Wie sicher ist die Aathalstrasse?
Wahrnehmung versus Statistik
Die Hauptverkehrsachse durch das Aatal ist immer wieder Schauplatz von Unfällen. Doch ab wann gilt eine Strasse als gefährlich – und wann werden Massnahmen ergriffen? Eine Suche nach Antworten.
Die Strecke durch das Aatal polarisiert. Autos, Motorräder, Lastwagen, Fussgänger und Velofahrende: Sie alle begegnen sich zwischen der Autobahnausfahrt Uster und dem Ortseingang Wetzikon.
Zwischen der Autobahn und Seegräben heisst sie Aathalstrasse, ab dort bis Wetzikon ist es die Zürcherstrasse. Doch egal, welchen Namen sie trägt: Sie ist eine der Hauptverkehrsachsen im Zürcher Oberland. Eine, auf der es immer wieder zu Unfällen oder Beinahe-Unfällen kommt.
So erst gerade vor zwei Wochen: Der Wagen eines 18-jährigen Autofahrers kollidierte frontal mit einem Tanklaster. Durch den Aufprall geriet der beschädigte Lastwagen auf die Gegenfahrbahn, wo er mit zwei weiteren Autos und einem Lieferwagen kollidierte. Fünf Personen verletzten sich, zwei weitere Beteiligte blieben unversehrt.
Glück im Unglück, weil es einerseits nur Leicht- und Mittelschwerverletzte gab. Andererseits war der Tanklaster voll mit Diesel; wäre er ausgelaufen, hätte dies fatale Folgen für die Natur in unmittelbarer Umgebung und für die Gewässer haben können. Denn der Aabach fliesst in den Greifensee und damit ins Naturschutzgebiet.
Doch es zeigt sich noch ein weiteres Problem: Kommt es im Aatal zu einem Unfall, muss der Verkehr meist grossräumig umgeleitet werden. Dabei kommt das eigens für solche Fälle erarbeitete Aatal-Konzept zum Zug.
Auf der Website der Feuerwehr Wetzikon-Seegräben wird das Umleitungskonzept vorgestellt. Die Hauptverkehrsachse von Wetzikon nach Uster durchs Aatal ist eine der meistbefahrenen Strassen der Schweiz. Täglich fahren über 30‘000 Fahrzeuge durch dieses Nadelöhr. Wenn die Strecke durch einen Unfall blockiert ist, führt das zu einem weiträumigen Verkehrschaos rund um das Aatal. Die Feuerwehren haben in Zusammenarbeit mit der Kantonspolizei Zürich ein Konzept entwickelt, um das Chaos in einigermassen geordnete Bahnen zu lenken.
Muss die Hauptverkehrsachse durchs Aatal zwischen Autobahnausfahrt Uster Ost und Floss in Wetzikon gesperrt werden, löst die Kantonspolizei bei der Einsatzleitzentrale der Feuerwehr das Umleitungskonzept Aatal aus. Dazu werden die Feuerwehren Uster, Volketswil, Pfäffikon und Wetzikon-Seegräben alarmiert. Diese errichten eine grossräumige Umleitung. Der Verkehr von Hinwil nach Uster wird in Wetzikon über Seegräben und Pfäffikon umgeleitet. Die Gegenrichtung wird bei der Autobahnausfahrt Uster Nord via Riedikon beziehungsweise Egg umgeleitet. Mit besagtem Konzept hält sich der Verkehrskollaps in Grenzen.
(tas)
Eine andere Person fordert eine Mittelleitplanke und ein dritter User eine Temporeduktion. Auch in Gesprächen mit Personen, die regelmässig auf dieser Strecke unterwegs sind, wird klar: Subjektiv wahrgenommen ist die Strasse durch das Aatal gefährlich.
Die Unfälle in Zahlen
Ein Blick auf die Unfallkarte des Bundesamts für Strassen, kurz Astra, gibt einen genaueren Einblick. 2022 kam es zu drei Unfällen mit Schwerverletzten, einer Frontalkollision mit Leichtverletzten und fünf Unfällen mit Leichtverletzten.
2023 waren es gemäss Bund sieben Unfälle; bei keinem gab es Schwerverletzte. Todesfälle gab es in den Jahren 2022 und 2023 nicht, der letzte tödliche Verkehrsunfall liegt gemäss aktueller Karte über zehn Jahre zurück. Die Daten für das Jahr 2024 sind noch nicht veröffentlicht.
Doch wann werden Massnahmen – baulicher Natur oder im Rahmen von Tempo- oder Signalisationsänderungen – ergriffen? Wer verfügt darüber? Und unter welchen Umständen wird das Tempo von 80 auf 60 km/h reduziert?
Diverse Kriterien müssen erfüllt sein
Die Aathalstrasse ist eine Nationalstrasse, darum ist das Bundesamt für Strassen zuständig und nicht der Kanton oder die Kantonspolizei Zürich. Astra-Sprecher Manuel von Burg erklärt, dass Massnahmen im Strassenverkehr dann getroffen werden, wenn ein Unfallschwerpunkt definiert wird.
Diese Unfallschwerpunkte werden von Fachpersonen vom Astra ermittelt und müssen «gewisse Werte bezüglich Unfallhäufigkeit sowie Unfallschwere innerhalb eines gewissen Zeitraums» erfüllen. Reine Sachschäden oder Unfälle unter Alkohol- oder Drogeneinfluss werden nicht berücksichtigt.
Bei dieser Erhebung arbeitet das Astra stets eng mit der Kantonspolizei Zürich zusammen. Diese äussert sich nicht zur Aathalstrasse, da es sich um eine Nationalstrasse handelt; sie verweist lediglich auf ein Punktesystem in Bezug auf die Unfallanalyse und Schwerpunktermittlung. «Werden bei einer verkehrstechnischen Unfallanalyse oder einer Inspektion Sicherheitsmängel festgestellt, so werden diese mittels entsprechender Massnahmen behoben.»
Die Norm verlange innerhalb von drei Jahren mindestens fünf Punkte in einem vordefinierten Bereich. Die Punkte errechnen sich wie folgt: Ein Unfall mit Sachschaden gibt null Punkte, ein Unfall mit leicht verletzten Personen einen Punkt und ein Unfall mit schwer verletzten oder getöteten Personen zwei Punkte.
Für Massnahmen braucht es Unfälle
Das Astra richtet sich ebenfalls nach diesem Punktesystem, wobei im Aatal bisher nur ein Unfallschwerpunkt definiert wurde: beim Geschäft Otto’s Warenposten. In diesem Bereich kam es zwischen 2021 und 2023 überdurchschnittlich oft zu Unfällen, in denen der Langsamverkehr – also Velofahrer und Fussgänger – betroffen war.
«Zur Behebung wurden die Fahrbahnmarkierung und insbesondere die Langsamverkehrsmarkierungen zwischen Uster Ost und Wetzikon im Sommer 2024 durchgehend erneuert», erklärt Mediensprecher Manuel von Burg.

Massnahmen auf dem Rest der Strecke durch das Aatal sind keine geplant; dazu müssten erst ein oder mehrere neue Unfallschwerpunkte entstehen. «Was wir natürlich nicht hoffen», betont von Burg.
Sollte es dennoch dazu kommen, können sowohl kurzfristige Massnahmen wie neue Markierungen als auch Anpassungen im Umgebungsbild für eine bessere Sicht zum Einsatz kommen.
«Weitergreifende Massnahmen wie Geschwindigkeitsreduktionen bis zu baulichen Anpassungen dauern oft länger, da hierfür umfangreiche Abklärungen oder Projektierungsarbeiten notwendig sind», erklärt von Burg.
Hoffen auf die Oberlandautobahn
Abschliessend weist er darauf hin, dass die Strecke Teil des Projektperimeters «Lückenschliessung Oberlandautobahn» ist. Damit würden automatisch weniger Fahrzeuge durch das Aatal fahren.
Die Lückenschliessung zwischen Uster und Hinwil ist seit über 30 Jahren ein Thema – und wird die Region auch die nächsten Jahre noch beschäftigen. Denn gemäss Astra ist die Genehmigung des Generellen Projekts durch den Bundesrat für 2027 geplant. Mit dem Start der Realisierung des Projekts wäre nicht vor 2038 zu rechnen. Ob dies überhaupt realistisch ist, ist nach dem Nein zum nationalen Autobahnausbau im letzten November unklar.