«20 Sekunden später, und ich hätte nicht überlebt»
40. Jahrestag der Hallenbadkatastrophe von Uster
Am 9. Mai 1985 stürzt im Hallenbad Uster die Betondecke ein, zwölf Menschen sterben. Zum 40. Jahrestag erinnern sich ein Überlebender und ein Retter an den schicksalhaften Tag.
Es ist ein Donnerstagabend im Mai mit leichtem Regen. Im Hallenbad Uster befinden sich noch einige Gäste. Die Juniorinnen und Junioren des Schwimmclubs ziehen ihre Bahnen. Ein scheinbar ganz normaler Abend – bis sich plötzlich die Decke löst. Sie senkt sich auf das Bassin hinunter und begräbt die Schwimmenden unter sich.
«Wir haben Intervalltrainings gemacht und etwas gehört, das reisst», erinnert sich Thomas Hildebrand. Es sind die Stahlstäbe, an denen die Decke aufgehängt ist. Sie reissen einer nach dem anderen – bis die Decke als Ganzes herunterstürzt.
«Ich habe am Beckenrand gerade Pause gemacht – und dann meinen Trainer gesehen. Er hatte einen Gesichtsausdruck, an dem man sofort erkannte: Es geht um Leben und Tod.»
Der Trainer ruft seinen Schützlingen zu, sie sollten abtauchen. Viele tun instinktiv, was er ihnen sagt. Thomas Hildebrand hievt sich dagegen aus dem Wasser, flüchtet unter eine Art Balkon – und findet sich in einer anderen Welt wieder.
Totenstill sei alles gewesen, staubig, ein anderer Ort, niemand da, so der damals 18-Jährige. Er habe sich Richtung Wasser durchgetastet: «Aber da war kein Wasser mehr, nur noch Geröll.»

Der Juniorenschwimmer handelt. Holt eine Tauchflasche, die noch etwas Pressluft enthält, aus dem Bademeisterhäuschen und beginnt, nach den Kolleginnen und Kollegen zu tauchen.
Beim Ein-Meter-Sprungturm und bei den Sprungböcken gibt es Stellen, an denen die schwere Betondecke nicht auf dem Wasser liegt. Dort schaffen es auch einige, die abgetaucht sind, aus eigener Kraft hinaus.
Thomas Hildebrand kann zwei seiner Freunde bergen. Erst später erfährt er, dass sie da schon tot waren.
Zufälle entscheiden über Leben und Tod
Zu den Einsatzkräften vor Ort gehört der heute über 80-jährige Walter Rufer. «Einige unserer Leute sagten, sie gingen da nicht runter», erinnert sich der ehemalige Ustermer Stadtpolizist und Seeretter.
Weil sein Kollege aufgeben muss, ist er am Schluss noch der Einzige, der sich ins dunkle Wasser traut. «Er weinte und sagte, er könne nicht mehr herunter», erinnert er sich.
Rufer steht unter unvorstellbarem Stress. Er weiss nie, wann er einen Körper findet und ob er selbst überhaupt sicher ist.
«Bei den letzten Opfern ist es psychisch schlimm gewesen, weil der Zivilschutz oben angefangen hat, die Deckentrümmer mit einem Kompressor zu zerlegen.» Um so vielleicht noch Überlebende zu finden. Die Arbeiten dauern die ganze Nacht.
Am Morgen danach die traurige Gewissheit: Von den 30 Menschen, die zum Unglückszeitpunkt im Wasser waren, sind zwölf gestorben; sieben Jugendliche und fünf Erwachsene, unter ihnen eine Mutter mit zwei Kindern.

Wenn man Menschen in Uster heute auf das Unglück anspricht, kennen fast alle jemanden, der oder die gestorben oder davongekommen ist. So auch die Schwimmlehrerin Claudia Bosli-Töndury: «Meine Nachbarin ging immer mit einer Freundin schwimmen. An diesem Donnerstag war sie krank. Ihre Freundin ging allein und kam ums Leben.»
Zum 40. Jahrestag des Unglücks veranstaltet die Stadt Uster einen nicht öffentlichen Gedenkanlass, um gemeinsam mit Betroffenen, Angehörigen, Einsatzkräften und Behörden an die Tragödie zu erinnern. Gemäss Jennifer Post, der Co-Leiterin der städtischen Sportförderung, soll damit der Zusammenhalt der Gemeinschaft gewürdigt und den Helfenden von damals gedankt werden. Die Veranstaltung, die Reden und Gespräche mit Zeitzeugen umfasst, wird von Stadtpräsidentin Barbara Thalmann (SP) geleitet. (mmu)
Es sind Entscheide und Zufälle, die von einem Moment auf den anderen alles verändern. Auch Rettungstaucher Walter Rufer erinnert sich an einen berührenden Fall: «Ein Vater ist mit dem Sohn zur Toilette gegangen. Währenddessen kam die Decke. Seine Frau und die anderen Kinder waren im Wasser.»
Warum sie? Warum nicht er, warum gerade diese Familie? Auf diese Fragen wird es nie eine Antwort geben.
Wohl aber weiss man heute, warum die 200 Tonnen schwere Betondecke eingestürzt ist.
Fataler Entscheid bei Auswahl des Baumaterials
Die Ermittlungen zeigen, dass beim Bau dieses Hallenbads Anfang der 1970er Jahre Neuland betreten wurde. Die Konstruktion – eine zusätzliche Decke wird unter ein Flachdach gehängt – ist in Mode und hilft auch, wenn es in einem Raum unangenehm laut wird.
Nur sind solche Decken meist aus leichterem Material wie Gips oder Holz. Und nicht aus Beton.
Diese konkrete Konstruktionsmethode wird erstmals ausgewählt. Und auch die Art, wie die Decke befestigt wird, ist speziell: mit Bügeln aus Stahl. 207 Stück. Leicht gebogen, etwa so dick wie ein Finger.

An der Decke hängt mehr Gewicht als geplant. Sie ist dicker gegossen und aus akustischen Gründen auch noch mit Holz verkleidet worden. «Doch sie hätte eigentlich auch noch mit diesem Zusatzgewicht halten müssen», sagt heute Ulrik Hans, Experte bei der Empa in Dübendorf.
Die Untersuchung zum Unglück führt damals das Forschungsinstitut für Materialwissenschaften und Technologie. Es findet heraus, dass die Ursache im Material der Bügel liegt.
Der Architekt und der Ingenieur hatten einen Chromnickelstahl gewählt, einen vermeintlich rostfreien Stahl. Dass dieser dennoch anfällig ist für eine bestimmte Art von Korrosion, war den Verantwortlichen nicht bekannt. Die Baubranche wusste zu dieser Zeit noch kaum etwas darüber. Hinzu kommt, dass man es diesem Stahl nicht so gut ansieht, wenn er rostet.
Es entstehen dabei nur feine Risse, die immer tiefer eindringen. Verschärft wird das Problem dadurch, dass diese Bügel auch noch unter Zug stehen – im Fachjargon spricht man von sogenannter Spannungsrisskorrosion.
Zu dieser kommt es wegen des Klimas im Hallenbad. Durch die Zwischendecke strömt chlorhaltige und feuchte Luft. Die Bügel sind dieser Luft ständig ausgesetzt.
Nach Warnsignalen untätig geblieben
Für das Unglück in Uster werden später drei Fachleute zu bedingten Gefängnisstrafen verurteilt. Aber nicht wegen des Baus, sondern, weil sie die Warnsignale nicht ernst genommen hatten.

Ein Jahr vor dem Deckeneinsturz hatte nämlich ein Handwerker einen gerissenen Aufhängebügel entdeckt. Der Architekt und das zuständige Ingenieurbüro kontrollierten die weiteren Bügel und bemerkten auf einigen von ihnen kleine braune Flecken.
Dass es Rost sein könnte, schlossen sie aber bald aus. Sie liessen den kaputten Bügel schweissen und meldeten der Stadt Uster, dass alles in Ordnung sei. Hätten sie hier anders gehandelt, hätte die Katastrophe womöglich verhindert werden können.
Jene Katastrophe, bei der Juniorenschwimmer Thomas Hildebrand grosses Glück hat. «20 Sekunden später, und ich hätte nicht überlebt», sagt er – und spricht im Rückblick von 40 geschenkten Jahren.
Am Tag nach dem Unglück geht er zurück ins Hallenbad, um seine Schwimmtasche zu holen. «Dort drin habe ich einen Zettel gefunden, auf dem ich meine Schwimmzeiten der letzten Wettkämpfe aufgeschrieben hatte.» Diesen Zettel trägt er noch bis heute in seinem Portemonnaie – «als Glücksbringer».
Das Hallenbadunglück von Uster hat die ganze Schweiz erschüttert. Auch 40 Jahre später ist es vielen Menschen in der Region noch präsent. Doch wie hat es die Direktbeteiligten geprägt? Wie konnte es passieren? Und was hat man daraus gelernt? Diesen Fragen ist die Autorin dieses Texts im Rahmen des Podcast-Formats «Geschichte» von SRF Wissen in einem zweiteiligen Audio-Beitrag nachgegangen.
