Weisslingen ist dem lokalen Strom einen Schritt näher
Nachhaltiges Pionierprojekt
Weisslingen will auf dem Gemeindegebiet Strom produzieren und auch verwerten. Nun hat das Projekt «Energiepark» eine weitere Hürde genommen.
Ein Kabel in die Steckdose, das Handy lädt. Ein Dreh am Hahn, das warme Wasser strömt. Den Finger auf den Knopf, der Kaffee läuft. Strom begleitet uns den ganzen Tag, bei fast all unseren täglichen Annehmlichkeiten.
In Weisslingen soll dafür ab nächstem Jahr vor allem lokal produzierter Strom verwendet werden, weshalb das Projekt «Energiepark Wislig» ins Leben gerufen wurde. Mit der Gründung der Genossenschaft Energiegemeinschaft Weisslingen hat das Projekt einen wichtigen Meilenstein erreicht.
Gut 100 Personen nahmen an der Gründungsversammlung am Donnerstag teil, über 70 holten ihre Gründungszertifikate ab. Sie sind nun Genossenschafterinnen und Genossenschafter und beteiligen sich auf unterschiedliche Weise am Projekt: durch die Bereitstellung von Dachflächen für die Installation von Solaranlagen, den Bezug von lokal produziertem Strom, die Einspeisung von Überschussstrom aus bestehenden Solaranlagen ins Netz sowie durch finanzielle Beteiligung.
Neuer VR-Präsident: «Weisslingen schreibt Geschichte»
Es war ein symbolischer Akt: Gleich zu Beginn der Gründungsveranstaltung am Donnerstagabend in der Widum-Halle erhielt Gemeinderat Patrick Geiser (Wisliger Forum) von Felix Speerli ein Solarpanel überreicht. Speerli ist Geschäftsführer der Firma Inpowers, mit der die Gemeinde Weisslingen beim Projekt «Energiepark» zusammenarbeitet.
«Mit diesem Schritt schreiben wir Geschichte», sagte Geiser, der ab sofort als Verwaltungsratspräsident des Energieparks waltet, anschliessend vor den anwesenden Genossenschafterinnen und Genossenschafter. Tatsächlich ist der Energiepark Weisslingen derzeit noch ein Pionierprojekt in der Schweiz.

Initiiert hatte die Idee ursprünglich Gemeindepräsident Pascal Martin (SVP). In der ganzen Diskussion um die in der Gemeinde unpopulären Windräder habe er das Projekt im Gemeinderat angestossen, wie er selbst sagt. Ein erster Testbetrieb soll ab 2026 laufen. (gu)
Patrick Geiser (Wisliger Forum), Gemeinderat von Weisslingen und neuer Verwaltungsratspräsident der Genossenschaft Energiegemeinschaft Weisslingen, hebt die Vorteile dieser hervor: «Die lokale Stromproduktion reduziert die Abhängigkeit von externen Energiequellen und entlastet das Verteilnetz. Dadurch profitiert man von tieferen Netzgebühren.»
Grundsätzlich ist die Energiegemeinschaft offen für alle Formen für Energieerzeugung. Praktisch setzt sie aber fast ausschliesslich auf Solarstrom. Patrick Geiser: «Anders als bei allen anderen Erzeugungsarten finden Photovoltaikpanels Platz auf existierender Infrastruktur, in erster Linie Dächer und Fassaden von Gebäuden.»
Das passe gut zur dicht besiedelten Schweiz, deren Bevölkerung nebst der sauberen und sicheren Energieerzeugung auch den Landschaftsschutz und die Natur hochhalte. Hinzu kommt, dass Photovoltaikanlagen «rasch und ohne aufwendige Bewilligungsverfahren» realisiert werden können.

In einer ersten Phase des Projekts werden etwa 50 Dächer neu mit Photovoltaik genutzt. «Dadurch soll der Eigenverbrauch der Gemeinde mittelfristig verdoppelt werden.» In weiteren Phasen können und sollen weitere Teilnehmer, Produzenten und Konsumenten dazustossen.
Geiser nennt ein Beispiel zur Veranschaulichung des lokalen Stromkreislaufs: «Durch Solarpanels auf einem Einfamilienhaus wird Strom erzeugt. Da die Bewohner tagsüber meist nicht anwesend sind, besteht keine lokale Stromnachfrage. Überschüssige Energie wird in das Netz eines nahe gelegenen Betriebs, zum Beispiel einer Schreinerei, eingespeist. So können Energieverluste minimiert werden – und die Schreinerei arbeitet mit Lokalstrom.»
Banken sollen investieren
Um dieses Szenario zu verwirklichen, sollen in den kommenden Monaten auf Dächern und an Fassaden von Weisslinger Gebäuden Solarzellen installiert werden.
Die erste Investition wird 4 bis 5 Millionen Franken betragen, sagt Patrick Geiser. Dafür ist Fremdkapital notwendig, das mit einem Stammkapital gesichert werden muss – und genau hier kommen die Beiträge der Genossenschafter ins Spiel. «Sobald alle Mitglieder ihren Anteil eingezahlt haben, haben wir ein Startkapital. Damit können wir auf Investoren wie Banken zugehen und Fremdkapital beantragen.»
Keine vollständige Unabhängigkeit
Trotz dem Ziel, möglichst viel Lokalstrom zu produzieren und zu verwenden, ist eine vollständige Unabhängigkeit von anderen Stromnetzen nicht möglich. Die Grundversorgung des Gebiets liegt bei den Elektrizitätswerken Kanton Zürich (EKZ). Und diesen gehören auch die Leitungen, durch die dann der lokale Strom fliessen würde. Dafür wird ein Entgelt fällig, das die Genossenschaft Energiegemeinschaft Weisslingen an die EKZ bezahlt. «Eine vollständige Unabhängigkeit ist technisch nicht umsetzbar», sagt Geiser.

Zudem sei der Strombedarf in Weisslingen höher, als es die lokale Produktion mit Solarpanels leisten könnte. Auch die Jahreszeiten spielen eine Rolle: «Im Winter haben wir zu wenig Energie, im Sommer zu viel.»
Ein Speicher für den überschüssigen Strom ist bisher noch nicht vorhanden. «Sollte ein solcher Speicher realisiert werden, werden wir eng mit den EKZ zusammenarbeiten», sagt Geiser. Das ist nötig, denn: Der Speicher muss beim Verteilnetzbetreiber – im Fall von Weisslingen bei den EKZ – angemeldet werden. «Jeden Schritt stimmen wir mit den EKZ ab, damit der Stromfluss in ihr Netz passt.»
Andere Gemeinden holen auf
Der Energiepark Wislig ist einer der ersten seiner Art in der Schweiz. In Wila beschreitet man nun denselben Weg, in einem halben Jahr will man dort am gleichen Punkt stehen wie Weisslingen jetzt.
Wer sich nach der Gründung der Genossenschaft in Weisslingen am Energiepark beteiligen möchte, kann das jederzeit tun: Neue Genossenschafterinnen und Genossenschafter sind auch jetzt noch willkommen. Die Kosten für einen Anteilsschein betragen 1000 Franken. Interessierte sollen sich mit Gemeinderat Patrick Geiser in Verbindung setzen.