sich im Wasser vergnügten. «Die Schulen sind aber viel schlimmer, da die Aufsichtspersonen dies wie einen freien Tag in der Badi sehen, ohne dass sie sich um etwas kümmern müssen.»
Er biete darum in den Sommerferien vier Termine an, wo Kinder den Wassersicherheitscheck absolvieren könnten. In den meisten Schweizer Schulen wird dieser im Schwimmunterricht durchgeführt, damit die Kinder bis zum neunten Lebensjahr eine Grundsicherheit im Wasser haben.
Haben sie diesen Check bestanden, dürfen sie mit dem entsprechenden Ausweis in Turbenthal bereits im Alter von acht Jahren ohne Aufsicht ins Bad. «Somit haben wir als Badpersonal eine zusätzliche Sicherheit, auch wenn Eltern oder Aufsichtspersonen ihren Pflichten nicht zur Genüge nachkommen», sagt Wunderlin.